Oleg Petrowitsch Wolkow konnte Menschen verstehen.
In Jahrzehnten im Geschäftsleben hatte er gelernt, Angst, Neid und Verstellung auf den ersten Blick zu erkennen.

Deshalb verstand er alles ohne Worte, als er auf dem Empfang sah, wie Irina Serebrowa — die Ehefrau des Besitzers einer Supermarktkette — beim Anblick seiner Tochter so bleich wurde, als hätte sie einen Geist gesehen.
Glascha stand neben ihrem Vater in einem schlichten dunkelblauen Kleid, das Haar zu einem ordentlichen Knoten gebunden, und sah die verwirrte Frau ohne Bosheit an — einfach ruhig und ein wenig traurig.
Gerade dieser Blick — erwachsen, müde, überhaupt nicht mädchenhaft — schnitt Wolkow am stärksten ins Herz.
Er wusste noch nicht, was einige Tage zuvor in der Villa der Serebrows geschehen war.
Aber seine Tochter kannte er gut.
Und das bedeutete, dass es einen Grund gab, so zu schauen.
Glascha war vor fünf Jahren in die Stadt gekommen — achtzehn Jahre alt, mit einem abgenutzten Koffer und dem festen Entschluss, Tierärztin zu werden.
Sie kam aus Saretschje — einer Siedlung drei Stunden vom Gebietszentrum entfernt, wo ihr Vater Milchviehbetriebe besaß und wo sie seit ihrer Kindheit jede Kuh beim Namen kannte.
Natürlich wusste im Studentenwohnheim niemand etwas von den Höfen.
Glascha zog in ein Vierbettzimmer ein, lernte ihre Mitbewohnerinnen kennen — Nastja, Ljuda und Katja — und fügte sich vom ersten Tag an in ihren einfachen Alltag ein: Küchendienst, gemeinsamer Wasserkocher, Vorlesungen ab acht Uhr morgens, abendliche Gespräche mit Zwieback und billigem Tee.
Sie gehörte dazu.
Vollkommen, ohne die geringste Anstrengung.
Abends ging sie dreimal pro Woche in einem Café in der Nähe der Universität jobben — sie brachte Bestellungen, lächelte die Gäste an, legte das Trinkgeld in einen Umschlag und beschwerte sich nie.
Im Sommer und in den Winterferien fuhr sie nach Hause, brachte von dort Gläser mit Marmelade und in Leinentuch gewickelten Speck mit und verteilte alles an ihre Mitbewohnerinnen, wobei sie verlegen den Blick vor ihrem Dank senkte.
— Unsere Glaschka ist Gold wert, sagte Nastja.
— Einfach wie drei Kopeken und mit offenem Herzen.
Niemand widersprach.
Glascha war wirklich einfach.
Sie trug Jeans und Pullover, schminkte sich kaum, lachte laut und ansteckend, verlief sich in Einkaufszentren und verstand nicht, warum man die Hälfte seines Stipendiums für einen einzigen Restaurantbesuch ausgeben sollte.
Sie gehörte zu den Besten ihres Jahrgangs.
Das wussten alle.
Aber im Wohnheim gab es genug gute Studenten, also wunderte sich niemand besonders.
Sergej Serebrow lernte sie genau in jenem Café kennen, in dem sie arbeitete.
Er kam mit Freunden, bestellte Kaffee, dann noch einen Kaffee, fragte dann, wie sie hieß, und kam am nächsten Tag wieder allein.
Zuerst nahm Glascha ihn nicht ernst.
Er war schön, gut gekleidet und hatte jene besondere Sicherheit in den Bewegungen, die Menschen haben, die nie Not gekannt haben.
Solche hatte sie an der Universität gesehen — sie studierten auf bezahlten Plätzen, fuhren eigene Autos und sahen durch diejenigen hindurch, die auf staatlich finanzierten Plätzen studierten.
Aber Sergej erwies sich als anders.
Er fragte sie aufrichtig nach ihrem Studium, ohne Herablassung.
Er lachte über seine eigenen Witze ein wenig früher als über die anderer, was in ihm einen lebendigen und offenen Menschen verriet.
Einmal half er ihr, einen großen Stapel Lehrbücher von der Haltestelle bis zum Wohnheim zu tragen, und machte daraus keine Heldentat.
Sie begannen, sich zu treffen.
Ihre Freundinnen seufzten und flüsterten.
— Das ist doch Serebrow! sagte Ljuda und drückte die Hände an ihre Wangen.
— Sein Vater ist Serebrow senior!
— Sie haben mehrere Supermärkte in der ganzen Region!
— Na und, antwortete Glascha und wurde rot.
— Er ist gut.
— Aschenputtel, seufzte Nastja schon ohne Spott.
— Ein echtes Aschenputtel.
Glascha widersprach nicht.
Sie fühlte sich wirklich ein wenig wie Aschenputtel — nicht weil Sergej reich war, sondern weil es neben ihm so schön war und weil sie solche Angst hatte, das zu verlieren.
Sie erzählte ihm nichts von ihrem Vater.
Nicht, weil sie sich schämte — sondern weil sie sicher wissen wollte, dass er sie liebte, Glascha, und nicht Wolkows Tochter.
Das war wichtig.
Vielleicht war es das Wichtigste von allem.
Dass sie seine Eltern kennenlernen sollte, sagte Sergej ihr eine Woche vorher.
Er war ernst und etwas angespannt.
— Ich habe ihnen gesagt, dass du Studentin bist, aus der Region, sagte er und sah ihr in die Augen.
— Ich habe sie gebeten, dich so anzunehmen, wie du bist.
— Sie haben es versprochen.
— Du hast ihnen von mir erzählt? fragte Glascha erstaunt.
— Natürlich.
— Viel.
Er nahm ihre Hand.
— Ich liebe dich.
— Ich will, dass sie das verstehen.
Glascha nickte.
Ihr Herz zog sich zusammen — aber sie schrieb es der Aufregung zu.
Sie wusste nicht, dass Versprechen im Haus der Serebrows ein besonderes Verfallsdatum hatten.
Die Villa empfing sie mit Stille und Licht.
Weiße Säulen, teure Autos am Tor, der Duft teurer Parfüms im Flur.
Glascha hatte noch Zeit zu denken, dass ihr Mantel ein wenig zerknittert war, und ärgerte sich sofort über diesen Gedanken.
Im Wohnzimmer waren viele Menschen.
Das war die erste Überraschung — Sergej hatte von einem Familienessen gesprochen, doch hier hatten sich etwa zwanzig Personen versammelt.
Geschäftspartner, Nachbarn, Töchter von irgendwem in Abendkleidern.
Sie sahen Glascha neugierig an — offen und unangenehm.
Irina Serebrowa war eine schöne Frau mit kalten Augen und einem Lächeln, das diese Augen nie erreichte.
— Glaschenka, sagte sie so, wie man Namen ausspricht, die einem nicht gefallen.
— Endlich.
— Serjoscha hat uns so viel von dir erzählt.
Sergejs Vater, Viktor Serebrow, schüttelte ihr kurz die Hand und wandte sich ab.
Man setzte sie an den Tisch.
Sergej saß neben ihr, und Glascha spürte, wie angespannt er war.
Anfangs verlief alles erträglich.
Man sprach über das Wetter, über irgendeinen Bau, über die Datscha von jemandem.
Glascha schwieg, antwortete knapp, wenn man sie fragte, und versuchte, die richtig angeordneten Bestecke nicht mit den Ellbogen zu berühren.
Dann hob Irina Serebrowa ihr Glas und wandte sich mit gesellschaftlicher Stimme an die Gäste:
— Wissen Sie, dass sich unser Serjoscha verliebt hat?
— Sehen Sie, er hat uns eine Braut mitgebracht.
— Glascha aus Saretschje.
— Ein Mädchen vom Land, sie machte eine Pause, eine Studentin.
— Sie studiert Tiermedizin.
Die letzten Worte klangen wie ein Witz.
Jemand lachte verhalten.
Eines der Mädchen im Abendkleid — langhaarig und gepflegt — konnte sich nicht zurückhalten:
— Tiermedizin?
— Um kleine Kühe zu behandeln?
Das Lachen wurde etwas lauter.
— Aber bitte, griff Irina mit gespielter Gutmütigkeit auf, das ist ein edler Beruf.
— Besonders, wenn man sein ganzes Leben unter Tieren verbracht hat.
— Glaschenka, erzähl uns vom Dorf.
— Dort gibt es wahrscheinlich inzwischen sogar Strom?
Pause.
Jemand kicherte.
— Den gibt es, antwortete Glascha ruhig.
— Und Internet auch.
— Na so etwas, Irina breitete die Hände aus.
— Der Fortschritt ist angekommen.
— Und euer Haus ist groß?
— Vermutlich aus Holz?
— Aus Stein.
— Und habt ihr Kühe?
— Ja.
— Eigene Milch, hausgemachte Eierchen, meldete sich Viktor Serebrow endlich zu Wort, und in seiner Stimme lag so viel Herablassung, dass Glascha am liebsten aufgestanden und gegangen wäre.
— Gut.
— Nur braucht Serjoscha, weißt du, eine Frau auf einem anderen Niveau.
— Er ist von Kindesbeinen an im Geschäft, er hat Beziehungen, Verpflichtungen…
— Papa, sagte Sergej leise.
— Schweig.
Der Vater drehte sich nicht einmal zu ihm um.
Der Abend ging weiter.
Die Witze wurden feiner und gleichzeitig gröber — jener besondere Spott, der sich hinter höflichen Worten versteckt und deshalb genauer verletzt.
Das langhaarige Mädchen erzählte einen Witz über Dorfbewohner.
Jemand fragte, ob Glascha eine Spülmaschine bedienen könne.
Jemand riet ihr, Sergej nach der Hochzeit zu frischer Milch mitzunehmen — vielleicht werde er dann klüger.
Glascha hielt sich.
Sie lächelte, wenn man ein Lächeln von ihr erwartete.
Sie schwieg, wenn Schweigen sicherer war als Worte.
Unter dem Tisch drückte Sergej ihre Hand — fest, fast bis zum Schmerz — und sie verstand, dass er nicht schuld daran war, was geschah.
Er war einfach zur Geisel der Menschen geworden, die er liebte.
Doch gegen Ende des Abends verließen sie die Kräfte.
Sie spürte es plötzlich — als ob ein Faden riss.
Ihre Augen brannten, ihre Kehle schnürte sich zu, und sie begriff, dass noch ein Witz, noch ein Blick dieser gepflegten Frau — und sie würde genau hier weinen, an diesem weißen Tisch, unter diesen Menschen, die sich mit Vergnügen für immer daran erinnern würden.
— Serjoscha, sagte sie leise, fast flüsternd.
— Bitte.
— Bring mich weg.
Er stand sofort auf.
Ohne Erklärungen, ohne Entschuldigungen vor den Gästen.
Er stand einfach auf, reichte ihr die Hand und führte sie aus dem Zimmer, während seine Mutter ihnen etwas hinterherrief — was genau, hörte Glascha schon nicht mehr.
Im Auto weinte sie nicht.
Sie saß aufrecht und sah aus dem Fenster.
— Vergib ihnen, sagte Sergej.
Seine Stimme klang fremd, gepresst.
— Vergib mir.
— Ich dachte nicht, dass sie so…
— Du hast sie gebeten.
— Ich habe sie gebeten.
— Sie haben nicht zugehört.
Stille.
— Glascha, ich werde nicht zurückweichen.
— Mein Vater droht mit dem Erbe — dann soll er drohen.
— Ich werde nicht zwischen ihnen und dir wählen.
Sie wandte sich ihm zu.
Sie sah ihn lange an.
— Ich höre dich, sagte sie schließlich.
— Aber jetzt muss ich allein sein.
Er brachte sie zum Wohnheim.
Er begleitete sie bis zur Tür.
Sie drehte sich nicht um.
Im Zimmer schliefen die Mitbewohnerinnen schon.
Glascha zog sich im Dunkeln aus, legte sich hin und starrte an die Decke.
Sie dachte an ihre Mutter, die gestorben war, als sie zwölf war.
An ihren Vater, der sie und den Hof allein großgezogen und sich nie beklagt hatte.
Daran, wie sie zum ersten Mal mit einem Koffer in die Stadt gekommen war und gedacht hatte, dass alles leicht sein würde.
Es war nicht leicht gewesen.
Aber sie hatte es geschafft.
Sie würde es auch jetzt schaffen.
Einige Tage später rief ihr Vater an — einfach so, wie er immer sonntagabends anrief.
— Wie geht es dir, Töchterchen?
— Gut, Papa.
— Du lügst, sagte er gutmütig.
— Du hast die gleiche Stimme wie damals, als du in der fünften Klasse eine schlechte Note bekommen hattest und es nicht sagen wolltest.
Sie lachte.
Aber sie erzählte nichts.
Ihr Vater lud sie zu einem Geschäftsempfang ein — eine große Veranstaltung, die Wirtschaftselite der Region, und sie sollte an seiner Seite sein: Er mochte solche Dinge nicht und fühlte sich immer sicherer, wenn seine Tochter in der Nähe war.
Glascha stimmte ohne Begeisterung zu, aber sie stimmte zu.
Sie wusste nicht, dass auch die Serebrows eine Einladung erhalten hatten.
Wolkow erschien auf dem Empfang auf seine übliche Art — ohne Gefolge, mit festem Händedruck und im Gespräch mit den Menschen, als kenne er jeden von ihnen sein ganzes Leben.
Glascha ging neben ihm in demselben dunkelblauen Kleid und war in ihre Gedanken versunken.
Die Serebrows standen am anderen Ende des Saals.
Irina in einem glänzenden Outfit.
Viktor mit einem Glas.
Und Sergej — er sah Glascha als Erster, und sie sah, wie sich etwas in seinem Gesicht veränderte: Erleichterung, Überraschung und Sorge zugleich.
Ihre Gruppen trafen am Buffet zusammen.
— Oleg Petrowitsch! wandte sich einer der Organisatoren an ihren Vater.
— Erlauben Sie mir, Ihnen Viktor Serebrow und seine Frau Irina vorzustellen.
Wolkow schüttelte Viktor die Hand.
Er nickte Irina zu.
— Und das ist meine Tochter, sagte er schlicht, ohne jeden Triumph.
— Glascha.
Die Stille dauerte nur eine Sekunde — aber Glascha spürte sie.
Sie spürte, wie Irina Serebrowa Luft einsog.
Sie spürte, wie sich Viktors Hand, die eben noch entspannt das Glas gehalten hatte, plötzlich anspannte.
Sergej sah Glascha an.
Dann ihren Vater.
Dann wieder sie.
— Ihre Tochter? fragte Irina nach, und in ihrer Stimme lag eine solche Mischung aus Verwirrung und Entsetzen, dass es fast mitleiderregend klang.
— Sie… Glascha ist Ihre…
— Meine, bestätigte Wolkow.
— Kennen Sie sich?
Die Pause zog sich peinlich hin.
Glascha half nicht.
— Wir… ja, wir sind uns begegnet, murmelte Viktor.
Der Vater sah seine Tochter an.
Sie schüttelte leicht den Kopf — nicht jetzt.
Er verstand.
Später, als die Männer zur Seite gingen, um über Geschäfte zu sprechen, trat Irina Serebrowa an Glascha heran.
Ihr Gesicht war anders — nicht kalt und spöttisch, sondern lebendig, verängstigt.
— Glaschenka, begann sie, das, was bei uns zu Hause war…
— Wir wollten dich nicht beleidigen, das war nur ein Scherz, verstehst du…
— Ich verstehe, sagte Glascha.
— Du wirst es deinem Vater doch nicht erzählen?
Ihre Stimme sank fast zu einem Flüstern.
— Warum sollte er das wissen, es würde nur alles verderben…
— Wir können von vorn anfangen, du bist ein kluges Mädchen, du verstehst doch…
Glascha sah sie ruhig an.
— Vor Papa habe ich keine Geheimnisse, sagte sie.
— Ich hatte nie welche.
Irina Serebrowa verstummte.
Glascha ging weg.
Sergej fand sie am Fenster — sie sah auf die abendliche Stadt und dachte an etwas Eigenes.
— Also bist du Wolkows Tochter, sagte er leise.
— Ja.
— Und du hast es mir nicht gesagt.
— Nein.
Er schwieg.
Sie drängte ihn nicht.
— Warum?
Sie wandte sich ihm zu.
Sie sah ihn direkt an.
— Weil ich wollte, dass du mich liebst.
— Nicht Papas Tochter.
— Nicht die Erbin.
— Einfach Glascha, die Kaffee austrägt und um drei Uhr morgens die Anatomie des Pferdes lernt.
Ihre Stimme war ruhig, aber etwas darin zitterte ganz tief innen.
— Ich habe gesehen, wie man Mädchen ansieht, die Geld haben.
— Das ist ein anderer Blick, Serjoscha.
— Einen solchen wollte ich nicht.
Er schwieg lange.
Dann fragte er:
— Und meine Familie… wussten sie es?
— Nein.
— Niemand wusste es.
Er sah sie an.
Etwas regte sich in ihm — Kränkung, Erleichterung und noch etwas Kompliziertes.
— Es tut mir ein wenig weh, gab er schließlich zu.
— Dass du mir nicht vertraut hast.
— Ich verstehe.
— Aber ich verstehe, warum.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
— Nur… versprich mir eines.
— Von jetzt an — keine Geheimnisse mehr.
— Was auch immer geschieht.
— Abgemacht?
Sie nickte.
Langsam, ernst.
— Abgemacht.
Er nahm ihre Hand.
Nicht impulsiv, nicht theatralisch — er nahm sie einfach, wie man die Hand eines Menschen nimmt, der einem teuer ist und den man nicht loslassen möchte.
Oleg Petrowitsch Wolkow erfuhr alles.
Nicht von seiner Tochter — sie erzählte vorsichtig, ohne Einzelheiten, nur das Wichtigste.
Den Rest verstand er selbst.
Er verstand sich auf Menschen.
Gegen Serebrow senior empfand er keinen Hass.
Er verlor einfach das Interesse.
Wenn ein Mensch zulässt, dass seine Tochter an einem gemeinsamen Tisch gedemütigt wird, und danach mit breitem Lächeln eine Visitenkarte reicht — dann hat dieser Mensch weder im Geschäftsleben noch im Leben etwas zu bieten.
Den Schwiegersohn nahm er anders auf.
Sergej kam, um sich vorzustellen, wie er wahrscheinlich noch nie zu jemandem gekommen war — ein wenig verloren.
Wolkow setzte ihn an den Tisch, schenkte Tee ein und fragte, womit er sich beschäftige.
Sie sprachen drei Stunden lang.
Über Geschäfte, über das Leben, darüber, wie es ist, ein ganzes Leben lang mit Menschen zu arbeiten und nicht jedem zu vertrauen, aber trotzdem weiter zu vertrauen.
Als Sergej gegangen war, rief Wolkow seine Tochter an.
— Ein guter Junge, sagte er knapp.
— Ich weiß, antwortete Glascha.
— Bist du glücklich?
Sie schwieg eine Sekunde.
Dann sagte sie:
— Ja, Papa.
Er legte auf und sah lange aus dem Fenster.
Sie heirateten im Frühling.
Die Hochzeit war klein — Glascha wollte keinen Lärm.
Die Freundinnen aus dem Wohnheim, einige Menschen von Sergejs Seite, der Vater mit einem ungewohnt feierlichen Gesicht.
Auch die Serebrows kamen.
Irina war höflich und still.
Viktor hielt einen Toast und trank, ohne anzustoßen.
Glascha triumphierte nicht schadenfroh — sie sah sie einfach so an, wie sie alles ansah: direkt und ruhig.
Das junge Paar begann, getrennt von den Eltern zu leben.
Sergej begann bei seinem Schwiegervater zu arbeiten — zuerst vorsichtig, dann mit Interesse, dann mit Leidenschaft.
Wolkow gewährte ihm keine Vergünstigungen und legte ihm keine Steine in den Weg, er arbeitete einfach neben ihm und zeigte, wie es ging.
Sergej erwies sich als fähiger Schüler.
Die Beziehungen zu Sergejs Eltern blieben kühl.
Nicht feindselig — Glascha trug keine Kränkungen absichtlich mit sich herum, das wäre zu schwer gewesen — aber auch nicht warm.
Irina rief manchmal an, Viktor grüßte zurückhaltend.
Sie alle taten so, als sei jener Abend nur ein Missverständnis gewesen.
Glascha schloss ihr Studium ab.
Sie half einer Stute auf einem von Wolkows Höfen bei der Geburt und konnte sich danach die halbe Nacht vor Begeisterung nicht beruhigen — sie rief Sergej an und erzählte ihm von dem Fohlen.
Er hörte ernsthaft zu und lächelte in den Hörer.
Dann begannen bei den Serebrows die Probleme.
Zuerst leise — wie es immer geschieht.
Ein Vertrag platzte, dann ein zweiter.
Dann stellte sich heraus, dass vor einigen Jahren falsche Entscheidungen getroffen worden waren und die Schulden größer waren, als es schien.
Die Supermarktkette begann zu schrumpfen — die Läden schlossen einer nach dem anderen, wie Lichter, die erlöschen.
Viktor Serebrow rief Wolkow selbst an.
Er sprach lange und überzeugend — über gemeinsame Interessen, über den Markt, darüber, dass sie jetzt alle eine Familie seien und dass es menschlich richtig wäre zu helfen.
Wolkow hörte schweigend zu.
Dann sagte er:
— Viktor.
— Ich habe dich gehört.
— Aber ich habe ein gutes Gedächtnis.
Und legte auf.
Auf dieses Thema kam er nicht mehr zurück.
Sergej erklärte er nichts.
Der verstand es selbst.
Sergejs Eltern verloren vieles.
Nicht alles — sie landeten nicht auf der Straße, sie behielten etwas, wovon man leben konnte.
Aber die Villa musste verkauft werden.
Und die Autos.
Und vieles andere, was jenes Leben ausmachte, in dem man Schwiegertöchter vom Land vor einer Menge von Freunden und Bekannten zum Gespött macht.
Sergej nahm das schwer.
Glascha sah es.
Eines Abends sagte er:
— Es wäre leichter für sie, wenn dein Vater helfen würde.
— Ich weiß.
— Hast du ihn darum gebeten?
Sie schüttelte den Kopf.
— Das ist seine Entscheidung.
— Ich mische mich nicht in seine Angelegenheiten ein.
Sergej schwieg.
Dann sagte er:
— Ich verstehe ihn.
— Ich auch, sagte Glascha leise.
Sie schwiegen.
Draußen fiel ein feiner Frühlingsregen.
— Bereust du etwas? fragte Sergej.
Sie dachte nach.
— Jenen Abend, sagte sie schließlich.
— Manchmal denke ich, wenn ich damals aufgestanden wäre und gesagt hätte, wer mein Vater ist, wäre alles anders gewesen.
— Sie hätten sich mit Entschuldigungen überschlagen.
— Sie hätten mich anders angesehen.
Sie schwieg kurz.
— Und genau deshalb bin ich froh, dass ich es nicht gesagt habe.
Sergej sah sie an.
— Warum?
— Weil ich jetzt sicher weiß: Diejenigen, die an meiner Seite sind, sind an meiner Seite.
— Nicht an der Seite von Papas Geld.
— An meiner Seite.
Er trat zu ihr.
Er umarmte sie schweigend und fest.
Oleg Petrowitsch Wolkow saß zu dieser Zeit in seinem Arbeitszimmer über Papieren und dachte an seine Tochter.
Daran, wie sie in die Stadt gekommen war — achtzehn Jahre alt, mit einem abgenutzten Koffer.
Daran, dass sie nie um etwas Überflüssiges gebeten, kein einziges Mal seinen Namen benutzt und sich kein einziges Mal hinter seinem Rücken versteckt hatte.
Er dachte daran, dass er alles richtig gemacht hatte.
Und daran, dass er alles noch einmal genau so machen würde.
Glascha und Sergej lebten.
Sie lebten einfach — wie Menschen leben, die einander gefunden haben, nicht weil es bequem oder vorteilhaft war, sondern weil in einer lauten Stadt, in einem kleinen Café, ein Mensch ein zweites Mal wegen eines Kaffees kam, den er überall hätte trinken können.
Manchmal kehrte Glascha nach Saretschje zurück.
Sie ging über die Höfe ihres Vaters, sprach mit den Tieren und genoss jene Stille, die die Stadt nicht geben kann.
Sergej fuhr mit ihr.
Anfangs war er zwischen den Kühen und dem Geruch von Heu etwas verloren.
Dann gewöhnte er sich daran.
Dann begann er, darin etwas Eigenes zu finden.
— Weißt du, sagte er einmal, während er den Sonnenuntergang über dem Feld betrachtete, ich habe verstanden, dass es mir hier gefällt.
Glascha lachte.
— Das Dorf zieht einen hinein.
— Oder es liegt an dir.
Sie antwortete nicht.
Sie nahm einfach seine Hand.
Der abgenutzte Koffer stand noch immer in der Abstellkammer ihres Vaters.
Glascha warf ihn nicht weg.
Nicht, weil sie sentimental war — er erinnerte sie einfach daran, woher sie kam, wer sie war und dass all das ihre wirkliche Wahrheit war, die nirgendwo verschwunden war, ganz gleich, wie viele Kleider in ihrem Schrank auftauchten.
Sie war Glascha.
Und sie blieb so.



