Elisaweta sah auf den Küchentisch, der mit Einkaufstüten aus dem Supermarkt überladen war.
Garnelen, drei Sorten Käse, Baguettes, Oliven, Wein.

Arturs Liste war lang und genau.
Heute war Freitag, und das bedeutete, dass wieder Gäste kommen würden.
Drei Jahre Ehe hatten Elisaweta eines gelehrt: Ihre Wohnung gehörte nicht nur ihnen beiden.
Jede Woche, manchmal sogar zweimal pro Woche, brachte ihr Mann Freunde oder Kollegen mit nach Hause.
Um zusammenzusitzen, zu trinken, über Fußball oder Geschäfte bei der Arbeit zu sprechen.
Am Anfang fand Elisaweta das normal.
Ihr Mann war gesellig, er hatte viele Bekannte.
Was war schon dabei?
Doch mit der Zeit begann sie, ein Muster zu bemerken.
Artur sagte: „Am Samstag kommen Oleg und Maxim.“
Das war alles.
Nicht mehr.
Alles Weitere war ihr Problem.
Einkäufe.
Kochen.
Tischdecken.
Elisaweta stand stundenlang in der Küche, schnitt, backte, richtete alles auf Tellern an.
Artur sah währenddessen fern oder scrollte auf seinem Handy.
Manchmal kam er in die Küche und sah in den Topf.
— Riecht gut.
Gut gemacht, Lisa.
Und dann ging er wieder zurück.
Die Gäste kamen gegen acht.
Laut, fröhlich, mit Flaschen und Witzen.
Elisaweta lächelte, servierte Vorspeisen und schenkte Wein nach.
Artur saß am Kopfende des Tisches, erzählte Geschichten und lachte lauter als alle anderen.
Der Gastgeber.
Die Seele der Gesellschaft.
Und was war sie?
Bedienungspersonal.
Gegen Mitternacht begannen die Gäste zu gehen.
Sie verabschiedeten sich und bedankten sich für den Abend.
Artur begleitete sie bis zur Tür, klopfte ihnen auf die Schultern und versprach, sich zu melden.
Dann kam er ins Wohnzimmer zurück, gähnte und streckte sich.
— Ich bin furchtbar müde.
Ich gehe schlafen.
Und er ging.
Elisaweta blieb allein zurück mit einem Berg schmutzigen Geschirrs, einem mit Wein verschütteten Tisch und Zigarettenstummeln auf dem Balkon.
Sie räumte bis drei Uhr nachts auf.
Sie spülte, wischte und stellte alles an seinen Platz.
Am Morgen wachte sie völlig erschöpft auf, mit Rückenschmerzen.
Artur schlief bis zum Mittag.
Elisaweta versuchte, mit ihrem Mann zu sprechen.
Einmal schlug sie beim Frühstück schüchtern vor:
— Vielleicht sollten wir seltener Gäste einladen?
Oder du könntest mir wenigstens beim Kochen und Aufräumen helfen?
Artur hob erstaunt den Blick von seinem Teller.
— Wo ist das Problem?
Du kochst doch gern.
— Ich koche gern für uns.
Nicht jede Woche für eine ganze Gesellschaft.
— Lisa, das sind meine Freunde.
Ich kann sie nicht einfach nicht einladen.
Was sollen sie denken?
— Und was soll ich denken?
— Du bist meine Frau, sagte Artur und zuckte mit den Schultern.
Eine richtige Ehefrau unterstützt ihren Mann.
Sie macht nicht aus dem Nichts Probleme.
Elisaweta schwieg.
Eine richtige Ehefrau.
Das hieß also, sie sollte schweigen, kochen und aufräumen.
Sich nicht beschweren.
Sie redete sich ein, dass es Kleinigkeiten waren.
Dass alle Paare so etwas durchmachen.
Dass sie einfach nur Geduld haben musste.
Doch in ihr sammelte sich etwas an.
Langsam, unmerklich.
Wie ein Riss in einer Wand, der mit jedem Regen breiter wird.
Der Oktober begann mit feuchten, durchdringend kalten Regenfällen.
Elisaweta kam durchnässt und durchgefroren von der Arbeit nach Hause.
Sie zog sich um und machte Tee.
Ihr Hals kratzte, ihr Kopf pochte.
Am Abend kamen Schüttelfrost dazu.
Elisaweta legte sich aufs Sofa, deckte sich mit einer Decke zu und versuchte, warm zu werden.
Artur kam spät nach Hause.
Er sah seine Frau auf dem Sofa und blieb an der Tür stehen.
— Was ist mit dir?
— Ich bin wohl krank geworden.
Mein Hals tut weh, und ich habe Fieber.
— Verstehe.
Na dann, kurier dich aus.
Ihr Mann ging ins Schlafzimmer, zog sich um und setzte sich zum Abendessen.
Elisaweta verbrachte die ganze Nacht auf dem Sofa, weil sie keine Kraft hatte aufzustehen.
Am Morgen zeigte das Thermometer achtunddreißig Komma zwei.
Elisaweta rief bei der Arbeit an und ließ sich krankschreiben.
Der Bezirksarzt empfahl ihr am Telefon Bettruhe, warme Getränke und fiebersenkende Mittel.
Elisaweta lag den ganzen Tag.
Dösen wechselte sich mit Schüttelfrost ab.
Sie trank Tee, schluckte Tabletten und hoffte, dass es ihr bis zum Wochenende besser gehen würde.
Artur kam um sieben von der Arbeit zurück.
Er schaute ins Schlafzimmer, wo Elisaweta lag.
— Wie geht es dir?
— Schlecht, antwortete seine Frau heiser.
— Mhm, verstehe.
Hör mal, ich habe Neuigkeiten.
Elisaweta drehte den Kopf auf dem Kissen.
Ihr Mann stand in der Tür, die Hände in den Taschen.
— Welche Neuigkeiten?
— Morgen kommen die Jungs von der Arbeit zu mir.
Wir haben einen Deal abgeschlossen, das müssen wir feiern.
Elisaweta blinzelte.
Sie fragte noch einmal:
— Morgen?
— Ja.
Wahrscheinlich fünf Leute.
Nichts Besonderes, wir sitzen einfach ein bisschen zusammen.
— Artur, ich bin krank.
— Ja, ich sehe es.
Aber das wird doch nicht stören, oder?
Elisaweta stützte sich auf den Ellbogen.
Ihre Schläfen pochten.
— Das wird nicht stören?
Ich komme kaum auf die Beine.
Ich habe Fieber.
— Lisa, versteh doch, ich kann nicht absagen.
Das ist wichtig für meine Karriere.
Die Vorgesetzten werden da sein.
Wenn ich jetzt absage, denken sie, ich sei kein Teamplayer.
— Und ich? Elisaweta umklammerte den Rand der Decke.
Soll ich mit Fieber den Tisch decken?
— Du musst nichts Schwieriges machen, sagte Artur und winkte ab.
Wir bestellen Pizza, und du kaufst im Laden ein paar Aufschnitte.
Höchstens eine Stunde Arbeit.
— Artur…
— Lisa, mach es nicht kompliziert.
Du schaffst das.
Du schaffst immer alles.
Ihr Mann drehte sich um und ging hinaus.
Elisaweta blieb liegen und starrte an die Decke.
Etwas Kaltes und Schweres breitete sich in ihrer Brust aus.
Drei Jahre.
Drei Jahre lang hatte sie gekocht, aufgeräumt und die Gäste angelächelt.
Drei Jahre lang hatte sie gehört: „Du schaffst das“, „du bist doch meine Frau“, „mach keine Probleme“.
Und kein einziges Mal, kein einziges Mal, hatte Artur gefragt, ob sie das überhaupt wollte.
Elisaweta schloss die Augen.
Ihr Kopf rauschte.
Ob vom Fieber oder von der Wut, wusste sie nicht.
Am nächsten Tag sank das Fieber nicht.
Achtunddreißig Komma vier.
Elisaweta lag im Halbschlaf, als sie hörte, wie die Tür aufging.
Artur kam früher als gewöhnlich von der Arbeit nach Hause.
Er ging in die Küche und raschelte mit Tüten.
Dann schaute er ins Schlafzimmer.
— Lisa, wirst du aufstehen?
— Nein, antwortete Elisaweta heiser.
— Wie, nein?
Die Gäste kommen in einer Stunde.
— Dann empfange sie selbst.
Artur runzelte die Stirn.
— Ich habe doch gesagt, dass heute Leute kommen.
— Hast du.
— Und?
Elisaweta setzte sich langsam im Bett auf.
Sie sah ihren Mann an.
Sein unzufriedenes Gesicht, die vor der Brust verschränkten Arme.
Den Menschen, der selbst jetzt, als seine Frau krank war, nur an seine Treffen dachte.
Etwas in ihr brach.
Leise, fast unmerklich.
Wie ein trockener Ast, der unter einem Fuß zerbricht.
— Du wolltest ein Treffen? sagte Elisaweta mit einem spöttischen Lächeln.
Dann sieh jetzt selbst zu, wie du damit klarkommst.
Ich mache bei diesem Theater nicht mit.
Artur war sprachlos.
Er stand mit offenem Mund da, als würde er nicht begreifen, was er gerade gehört hatte.
— Was ist denn mit dir los?
— Du hast mich gehört.
Wenn du Gäste empfangen willst, dann empfange sie.
Allein.
Ich bin krank.
Mir geht es schlecht.
Und ich werde nicht kochen, den Tisch decken und die gastfreundliche Hausfrau spielen.
— Lisa, wovon redest du überhaupt? Die Stimme ihres Mannes wurde lauter.
Ich kann sie nicht absagen!
Der Chef kommt!
— Dein Problem.
— Mein Problem?! Artur trat ins Zimmer.
Verstehst du, was du da tust?
Das ist meine Karriere!
Meine Arbeit!
— Und meine Gesundheit? Elisaweta stand vom Bett auf.
Ihre Beine gaben fast nach, aber sie hielt sich aufrecht.
Meine Zeit?
Mein Leben?
Hat dich das auch nur einmal interessiert?
— Fang nicht an, sagte ihr Mann und winkte ab.
Du bist jetzt hysterisch wegen der Krankheit.
— Ich bin hysterisch, weil ich seit drei Jahren deine Freunde bediene! Elisawetas Stimme kippte in einen Schrei.
Seit drei Jahren koche ich, spüle Geschirr und räume hinter euch her!
Hast du dich auch nur einmal bedankt?
Hast du auch nur einmal angeboten zu helfen?
— Ich arbeite!
Ich verdiene Geld!
— Ich arbeite auch! Elisaweta machte einen Schritt nach vorn.
Nur arbeite ich auch noch zu Hause!
Für deine Treffen!
Die ich überhaupt nicht brauche!
— Du bist egoistisch, presste Artur hervor.
Du denkst nur an dich.
— Ach ja?!
Und an wen denkst du?!
An mich?
Oder daran, was dein Chef sagen wird?!
— Wage es nicht, so mit mir zu reden!
— Warum?
Tut die Wahrheit weh?
Artur ballte die Fäuste.
Sein Gesicht wurde rot.
— Wenn du jetzt nicht aufstehst und alles vorbereitest, dann werde ich…
— Was wirst du? Elisaweta sah ihren Mann kalt an.
Was wirst du tun?
Ihr Mann schwieg.
Er atmete schwer und starrte seine Frau an.
Und plötzlich verstand Elisaweta, dass sie keine Angst hatte.
Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie überhaupt keine Angst vor seinem Zorn, seiner Unzufriedenheit oder seinen Drohungen.
Weil sie kein Teil davon mehr sein wollte.
Elisaweta drehte sich um und öffnete den Schrank.
Sie holte eine Reisetasche heraus.
Sie begann, Sachen hineinzulegen.
Jeans, Pullover, Unterwäsche.
— Was machst du da? fragte Artur und sah seine Frau verständnislos an.
— Ich packe.
— Wohin?
— Weg von hier.
— Lisa, hör auf.
Du bist krank.
Du hast nirgendwohin zu gehen.
— Doch, habe ich, sagte Elisaweta und warf ihre Kosmetiktasche in die Tasche.
Zu meiner Mutter.
— Mach dich nicht lächerlich.
Du gehst nicht.
— Das werden wir sehen.
Artur packte seine Frau am Arm.
— Warte.
Lass uns normal reden.
Elisaweta riss sich los.
— Fass mich nicht an.
— Lisa!
Sie nahm ihr Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter.
Nach dem zweiten Klingeln wurde abgenommen.
— Lisotschka? Veronika Pawlownas Stimme klang besorgt.
Wie geht es dir, mein Töchterchen?
— Mama, kann ich zu dir kommen?
Heute.
Eine Pause entstand.
Dann sagte ihre Mutter leise:
— Natürlich.
Ich warte auf dich.
Jederzeit.
— Danke.
Elisaweta steckte das Telefon in die Tasche.
Sie schloss die Reisetasche.
Artur stand an der Tür und versperrte den Weg.
— Du gehst nicht.
— Geh zur Seite, sagte Elisaweta ruhig.
— Wir müssen reden!
— Es gibt nichts zu bereden.
— Lisa, ich lasse dich nicht gehen!
— Du kannst es mir nicht verbieten, sagte Elisaweta und sah ihm in die Augen.
Geh von der Tür weg.
Artur presste die Kiefer zusammen.
Aber er trat zurück.
Elisaweta ging an ihm vorbei, nahm im Flur ihre Jacke.
Sie zog ihre Schuhe an.
— Lisa!
Bleib stehen!
Wir besprechen alles!
Elisaweta öffnete die Tür.
Die kalte Oktoberluft schlug ihr ins Gesicht.
Ihr Hals brannte.
Aber Elisaweta ging hinaus.
Ohne sich umzudrehen.
Ohne auf die Rufe ihres Mannes aus der Wohnung zu hören.
Sie ging die Treppe hinunter und trat auf die Straße.
Sie rief ein Taxi.
Sie setzte sich ins Auto.
Erst dann atmete sie aus.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wählte sie sich selbst.
Veronika Pawlowna empfing ihre Tochter an der Tür.
Sie umarmte sie schweigend und fest.
Sie führte sie ins Zimmer und legte sie ins Bett.
Sie brachte Tee mit Honig.
— Du erzählst mir alles, wenn du bereit bist, sagte ihre Mutter leise.
Elisaweta begann zu weinen.
Vor Erleichterung, vor Erschöpfung, weil sie endlich nicht mehr so tun musste.
Sie erzählte alles.
Von den Gästen, vom Kochen, vom Putzen.
Davon, wie Artur sie nicht hörte.
Sie nicht sah.
Sie wie Bedienungspersonal behandelte.
Veronika Pawlowna hörte zu.
Sie verurteilte sie nicht.
Sie gab keine Ratschläge.
Sie strich ihrer Tochter nur über das Haar, wie in der Kindheit.
— Du hast gut daran getan, zu gehen, sagte ihre Mutter.
Das ist Mut.
Elisaweta blieb eine Woche bei ihrer Mutter.
Sie kurierte sich aus.
Sie schlief.
Sie ging im Hof spazieren, als es ihr etwas besser ging.
Artur rief jeden Tag an.
Er schrieb Nachrichten.
Elisaweta antwortete nicht.
Nach einer Woche kam eine lange Nachricht.
Entschuldigungen.
Versprechen, sich zu ändern.
„Ich habe verstanden, dass ich falsch lag.
Lass uns neu anfangen.
Ich liebe dich.“
Elisaweta las die Nachricht dreimal.
Dann löschte sie sie.
Worte ändern nichts.
Artur hatte früher auch die richtigen Dinge gesagt.
Und danach war alles wieder beim Alten.
Nein.
Elisaweta wollte nicht mehr in diesem Kreis leben.
Zwei Wochen später reichte sie die Scheidung ein.
Artur versuchte, sie zu treffen und mit ihr zu sprechen.
Elisaweta lehnte ab.
Alles, was gesagt werden musste, hatte sie an jenem Abend gesagt.
Die Scheidung wurde nach drei Monaten vollzogen.
Gemeinsames Eigentum gab es fast keines.
Die Wohnung war gemietet, ein Auto gab es nicht.
Sie teilten Möbel und Geräte auf.
Elisaweta nahm nur das mit, was sie selbst gekauft hatte.
Sie mietete eine kleine Einzimmerwohnung am anderen Ende der Stadt.
Freitags gab es nun keine Gäste mehr.
Kein Kochen bis zur Erschöpfung.
Kein schmutziges Geschirr bis zum Morgen.
Elisaweta kam von der Arbeit nach Hause und kochte sich Abendessen.
Sie setzte sich mit einem Buch ans Fenster.
Sie trank Tee.
Sie lauschte der Stille.
Anfangs war es seltsam.
Ungewohnt.
Als würde etwas fehlen.
Dann verstand sie, dass die Anspannung fehlte.
Die ständige Erwartung, dass Artur gleich neue Gäste ankündigen würde.
Die Bereitschaft, in die Küche zu rennen, zu schneiden, zu braten und zu servieren.
Jetzt gab es das nicht mehr.
Und das war wunderbar.
Ein halbes Jahr verging.
Elisaweta ging nach der Arbeit die Straße entlang, als sie eine vertraute Gestalt sah.
Artur.
Mit einem Mädchen untergehakt.
Jung und lachend.
Ihre Blicke trafen sich.
Artur erstarrte.
Das Mädchen fragte etwas und zog ihn am Ärmel.
Elisaweta nickte ihrem Ex-Mann zu.
Ruhig, ohne Wut.
Und ging weiter.
Zu Hause machte sie Tee.
Sie setzte sich aufs Sofa.
Sie dachte daran, dass das Leben ihr eine wichtige Sache beigebracht hatte: Grenzen muss man sofort setzen.
Nicht nach einem Jahr.
Nicht nach drei Jahren.
Vom ersten Tag an.
Sonst wird man kein Partner.
Man wird zu einer Bequemlichkeit.
Und Elisaweta wollte keine Bequemlichkeit mehr sein.
Sie wollte frei sein.
Und das war sie.



