— Ich gehe zu Oksana, — Denis wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und warf sie auf den Tisch.
— Sie ist schwanger.

Nina hielt eine Pfanne mit Rührei in der Hand.
Sie hatte ihm gerade Frühstück gebraten.
Wie immer.
Wie fünfzehn Jahre lang.
— Hast du gehört?
— Sie ist im dritten Monat.
— Es wird ein Sohn.
— Und du hast es all die Jahre nicht geschafft, mir ein Kind zu schenken.
Nina stellte die Pfanne auf den Herd.
Ihre Finger öffneten sich von selbst.
— Pack deine Sachen und zieh bis Ende des Monats aus, — Denis stand auf und nahm seine Jacke.
— Die Wohnung gehört mir.
— Ich habe hier das Geld nach Hause gebracht, und du?
— Du hast Borschtsch gekocht und Socken gewaschen.
— Also räum die Wohnung.
— Oksana wird sie brauchen.
Die Tür knallte zu.
Nina blieb mitten in der Küche stehen.
Draußen schrien Krähen.
Das Rührei kühlte auf dem Herd ab.
Das Leben endete zwischen dem ersten und dem zweiten Schluck Morgenkaffee.
Die Schlange in der Frauenberatung reichte bis zur Treppe.
Nina saß auf einem harten Stuhl und starrte auf den Boden.
Seit drei Tagen war ihr schwindelig.
Morgens war ihr übel.
Sie schob alles auf die Nerven.
— Mädchen, du bist aber ganz blass, — setzte sich eine Frau mit kurzem Haarschnitt und klugen Augen neben sie.
— Soll ich dir Wasser holen?
— Danke, es geht gleich vorbei.
— Ich heiße Swetlana Borissowna, — die Frau zog ein Taschentuch aus der Tasche und reichte es Nina.
— Ich sehe, dass bei dir etwas Ernstes ist.
— Willst du, dass ich einfach neben dir sitze?
— Manchmal hilft das.
Nina wusste nicht, warum sie zu reden begann.
Vielleicht, weil diese Frau eine Fremde war.
Vielleicht, weil es sonst niemanden gab, mit dem sie reden konnte.
Die Worte flossen von selbst — über Denis, darüber, dass sie an ihrer Kinderlosigkeit schuld sein sollte, darüber, dass man sie aus ihrem eigenen Zuhause hinauswarf.
Swetlana Borissowna hörte zu und nickte.
Und dann sagte sie:
— Wissen Sie, ich habe im Leben vieles gesehen.
— Und ich habe eines bemerkt: Die lautesten Vorwürfe landen auf den Köpfen derer, die am wenigsten schuldig sind.
— Sie werden sehen — bald wird sich alles umdrehen.
— Elf Wochen, — die Ärztin sah Nina an und lächelte.
— Herzlichen Glückwunsch.
Nina schwieg.
In ihren Ohren rauschte es.
Elf Wochen.
All die Wochen trug sie ein Kind unter dem Herzen, während Denis sie als „leeres Nichts“ bezeichnete.
Während er mit Oksana schlief und Pläne für ein neues Leben schmiedete.
Während er sie aus dem Haus warf.
— Sie müssen sich anmelden, — schrieb die Ärztin etwas in die Karteikarte.
— Und das Wichtigste: kein Stress.
— Ihre Schwangerschaft ist nicht ganz unkompliziert, Sie müssen sich schonen.
Nina ging mit watteweichen Beinen in den Flur hinaus.
Swetlana Borissowna wartete immer noch auf der Bank.
— Na, wie ist es?
— fragte sie und kam ihr entgegen.
— Ich bin schwanger, — sagte Nina es laut und spürte, wie in ihr etwas zerbrach und sich neu zusammensetzte.
— Elf Wochen.
— Und er… er hat mich unfruchtbar genannt und ist gegangen.
Swetlana Borissowna legte ihr den Arm um die Schultern.
— Kommen Sie.
— Wir müssen ernsthaft reden.
In einem kleinen Café gegenüber der Poliklinik trank Nina süßen Tee und hörte zu.
— Ich kenne einen Anwalt, — schrieb Swetlana Borissowna eine Nummer auf eine Serviette.
— Sehr gut.
— Sie müssen schnell handeln.
— Ihr Mann denkt, Sie seien gebrochen.
— Aber wir werden ihm etwas zeigen.
Drei Tage später rief Mascha an, eine alte Freundin.
— Nin, sitzt du gerade?
— Ihre Stimme zitterte.
— Ich bin zufällig im Internet auf einen Laden gestoßen.
— Da verkaufen sie Kerzen.
— Deine Kerzen.
Nina verstand es nicht sofort.
— Wie meine?
— Schau, — Mascha klickte etwas auf dem Handy.
— Diese hier mit dem Rosenmuster.
— Und die, die du zu Neujahr gemacht hast, erinnerst du dich, mit den Schneeflocken?
— Die verkaufen sie hier für irre viel Geld.
— Und sie verschicken sogar ins Ausland.
Nina öffnete den Link, den Mascha ihr geschickt hatte.
Auf dem Bildschirm waren ihre Arbeiten.
Jede Kerze, die sie abends in der Küche geschnitzt hatte, während Denis fern sah.
Dutzende, hunderte Stunden Arbeit.
Denis und seine Mutter, Sinaida Fjodorowna, hatten die fertigen Kerzen immer mitgenommen.
Sie sagten, sie würden sie an Bekannte und Verwandte verschenken.
Nina glaubte es.
Sie war es gewohnt zu glauben.
Doch sie verkauften sie.
Sie verkauften ihre Arbeit als „Exklusivware“.
Der Shop war auf Sinaida Fjodorowna registriert, aber Nina erkannte die Handschrift — die Produktbeschreibungen schrieb Denis.
— Das ist illegal, — der Anwalt, den Swetlana Borissowna mitgebracht hatte, legte Ausdrucke der Seiten vor sich hin.
— Ihre geistige Arbeit wurde ohne Zustimmung genutzt.
— Außerdem haben sie Einnahmen vor Ihnen verborgen.
— Das gibt uns einen großen Vorteil vor Gericht.
Denis kam mit seiner Mutter in den Gerichtssaal.
Sinaida Fjodorowna trug ein neues Kostüm und sah Nina an, als hätte diese ihnen das Letzte gestohlen.
— Du wirst es bereuen, dass du dich mit Anwälten eingelassen hast, — zischte sie im Flur vor der Sitzung.
— Mein Sohn hat sein ganzes Leben für dich geschuftet, und du verklagst ihn jetzt auch noch.
— Undankbare.
Nina schwieg.
Früher hätte sie sich gerechtfertigt, geweint, um Verzeihung gebeten für etwas, wofür sie nicht schuldig war.
Jetzt wartete sie einfach.
Im Saal sprach der Anwalt ruhig und klar.
Kontoauszüge.
Screenshots des Shops.
Bewertungen von Käufern, die schrieben, wie großartig die handgemachten Kerzen seien.
Dann legte der Anwalt eine Bescheinigung aus der Frauenberatung auf den Tisch.
— Meine Mandantin ist schwanger, — er sah die Richterin an.
— Schwangerschaftswoche: elf.
— Der Vater des Kindes ist der Beklagte.
— In genau der Zeit, als er sie der Unfruchtbarkeit beschuldigte und aus dem Haus warf, trug sie bereits sein Kind.
Denis zuckte auf seinem Stuhl zusammen.
Sinaida Fjodorowna riss den Mund auf.
— Das lügt sie!
— Denis sprang auf.
— Sie will nur Geld erstreiten!
— Ein DNA-Test nach der Geburt wird alles zeigen, — zuckte der Anwalt mit den Schultern.
— Aber die medizinischen Unterlagen sind eindeutig: Die Empfängnis erfolgte in der Ehe.
Die Richterin verkündete das Urteil eine Woche später.
Der Großteil des Eigentums ging an Nina.
Denis wurde verpflichtet, eine Entschädigung für die Nutzung ihrer Arbeiten zu zahlen sowie Unterhalt für das Kind.
Außerdem wurde ihm verboten, sich der Ex-Frau ohne ihre Zustimmung zu nähern.
Sinaida Fjodorowna weinte im Flur des Gerichts.
— Du hast uns ruiniert!
— Wir haben dich zu etwas gemacht, und du!
Nina ging an ihr vorbei.
Ohne sich umzudrehen.
Die alte Datscha der Eltern lag in einem abgelegenen Dorf fünfzig Kilometer von der Stadt entfernt.
Nina kam am Samstagmorgen dort an.
Sie brauchte Ruhe.
Sie musste einfach nur atmen und nicht an Gerichte, Scheidung und Verrat denken.
Das Haus empfing sie mit dem Geruch von altem Holz und vorjährigem Laub.
Nina öffnete die Fenster, wischte Staub, holte aus der Kammer Materialien für Kerzen.
Vielleicht konnte sie hier neu anfangen.
Der Nachbar, Onkel Pjotr, brachte ihr Milch im Glas und Kartoffeln im Sack.
— Bist du jetzt alleine hier?
— fragte er aufmerksam.
— Wenn was ist — ich bin in der Nähe.
— Ruf sofort an.
— Hier streunen so welche herum, besonders am Wochenende.
— Die denken, die Datschen stehen leer.
— Danke, Onkel Petja.
Nina maß seinen Worten keine Bedeutung bei.
Zu Unrecht.
Am Sonntag fuhr sie ins Dorf, um Brot und Grütze zu kaufen.
Sie kam nach einer Stunde zurück.
Als sie zum Gartentor ging, sah sie ein vertrautes Auto am Zaun.
Denis’ schwarzer Wagen.
Genau der, den er vom Geld aus dem Verkauf ihrer Kerzen gekauft hatte.
Nina blieb stehen.
Sie öffnete das Tor und trat in den Hof.
Auf der Veranda stand Sinaida Fjodorowna mit einer Kiste in der Hand.
Denis trug gerade eine Mikrowelle aus dem Haus.
— Bleib stehen, wo du bist, — sagte Nina leise, aber ihre Stimme klang fest.
Denis drehte sich um.
Für einen Moment verzog sich sein Gesicht vor Schreck, dann versuchte er zu lächeln.
— Ninka, wir wollten nur… na ja, das war doch auch irgendwie mal unseres.
— Wir dachten, wir nehmen ein paar Sachen ganz friedlich mit.
— Laut Gerichtsbeschluss gehört euch hier nichts, — Nina zog ihr Handy heraus.
— Legt alles zurück.
— Sofort.
— Willst du die Polizei rufen?
— Sinaida Fjodorowna trat einen Schritt vor.
— Gegen uns?
— Gegen die Familie?
— Ihr wart in dem Moment nicht mehr meine Familie, als ihr angefangen habt, mich zu bestehlen, — Nina wählte die Nummer des Bezirksbeamten.
— Und jetzt bleibt stehen und wartet.
Denis wurde blass.
Sinaida Fjodorowna stellte die Kiste auf die Veranda.
— Wir haben doch nur gescherzt.
— Stimmt doch, Denis?
— Wir haben nichts…
— Ich habe gesehen, was ihr rausgetragen habt, — Nina nickte zum Kofferraum, der halb offen war.
— Technik, Wachs für Kerzen, Werkzeuge.
— Ihr habt das Schloss aufgebrochen und mich ausgeraubt.
Onkel Pjotr tauchte mit zwei Nachbarn um die Ecke auf.
Sie stellten sich schweigend ans Tor und versperrten den Ausgang.
Die Polizei kam nach fünfzehn Minuten.
Der Bezirksbeamte sah sich das Haus an, den Kofferraum von Denis’ Auto, hörte sich die Erklärungen an.
— So, — er zog ein Protokollformular hervor.
— Einbruch.
— Diebstahl.
— Verstoß gegen die gerichtliche Anordnung, sich der Geschädigten nicht zu nähern.
— Ausweise bitte.
Denis murmelte etwas von einem Missverständnis.
Sinaida Fjodorowna begann plötzlich zu weinen und griff sich ans Herz.
— Mein Blutdruck!
— Mir ist schlecht!
— Soll ich einen Krankenwagen rufen?
— fragte der Beamte ohne großes Mitleid.
— Nein, — wischte sie sich die Augen.
— Ich… ich werde gleich wieder.
Der Beamte schrieb das Protokoll.
Denis unterschrieb, ohne aufzusehen.
Sinaida Fjodorowna schwieg und starrte auf den Boden.
Das Make-up verlief, das neue Kostüm war zerknittert.
Sie sah nicht mehr aus wie die furchteinflößende Schwiegermutter, die Nina fünfzehn Jahre lang gesagt hatte, wie sie zu leben habe.
— Wir schicken das Protokoll ans Gericht, — steckte der Beamte die Papiere ein.
— Das ist schon eine Straftat.
— Bereiten Sie sich darauf vor, sich zu erklären.
— Und wenn Sie noch einmal hier auftauchen, fahren Sie sofort mit aufs Revier.
Denis setzte sich ans Steuer.
Er startete den Wagen.
Seine Hände zitterten.
Sinaida Fjodorowna ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und brach plötzlich laut in Tränen aus.
Laut, hässlich.
Das Auto setzte sich in Bewegung und fuhr langsam die kaputte Straße entlang.
Unter den Rädern spritzten Klumpen Schlamm.
Onkel Pjotr trat zu Nina.
— Richtig so, dass du dich nicht hast einschüchtern lassen.
— Gut gemacht.
Nina nickte.
In ihr war weder Triumph noch Schadenfreude.
Nur Leere.
Leicht, fast schwerelos.
Als hätte man ihr einen Sack von den Schultern genommen, den sie fünfzehn Jahre geschleppt hatte, ohne sein Gewicht überhaupt zu merken.
Sie ging ins Haus.
Sie lief durch die Zimmer und prüfte, was sie hatten mitnehmen können.
Fast nichts.
Nur die Mikrowelle und ein paar Kisten Wachs.
Alles andere stand an seinem Platz.
Nina setzte sich auf das alte Sofa, das noch ihre Kindheit kannte.
Sie legte die Hand auf den Bauch.
Dort drinnen schlug ein winziges Herz.
Ihr Kind.
Es wird nie erfahren, wie sein Vater seine Mutter aus dem Haus warf.
Wie die Großmutter fremde Arbeit stahl und damit handelte.
Es wird hier aufwachsen, in diesem Haus, das nach Äpfeln und frischem Holz riecht.
Wo Nachbarn Milch und Kartoffeln bringen.
Wo man keine Angst haben muss.
Nina stand auf und trat ans Fenster.
Draußen wiegten sich die Zweige der alten Traubenkirsche.
Die Sonne brach durch die Wolken.
Irgendwo im Gras zirpten Grillen.
Sie öffnete das Fenster noch weiter.
Frische Luft strömte ins Zimmer.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte Nina, dass sie wieder frei atmen konnte.
Ende.



