Teil 1. Schatten des Lebens zur Miete
Vor dem Fenster hing der November wie ein grauer Dunst, trostlos und endlos, wie eine langwierige Erkältung.

In der Wohnung, die sie bereits im achten Jahr mieteten, roch es nach Staub, alten Tapeten und diesem unausrottbaren Geruch fremder Wohnungen, der sich in Kleidung und Gedanken frisst.
Polina stand am Fenster und sah zu, wie der Wind nasse Blätter über den Hof trieb.
Ihr Spiegelbild im Glas wirkte geisterhaft: müde Augen, streng zusammengebundene blonde Haare, Schultern, die unter der Last unsichtbarer Sorgen gesenkt waren.
Timur bereitete sich auf seine nächste Expedition vor.
Seine Vorbereitungen glichen immer einer Theateraufführung: Schlafsäcke, Karabiner, Karten und Thermounterwäsche flogen durch das Zimmer.
Er, ein Geologe mit der Seele eines Romantikers und dem Griff eines Pragmatikers, liebte es, um sich herum die Aura eines Märtyrers der Wissenschaft zu schaffen, eines Ernährers, der für ein großes Ziel in die Taiga aufbricht.
— Polja, wo sind meine Wollsocken? — seine Stimme klang fordernd, mit einem Hauch von Gereiztheit. — Ich habe doch gesagt, du sollst sie ganz oben hinlegen!
Polina ging schweigend zum Schrank, nahm den ordentlich zusammengelegten Stapel heraus und reichte ihn ihrem Mann.
— Timur, wir haben die Nebenkosten diesen Monat wieder nicht vollständig bezahlt, — sagte sie leise. — Die Vermieterin hat angerufen.
Timur, groß, breitschultrig, mit einem wettergegerbten Gesicht, das Frauen so gefiel, runzelte die Stirn.
Er zog die Riemen seines riesigen Rucksacks so fest, als würde er jemanden erwürgen.
— Fängst du schon wieder damit an? — Er richtete sich auf und sah von oben auf seine Frau herab. — Ich fahre los, um Geld zu verdienen.
Du weißt doch, die Saison war schwer, die Finanzierung wurde gekürzt.
Aber diesmal… diesmal wird es ganz sicher ein richtig fetter Auftrag.
Wenn ich zurückkomme, kaufen wir dir einen Pelzmantel.
Oder wir beginnen endlich, für eine Wohnung zu sparen.
Polina lächelte nur bitter.
Wie oft hatte sie dieses „wir beginnen zu sparen“ schon gehört.
Zehn Jahre Ehe hatten sich in Versprechen aufgelöst.
Während Timur in den Tiefen der Erde nach Gold und seltenen Metallen suchte, führte Polina Touristen durch das historische Zentrum der Stadt.
Sie kannte jeden Stein der Peter-und-Paul-Festung, jede Verzierung an den Fassaden des Winterpalastes, aber sie besaß nicht einen einzigen Zentimeter eigenen Raum.
Ihr Einkommen als Stadtführerin war stabil, aber bescheiden, und es floss in die Aufrechterhaltung des Alltags, während Timur „in sich selbst investierte“ und teure Ausrüstung kaufte.
— Ich brauche keinen Pelzmantel, Timur.
Ich brauche ein Zuhause.
Eine eigene Ecke, — sie sah ihm direkt in die Augen.
— Du bekommst dein Zuhause! — Er winkte ab, als verscheuche er eine lästige Fliege. — Du bist zu sehr auf Materielles fixiert.
In dir steckt zu wenig Spiritualität, Polina.
Ich riskiere dort draußen in der Taiga mein Leben, und du kommst mir mit Rechnungen.
Er fuhr weg und hinterließ den Geruch teuren Tabaks, Unordnung und eine bedrückende Stille.
Polina setzte sich auf das durchgesessene Sofa und spürte, wie in ihr eine kalte Leere wuchs.
Sie wusste noch nicht, dass dieser November alles verändern würde.
Teil 2. Das Haus mit dem Mezzanin und der Geruch von Schnee
Die Nachricht vom Tod des Großvaters Matwei kam per Telegramm, archaisch und beängstigend, wie ein Gruß aus dem vergangenen Jahrhundert.
Polina war seit vielen Jahren nicht mehr im Dorf gewesen, aber sie erinnerte sich an dieses feste Blockhaus, das nach getrockneten Äpfeln und Ofenrauch roch.
Der Großvater, ein strenger und schweigsamer alter Mann, hatte ihr alles hinterlassen.
Nicht nur das Haus mit Grundstück, das sich in einer Zone luxuriöser Vorstadtbebauung befand, sondern auch ein ordentliches Bankkonto, über das in der Familie Legenden kursierten, an deren Wirklichkeit aber niemand geglaubt hatte.
Polina stand mitten in der leeren Stube.
Die Dielen knarrten, als begrüßten sie die neue Hausherrin.
Der Verkauf ging rasend schnell über die Bühne.
Der Bauträger, der nach dem Grundstück gierte, sparte nicht.
Die Summe, die auf Polinas Konto einging, war für ihr früheres Leben astronomisch.
Sie handelte wie im Nebel, doch dieser Nebel war heilsam.
Zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie Entscheidungen selbst, ohne sich nach ihrem Mann umzusehen, der irgendwo außerhalb jeder Reichweite war, zwischen Sümpfen und Mücken.
— Drei Zimmer, schöne Aussicht, Übergabe in einem Monat, — pries die Maklerin, eine lebhafte Dame mit Brille, die Wohnung in einem Neubau an.
Polina unterschrieb die Dokumente mit zitternder Hand.
Eine Wohnung.
Ihre eigene.
Drei Zimmer.
Eine riesige Küche.
Sie stellte sich vor, wie sie ihre Bücher aufstellen und auf der Loggia Kaffee trinken würde.
Und da stach ein Gedanke in ihr Herz: „Und was ist mit Timur?“
Sie erinnerte sich an seine Worte über „Spiritualität“ und „Geldgier“.
Sie erinnerte sich an seine Schwester Swetka, deren Mann, nachdem er von seiner Großmutter geerbt hatte, die Anteile edelmütig zwischen seiner Frau und den Kindern aufgeteilt hatte.
Aber Swetka hatte zwei Söhne.
Polina und Timur hatten keine Kinder.
Timur sagte immer: „Erst müssen wir auf die Beine kommen, dann kommen die Windeln.“
Aber auf die Beine kam nur er — er kaufte neue Angelruten, Gewehre, wechselte Autos, die er später zu Schrott fuhr oder für einen Spottpreis verkaufte.
Im Büro des Notars, als sie das Eigentumsrecht eintragen ließ, hielt Polina den Stift für eine Sekunde über dem Papier an.
— Wir tragen alles nur auf Sie ein? — fragte der Jurist. — Sie sind verheiratet?
— Ja, verheiratet, — antwortete Polina. — Aber das Geld stammt aus dem Verkauf geerbten Eigentums.
Das sind meine persönlichen Mittel.
— Natürlich.
Das ist zweifellos Ihr alleiniges Eigentum, sofern nicht nachgewiesen wird, dass gemeinsame Mittel investiert wurden.
„Keinen einzigen Kopeken“, dachte Polina und spürte eine seltsame Wut.
„Er hat nicht einmal Geld für das Taxi zum Notar gegeben.“
Sie setzte ihre Unterschrift.
Fest und schwungvoll.
In diesem Moment begann die frühere, gehorsame Polina zu verschwinden und einer neuen Frau Platz zu machen — einer herrischen und berechnenden.
Teil 3. Echo in Betonwänden
Timur kehrte im Dezember zurück, mit Bartstoppeln im Gesicht, nach Lagerfeuer und Alkohol riechend.
Die Expedition sei, seinen Worten nach, „normal“ verlaufen, aber Geld brachte er nur Kleingeld mit — angeblich sei alles für die Reparatur des Geländefahrzeugs und für Strafen draufgegangen.
Polina empfing ihn nicht in der Mietwohnung, sondern vor dem Eingang eines neuen Hauses.
Sie hatte ihm einfach ihren Standort geschickt.
Als Timur das Hochhaus sah, das mit Feinsteinzeug verkleidet war, pfiff er anerkennend.
— Nicht schlecht!
Ziehen wir etwa um?
Hast du hier eine Wohnung gemietet?
Sie fuhren mit dem Aufzug hinauf.
Der Schlüssel drehte sich weich im Schloss.
Die Wohnung empfing sie mit dem Geruch frischen Putzes und einem hallenden Echo.
Renoviert war sie noch nicht, nur graue Betonwände standen da, doch die Weite des Raumes beeindruckte.
— Das gehört uns, Timur, — sagte Polina und beobachtete seine Reaktion. — Ich habe Großvaters Haus verkauft.
Ich habe eine Wohnung gekauft.
Timurs Augen leuchteten mit einem räuberischen Glanz auf.
Er ging durch die Zimmer und trampelte herrisch mit schmutzigen Stiefeln über den Estrich.
— Was für ein Großvater!
Was für eine Polinka! — Er hob sie hoch und wirbelte sie herum. — Das ist ja ein Geschenk!
Endlich leben wir wie Menschen!
Drei Zimmer!
Hier machen wir ein Arbeitszimmer, hier das Schlafzimmer… Hör mal, wir müssen dringend mit der Renovierung anfangen.
Ich kenne ein paar Jungs…
Polina befreite sich aus seiner Umarmung und trat zum Fenster.
— Die Renovierung mache ich selbst.
Das Team ist bereits engagiert.
— Selbst? — Timur runzelte die Stirn. — Na gut, du hast ja Geschmack.
Übrigens, wo sind die Dokumente?
Wir müssten den Steuerabzug beantragen und uns auch anmelden.
— Eigentümerin bin ich, Timur.
Allein, — sagte sie ruhig.
Im Zimmer hing eine Stille, schwer wie eine Betonplatte über dem Kopf.
Das Lächeln rutschte vom Gesicht ihres Mannes und wurde erst zu einer Maske des Unverständnisses, dann zu Zorn.
— Wie meinst du das — du?
Wir sind eine Familie.
Alles, was in der Ehe erworben wird, gehört beiden.
— Das ist Erbe, Timur.
Nach dem Gesetz wird es nicht geteilt.
Und ich habe entschieden, dass es so ehrlich ist.
Zehn Jahre lang hast du eine Wohnung versprochen, und gekauft habe ich sie.
— Ehrlich?! — brüllte er, und das Echo verstärkte seine Stimme vielfach. — Willst du mich demütigen?
Ich schufte wie ein Ochse, und du kommst mir mit dem Gesetz?
Swetkas Mann hat die Hälfte auf sie überschrieben!
Die Hälfte!
— Swetka hat zwei Kinder, — erwiderte Polina mit eisigem Ton. — Und ihr Mann lebt für die Familie.
Du aber lebst für deine Expeditionen und Spielsachen.
— Ach so… — Er trat dicht an sie heran und ragte wie ein Felsen über ihr auf. — Also bin ich für dich niemand?
Ein Schmarotzer?
Willst du mir das vorwerfen?
— Ich will dieses Thema einfach abschließen.
Die Wohnung gehört mir.
Punkt.
Du kannst hier leben, sie nutzen, aber besitzen werde ich sie.
Der Skandal dauerte zwei Stunden.
Timur schrie, schlug mit der Faust gegen die Wand, beschuldigte sie des Verrats, der Gier und warf ihr vor, sie sei „keine echte russische Frau“, wenn sie nicht bereit sei, ihrem Mann alles zu geben.
Polina stand mit vor der Brust verschränkten Armen da und schwieg.
Dieses Schweigen machte ihn am meisten rasend.
— Ich fahre weg, — spuckte er schließlich aus. — Eine außerplanmäßige Schicht im Norden.
Denk nach, Polina.
Denk gut nach.
Wenn ich zurückkomme und du mir keinen Anteil überschreibst, dann gib dir selbst die Schuld.
Mit einer Ratte werde ich nicht zusammenleben.
Er ging und knallte die provisorische Tür so heftig zu, dass Putz herunterrieselte.
Polina rutschte an der Wand auf den Boden.
Sie hatte Angst, aber irgendwo tief in ihrer Seele, unter der Schicht der Angst, erhob sich Wut.
Die Wut einer Frau, die man für eine bequeme Ergänzung zu den Möbeln gehalten hatte.
Teil 4. Festmahl während der Pest
Ein halbes Jahr verging.
Die Wohnung verwandelte sich.
Helle Töne, Naturholz, weiche Textilien — Polina steckte ihre ganze Seele und den Rest ihres Geldes in die Renovierung.
Sie arbeitete wie eine Besessene, nahm zusätzliche Touristengruppen an, nur um ihr Nest vollkommen zu machen.
Timur kehrte plötzlich zurück, an einem heißen Juliabend.
Polina deckte gerade den Tisch: Ihre Schwiegermutter, Ljudmila Iwanowna, war zu Besuch gekommen.
Sie war eine ruhige, gebildete Frau, ehemalige Musiklehrerin, die ihre Schwiegertochter aufrichtig liebte und sich für die Grobheit ihres Sohnes immer ein wenig schämte.
Die Tür öffnete sich mit seinem Schlüssel.
Polina hatte das Schloss nicht wechseln lassen, weil sie auf Vernunft gehofft hatte.
Timur trat ein und schleppte eine Reisetasche hinter sich her.
Er sah abgemagert und böse aus.
Sein Blick glitt sofort über das teure Parkett, die italienischen Tapeten und die neuen Geräte.
— Oh, Mama ist auch hier, — brummte er statt einer Begrüßung. — Ausgezeichnet.
Dann gibt es Zeugen.
Er ging in die Küche, ohne die Schuhe auszuziehen.
Ljudmila Iwanowna zog sich zusammen, denn sie spürte den herannahenden Sturm.
— Timuruschka, hallo, mein Sohn.
Wie war die Fahrt?
Polina hat so einen Kuchen gebacken…
— Der Kuchen ist mir egal, — er warf die Schlüssel auf den neuen Glastisch.
Das Klirren war scharf und unangenehm.
— Nun, Polina Sergejewna?
Hast du nachgedacht?
Ein halbes Jahr ist vergangen.
Ich warte auf die Dokumente.
Polina schenkte ruhig Tee ein.
Ihre Hand zitterte nicht, obwohl sich in ihr alles zu einer straffen Feder zusammenzog.
— Timur, setz dich zum Abendessen.
Es wird keine Dokumente geben.
Das Thema ist abgeschlossen.
— Abgeschlossen?! — Er schlug mit der Faust auf den Tisch.
Die Tassen sprangen hoch.
— Du hast hier mit meinem Geld renoviert!
Ich habe gespart, ich habe dir jeden Kopeken geschickt!
— Du hast in einem halben Jahr keinen einzigen Rubel geschickt, — sagte Polina leise, aber deutlich. — Du hast gesagt, es gebe keine Verbindung und die Banken würden nicht funktionieren.
— Ich… Ich habe gespart!
Ich habe investiert!
Du nutzt meine Abwesenheit aus, um mich auszunehmen?
Er erstickte fast an seiner eigenen Frechheit.
Sein Plan war einfach: einschüchtern, mit Autorität erdrücken, sie dazu bringen, sich schuldig zu fühlen.
So hatte er es immer gemacht.
— Mein Sohn, beruhige dich, ich bitte dich, — Ljudmila Iwanowna stand auf und versuchte, seine Hand zu nehmen. — Poletschka hat sich so bemüht, warum machst du…
— Halt den Mund, Mutter! — brüllte Timur und stieß die ältere Frau mit voller Kraft weg.
Ljudmila Iwanowna konnte sich nicht auf den Beinen halten.
Sie stöhnte auf und fiel, wobei sie mit der Hüfte gegen die Ecke der Küchenzeile schlug.
In diesem Moment machte es in Polinas Kopf klick.
Die Sicherung brannte durch.
All die Unterwürfigkeit, die ihr über Jahre anerzogen worden war, all die Ängste, allein zu bleiben, all die Geduld zerfiel zu Staub.
Sie sah das vor Schmerz verzerrte Gesicht der Schwiegermutter und die vor Bosheit verzogene Fratze ihres Mannes.
— Du Mistkerl… — flüsterte Polina.
Das war nicht die Stimme eines Opfers.
Das war die Stimme eines Henkers.
Timur hatte keinen Angriff erwartet.
Er war daran gewöhnt, seine Frau weinen oder schweigen zu sehen.
Er hatte nicht erwartet, dass in ihrer Hand eine schwere metallene Suppenkelle sein würde, mit der sie gerade Soljanka ausgeschenkt hatte.
Ein scharfer Pfiff durchschnitt die Luft.
Der Schlag traf genau den Nasenrücken.
Das Knirschen war zugleich widerlich und süß.
Timur heulte auf, griff sich ins Gesicht, und zwischen seinen Fingern spritzte Blut hervor, das seine Jacke und den sauberen Boden überflutete.
— Bist du wahnsinnig, du Idiotin?! — schrie er, wich zurück und stieß gegen einen Stuhl.
Aber Polina hörte nicht auf.
In ihren Augen lag eine kalte, mathematische Berechnung: das Tier in die Enge treiben.
Sie trat auf ihn zu und holte erneut aus.
Timur, von Schmerz und Überraschung geblendet, versuchte, sie an den Haaren zu packen, und seine Finger krallten sich in ihre Frisur.
Polina riss sich nicht los.
Sie ruckte abrupt mit dem Kopf und biss sich in seinen Unterarm, durch Jacke und Haut bis ins Fleisch.
— A-a-a! — Timur riss die Hand zurück, auf der sich ein blutiger Fleck ausbreitete.
Er wich zurück, stolperte über die Beine seiner Mutter, die noch immer auf dem Boden saß, und stürzte mit Getöse rücklings.
Beim Fallen schlug er mit dem Kopf gegen den Türrahmen und riss sich sofort die Augenbraue auf.
Blut lief ihm ins Auge.
Er versuchte aufzustehen, stützte sich an der Wand ab und schlug in blinder Wut, in dem Wunsch, seine Frau zu treffen, mit voller Wucht gegen die tragende Betonwand, weil er Polinas Schulter verfehlte.
Ein trockenes Knacken brechender Fingerknochen ertönte.
— Meine Finger! — kreischte der Geologe und rutschte an der Wand hinunter.
Polina stand über ihm, schwer atmend, mit der Kelle in der Hand, einer Göttin der Vergeltung gleich.
— Ich sehe schon, mein Erbe lässt dich wohl nicht ruhig schlafen? — fragte Polina.
Der Name Wera aus der Überschrift war ihr zweiter, ihr Taufname, an den sie sich in seltenen Momenten der Wahrheit erinnerte, oder vielleicht zitierte sie nur irgendeine alte Familienredewendung — Anmerkung des Autors: Die Anpassung des Dialogs bleibt erhalten.
— Stell dir vor, es existiert nicht.
Und jetzt geh schlafen.
Raus hier.
Teil 5. Das Treppenhaus, überflutet von kaltem Licht
Alles endete schneller, als es begonnen hatte.
Timur, winselnd, blutüberströmt, mit zuschwellendem Auge, gebrochener Nase, gebrochenen Fingern und einer durchgebissenen Hand, wurde buchstäblich auf den Treppenabsatz hinausgeworfen.
Ljudmila Iwanowna kam hinkend hinterher.
Sie weinte nicht.
Sie sah ihren Sohn mit einem Ausdruck tiefer Abscheu an.
— Mama… sag ihr… — lispelte Timur mit zerschlagenen Lippen und versuchte aufzustehen, doch der beim Sturz umgeknickte Knöchel jagte einen scharfen Schmerz durch seinen Körper.
Er sah erbärmlich aus: Die Kleidung war im Kampf zerrissen, sein Gesicht war zu einer blutigen Maske geworden, der ganze Körper schmerzte von Schürfwunden und Prellungen.
Das war ein völliger körperlicher Zusammenbruch.
— Ich bin nicht deine Mutter, — sagte Ljudmila Iwanowna leise. — Du hast die Hand gegen deine Mutter erhoben und benimmst dich im Haus deiner Frau wie ein Bandit.
Ich bleibe bei Polina.
Und du gehst.
— Wohin?! — heulte er auf. — Ich habe nichts!
— Du hast deinen Stolz und deine Expedition, — schnitt Polina ihm das Wort ab und warf ihm seine Reisetasche hinterher. — Und übrigens, Timur…
Sie hielt für eine Sekunde inne und legte die Hand auf den Türgriff.
— Du hast geschrien, dass du Geld gespart und versteckt hast.
Ich habe dein Versteck in dem alten Rucksack gefunden, den du vor deiner Abreise zurückgelassen hast.
Im Futter.
Timur erstarrte.
Sogar der Schmerz trat zurück.
Dort war alles gewesen, was er fünf Jahre lang vor der Familie verborgen hatte.
Dollar, Euro, große Geldscheine.
Sein „Sicherheitspolster“, sein Traum von einem coolen Jeep, mit dem er seine Frau verlassen wollte, sobald sie ihm lästig wurde.
— Gib es zurück… — krächzte er. — Das ist meins…
— Du irrst dich, — Polina lächelte, und dieses Lächeln war furchterregender als ihr Zorn. — Nach dem Familiengesetzbuch gelten Einkünfte, die während der Ehe erworben wurden, als gemeinsames Eigentum.
Und da du keine Beweise für ihre Herkunft hast, habe ich es als deinen Beitrag zu unserem Haushalt betrachtet.
— Du hast es ausgegeben?!
— Oh nein, Timur.
Ich habe edler gehandelt.
Ich habe damit Ljudmila Iwanownas Behandlung in einem Sanatorium für ein Jahr im Voraus bezahlt.
Und auch eine gute Anzahlung beim Zahnarzt für sie.
Und der Rest… der Rest ging zur Tilgung deiner Unterhaltsschulden, von denen ich erst vor Kurzem erfahren habe.
Anscheinend hast du eine Tochter in Workuta?
Timur wurde kreidebleich.
Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, vernichtend und endgültig.
Das Geheimnis, das er sieben Jahre lang gehütet hatte, brach zusammen.
Er begriff, dass Polina alles wusste.
Sie hatte sich vorbereitet.
Sie hatte nicht einfach nur „ein Erbe bekommen“.
Sie hatte ein kaltes Spiel geführt, während er sie für ein Dummchen hielt.
— Und jetzt, — sie sah auf die Uhr, — kommt in fünf Minuten der Sicherheitsdienst.
Nicht die Polizei, nein.
Ich habe die Jungs vom privaten Sicherheitsdienst unserer Wohnanlage gerufen.
Sie mögen es gar nicht, wenn Obdachlose das Treppenhaus mit Blut beschmutzen.
Die Tür fiel mit einem schweren, herrischen Klang ins Schloss.
Die Schlösser klickten.
Timur blieb allein auf den kalten Fliesen zurück.
Mit einem kompletten Satz Verletzungen, ohne einen Kopeken Geld, mit zerstörtem Ruf, von seiner Mutter verstoßen und von seiner Frau zerdrückt, die er so viele Jahre lang verachtet hatte.
Er versuchte, in der Tasche seiner zerrissenen Hose nach dem Telefon zu tasten, um Freunde anzurufen, doch der Bildschirm war beim Sturz in tausend Stücke zersprungen.
Er saß da und starrte auf die geschlossene Tür, hinter der warmes Licht brannte und wo zwei Frauen, die ihm einst am nächsten gestanden hatten, Tee tranken und ihn für immer aus ihrem Leben gestrichen hatten.
Er hatte geglaubt, Angst sei das, was man empfindet, wenn man in der Taiga einem Bären begegnet.
Doch es stellte sich heraus, dass wahre Angst und völliger Ruin dann kommen, wenn man aufwacht und begreift, dass die eigene Gier das eigene Leben aufgefressen hat und dass diejenige, die man für ein Opfer hielt, in Wahrheit die Jägerin war.



