Ich flehe dich an, gib mir die Schlüssel, mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich anderthalb Stunden und muss dreimal umsteigen!
— Die Freundin rutschte buchstäblich an der Wand des Kiewer Hochhauses hinunter und verschmierte dabei ihre Wimperntusche über die Wangen.
— Sie hat einen Herzinfarkt, jede Minute zählt, und die Taxizentralen sagen ständig, dass es in der Gegend keine freien Wagen gibt!
Die Schlüssel des Crossovers landeten augenblicklich in der Hand der Frau.
Das Einzige, was die Besitzerin des Autos ihr noch hinterherrufen konnte, war, dass sie auf dem nassen Asphalt vorsichtig sein solle.
In so einer Situation denkt man nicht an Regeln, man hat nur ein einziges Bild vor Augen: die Mutter eines anderen Menschen, die dringend Hilfe braucht.
Schon vier Stunden später, nachdem die erste Aufregung abgeklungen war, beschloss die Autobesitzerin, ihre Freundin anzurufen, um zu erfahren, wie die Operation verlaufen war.
Das Telefon war besetzt, dann wurden die Anrufe weggedrückt, und schließlich wechselte es ganz in den Modus „Der Teilnehmer befindet sich außerhalb des Netzabdeckungsbereichs“.
Unruhe schlich sich in ihre Seele und zwang sie, die sozialen Netzwerke zu öffnen — vielleicht gab es dort wenigstens irgendeine Information.
Statt medizinischer Berichte und trauriger Beiträge flimmerten auf dem Bildschirm des Telefons kurze Videos in den Storys auf.
Die Freundin drehte mit strahlendem Lächeln das Lenkrad des fremden Crossovers, während auf dem Rücksitz ein Mann im Geschäftsanzug saß.
Die Bildunterschrift zum Video lautete: „Wenn die Arbeitsschicht mit angenehmen Kunden beginnt. Tarif ‚Komfort‘ rockt, Mädels, wir arbeiten!“
Die Autobesitzerin war sprachlos.
Sie öffnete sofort die App des Taxidienstes, über die sie selbst manchmal Fahrten bestellte, und gab das Kennzeichen ihres Autos ein.
Der Crossover wurde auf der Stadtkarte angezeigt — er führte aktiv Aufträge aus und fuhr durch die zentralen Straßen Kiews.
Der Anruf auf dem Handy kam beim zweiten Versuch durch, und die Stimme am anderen Ende der Leitung zitterte nicht mehr, sondern klang sachlich und sogar leicht gereizt.
— Dein Auto stand doch sowieso nutzlos vor dem Hauseingang herum, und ich muss die Wohnungsmiete und meine neue Maniküre bezahlen, ich habe Schulden bis über beide Ohren!
— schnitt die Freundin ihr das Wort ab und übertönte dabei das Geräusch des Navigationsgeräts.
— Warum schreist du so?
Ich habe dir an der Tankstelle Benzin für fünfhundert Hrywnja eingefüllt, also sind wir vollkommen quitt, du wirst an einem Tag schon nicht verarmen!
— Du hast mein Auto unter dem Vorwand genommen, dass deine Mutter todkrank ist, nur um damit Taxi zu fahren?
— Die Stimme der Autobesitzerin brach heiser ab.
— Bring sofort die Schlüssel und das Auto dorthin zurück, wo du sie genommen hast!
— Ach, dramatisier nicht, ich komme heute Abend — schnaubte die Freundin und legte auf.
Die Erkenntnis des Verrats traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.
Die Situation einfach so zu lassen, war unmöglich: Im Handschuhfach des Autos lagen die Papiere, und die selbst ernannte „Taxifahrerin“ war nicht in der Versicherung eingetragen.
Bei jedem Unfall wäre die gesamte Verantwortung auf die Besitzerin gefallen.
Die Besitzerin sperrte über die mobile App den Ersatzsender der Alarmanlage, in der Hoffnung, dass dies ihre Freundin zum Anhalten zwingen würde, doch das System zeigte nur, dass das Auto im Stadtteil Posnjaky abgestellt worden war — offenbar war dort gerade eine weitere Fahrt beendet worden.
Die Besitzerin hielt ein vorbeifahrendes Auto an und eilte zum Parkplatz ihres Wagens, wobei sie sich am GPS-Tracker orientierte.
Als sie sich dem angegebenen Punkt in der Nähe eines großen Einkaufszentrums näherte, sah sie ihren Crossover.
Die Freundin setzte sich gerade auf den Fahrersitz, während sich neben ihr auf dem Beifahrersitz ein finsterer Mann mit einer Sporttasche niederließ.
Die Besitzerin sprang aus dem Wagen, der sie mitgenommen hatte, und rannte zu ihrem Auto, wobei sie es von außen über die App verriegelte, sobald die Freundin die Tür zugeschlagen hatte.
— Raus aus dem Auto!
— rief die Besitzerin und klopfte gegen die Scheibe der Fahrertür.
— Gib die Schlüssel her, die Polizei ist schon unterwegs!
Der Fahrgast erfasste sofort die Lage, die verriegelten Türen und die Schreie auf der Straße, und beschloss, kein Risiko einzugehen.
Er riss ruckartig von innen am Griff, fiel aus dem Innenraum, ließ die Tasche auf dem Rücksitz liegen und verschwand schnell in der Menschenmenge bei der U-Bahn.
Die Freundin, die nun in dem ausgeschalteten Auto eingesperrt war, wurde vor ihren Augen blass.
Zehn Minuten später traf auf dem Parkplatz eine Polizeistreife ein, die die Besitzerin bereits unterwegs gerufen hatte.
Als die Streifenpolizisten das Auto öffnen ließen und die von dem erschrockenen Fahrgast zurückgelassene Tasche untersuchten, befanden sich darin keine persönlichen Gegenstände, sondern mehrere Dutzend Packungen unmarkierter Zigaretten und Tüten mit einer verdächtigen Substanz.
Als die Freundin begriff, dass es brenzlig wurde, änderte sie sofort ihren Ton.
— Du lässt mich doch nicht hier, oder?
— schrie sie, als die Beamten begannen, ein Protokoll aufzunehmen.
— Wir waren doch seit der Schule befreundet!
Na gut, ich habe ein bisschen mit deinem Auto gearbeitet, was ist denn daran so schlimm?
Sag ihnen, dass du mir selbst erlaubt hast, das Auto zu nehmen, sonst machen sie mich zur Komplizin dieses Drogendealers!
— Mein Auto stand tatsächlich ungenutzt herum — antwortete die Besitzerin leise, während sie nach der Dokumentenprüfung die Schlüssel vom Polizisten zurücknahm.
— Aber Ehrlichkeit und Freundschaft sind, im Gegensatz zu deiner Maniküre, viel mehr wert als fünfhundert Hrywnja.
Und mit der Polizei kommst du selbst zurecht — du bist schließlich ein großes Mädchen.
Der Crossover fuhr langsam vom Parkplatz, während die ehemalige Freundin zurückblieb, um den Ermittlern ihre Aussage zu machen.
Am selben Abend erhielt die Besitzerin eine Nachricht von der Mutter eben jener Freundin: Die ältere Frau lebte, war gesund, befand sich zu Hause im Vorort und verstand aufrichtig nicht, warum die Polizei sie anrief und sie bat, den Pass ihrer Tochter mitzubringen.
Wie hättet ihr an der Stelle der Autobesitzerin gehandelt, nachdem ihr einen solchen Betrug entdeckt hättet, und verdient die ehemalige Freundin in dieser Situation überhaupt irgendein Mitgefühl?




