— Deine Wohnung verwandelt sich in einen Durchgangshof, Lena, und das gefällt mir ganz und gar nicht, — Viktor stand mitten im Wohnzimmer, die Arme vor der Brust verschränkt.
Sein Blick wanderte durch die Ecken des Zimmers, als würde er dort Spinnweben oder Staub suchen, doch er stieß nur auf einen fremden Gegenstand — eine große Sporttasche, die neben dem Sofa stand.
— Vitja, bitte, lass uns nicht gleich an der Tür anfangen, — bat Lena leise und stellte die Einkaufstüten auf den Boden.
Sie arbeitete als Perückenmacherin im Theater — sie fertigte komplizierte Perücken und falsche Schnurrbärte an, eine mühsame Arbeit, die höllische Geduld und Ruhe erforderte.
Es pochte in ihren Schläfen.
— Es ist nur vorübergehend.
Du kennst doch die Situation.
— Die Situation? — Viktor schnaubte, und dieses Geräusch schnitt unangenehmer ins Ohr als kratzendes Metall.
— Eine Situation ist, wenn der Wasserhahn tropft.
Aber wenn deine selige kleine Schwester uns ein einjähriges Kind vor die Füße wirft und sich in Luft auflöst, dann ist das eine Katastrophe.
Ich habe mich nicht für die Rolle des Heldenvaters gemeldet.
Wir haben es besprochen: keine Kinder in den nächsten drei Jahren.
Ich muss mich auf meine Aufträge konzentrieren, ich brauche Ruhe, um die Akustik einzustellen, und kein Kindergeschrei.
— Er schläft, — flüsterte Lena und nickte zur halb geöffneten Schlafzimmertür.
— Mascha hat geschrieben, dass sie ein paar Dinge regeln muss.
Sie kommt in ein paar Tagen zurück.
— In ein paar Tagen? — Viktor trat näher, und sein Gesicht verzog sich vor Abscheu.
— Glaubst du das selbst?
Lena, sie hat dich schon einmal im Stich gelassen.
Sie hat dich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, das Geld für die Wohnung eurer Eltern genommen und ist verschwunden.
Und jetzt was?
Hat sie beschlossen, dass die große Schwester ein ewiger Ausweichflugplatz ist?
Lena ging schweigend in die Küche und versuchte, die letzten Reste ihrer Selbstbeherrschung nicht zu verlieren.
Viktor hatte recht, und gerade das machte es noch bitterer.
Mascha, ihre jüngere Schwester, war ein Orkan, der alles auf seinem Weg zerstörte.
Zwischen ihnen lagen sieben Jahre.
Als ihre Eltern bei einem Unfall starben, war Lena achtzehn.
Sie kämpfte Mascha den Vormundschaftsbehörden ab und bewies den Kommissionen, dass sie es schaffen würde.
Sie vergaß ihr Vollzeitstudium, ging arbeiten und klebte nachts diese endlosen Perücken zusammen.
Doch Mascha wurde erwachsen und verlangte die Teilung des Eigentums.
Der Verkauf der Dreizimmerwohnung der Eltern war ein Schlag, aber Lena stimmte zu.
Mascha nahm das Geld und verschwand, während Lena für diese Zweizimmerwohnung, in der sie nun standen, eine Hypothek aufnahm.
Sie zahlte sie jahrelang ab und verzichtete auf alles.
Dann lernte sie Viktor kennen.
Er wirkte zuverlässig und vernünftig.
Orgelstimmer — ein seltener Beruf, gebildet, ruhig.
Bis heute.
Im Zimmer begann Oleg zu weinen.
Der dünne, klagende Laut erfüllte sofort die Wohnung.
Viktor verdrehte die Augen und setzte demonstrativ seine teuren geräuschunterdrückenden Kopfhörer auf, während er sich zum Computer umdrehte.
Lena ging ins Schlafzimmer.
Der Junge stand im Kinderbett — einem alten, das Lena wie durch ein Wunder innerhalb einer Stunde bei Nachbarn gefunden hatte — und streckte ihr die Ärmchen entgegen.
In seinen Augen sah sie etwas schmerzhaft Vertrautes.
Den Blick seines Vaters.
Ebenso verwirrt und gutherzig.
— Na, ruhig, ruhig, Kleiner, — sie nahm ihn auf den Arm und spürte, wie sich der warme kleine Körper an sie drückte.
— Tante Lena ist da.
Alles wird gut.
Sie hatte den Zettel auf dem Küchentisch gefunden, als sie von der Arbeit gekommen war, noch vor dem Gespräch mit ihrem Mann.
Maschas krumme Handschrift: „Lenka, verzeih mir.
Artur hat mich verlassen, ich habe kein Geld und keinen Ort zum Wohnen.
Ich kann so nicht mehr.
Ich brauche Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.
Du bist stark, du schaffst das, wie damals.
Kümmere dich um Oleschka.
Such mich vorerst nicht.
Ich rufe zurück.“
Keine Windeln, keine Wechselkleidung, nur diese Tasche mit ein paar ausgewaschenen Bodys.
Lena wiegte ihren Neffen und spürte, wie in ihr Angst wuchs, vermischt mit Mitleid.
Sie hatte doch gerade erst begonnen, für sich selbst zu leben.
Sie hatte die Hypothek abbezahlt und eine Beförderung in der Werkstatt bekommen.
Sie und Viktor hatten eine Reise ins Altai-Gebirge geplant.
Und jetzt…
Viktor sah in die Küche hinein.
Er schob einen Kopfhörer zur Seite.
— Wenn dieser „Gast“ länger als eine Woche hierbleibt, ziehe ich zu meiner Mutter.
Ich meine es ernst, Lena.
Das passt mir nicht.
Er schrie nicht, sondern sprach in einem gleichmäßigen, trockenen Ton, der ihr Schauer über den Rücken jagte.
Das war kein Ultimatum, sondern die Feststellung einer Tatsache.
— Vitja, er ist mein Neffe.
Mein eigenes Blut.
Wohin soll ich ihn bringen?
In ein Kinderheim?
Du weißt doch, was das bedeutet.
— Das ist nicht mein Blut, — schnitt er ihr das Wort ab.
— Und es ist nicht dein Problem.
Deine Schicht hast du schon abgeleistet, als du dieses undankbare Mädchen großgezogen hast.
Hör auf, auf meine Kosten die Heilige zu spielen.
Er setzte den Kopfhörer wieder auf und ging, wobei er Lena allein mitten im Zimmer zurückließ, mit einem fremden Kind auf dem Arm, das nach Milch und Ausweglosigkeit roch.
Lena drückte den Kleinen fester an sich.
In ihrem Inneren, irgendwo ganz tief, dort, wo früher Sanftheit gewohnt hatte, begann eine kalte und harte Entschlossenheit zu entstehen.
Sie würde den Jungen nicht verlassen.
Nicht einmal, wenn die ganze Welt gegen sie wäre.
Zwei Wochen vergingen.
Die Tage verschmolzen zu einem endlosen Kreislauf: Arbeit, schnell nach Hause, vorübergehende Babysitterin, die Nachbarin hatte zugestimmt, Windeln wechseln, füttern, versuchen, Oleg zum Schlafen zu bringen.
Und die ständige, klebrige Kälte, die von Viktor ausging.
Er hielt sein Wort, aber auf seine Weise.
Er zog nicht sofort aus, verwandelte sich aber in einen Schatten.
Er hörte auf, mit Lena zu Abend zu essen, kaufte nur noch Essen für sich selbst und legte seine Joghurts demonstrativ ordentlich auf ein separates Regal im Kühlschrank.
Seine ganze Erscheinung drückte angewiderte Geduld aus.
Eines Abends klingelte es an der Tür.
Auf der Schwelle stand Nina Viktorowna, Viktors Mutter.
Eine Frau mit hoher Frisur und Röntgenblick, die immer wusste, wie andere besser zu leben hatten.
— Guten Abend, Lenotschka, — sie trat ein und sah sich um.
— Vitja sagte, bei euch gebe es hier… Zuwachs.
— Guten Abend, Nina Viktorowna.
Ja, so ist es gekommen.
Kommen Sie herein, der Wasserkocher ist heiß.
Sie setzten sich in die Küche.
Viktor kam nicht einmal aus dem Zimmer, als wäre der Besuch seiner Mutter Teil eines Plans, in dem ihm die Rolle eines schweigenden Beobachters zufiel.
— Lena, ich werde offen sprechen, — begann die Schwiegermutter und rührte vorsichtig mit dem Löffel im Tee, obwohl sie keinen Zucker hineingegeben hatte.
— Vitja leidet.
Und bei euch ist jetzt eine Filiale einer Kinderkrippe.
— Es ist vorübergehend, Nina Viktorowna.
Mascha wird sich melden…
— Und wenn nicht? — unterbrach sie sie.
— Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht.
Deine Schwester ist ein Kuckuck.
Sie wird nicht zurückkommen, bis sie wieder Geld braucht.
Bist du bereit, deine Ehe auf dem Altar der Erziehung eines fremden Kindes zu opfern?
— Er ist kein fremdes Kind.
Er ist der Sohn meiner Schwester.
Der Enkel meiner Eltern.
— Die, Gott hab sie selig, jetzt ein ganz anderes Leben hätten, wenn sie gewusst hätten, was aus der Jüngeren wird, — konterte die Schwiegermutter hart.
— Lena, hör mir zu.
Du kannst nicht alle retten.
Du und Vitja solltet eure eigene Familie haben, eure eigenen Kinder.
Wozu braucht ihr diese… Last?
Gib ihn dem Jugendamt.
Heute gibt es gute Kinderheime, nicht wie in den Neunzigern.
Dort wird man sich um ihn kümmern und eine neue Familie für ihn finden.
Und Vitja wird sich beruhigen, und ihr werdet wie normale Menschen leben.
Lena sah ihre Schwiegermutter an.
Diese Frau war ihr immer vernünftig erschienen, wenn auch streng.
Doch jetzt klang in ihren Worten eine so eisige Praktikabilität mit, dass es unheimlich wurde.
— Ich werde Oleg nicht ins Kinderheim geben, — sagte Lena leise, aber fest.
— Ich habe selbst die Vormundschaft über Mascha durchgemacht.
Ich weiß, wie es ist, von niemandem gebraucht zu werden.
— Unsinn, — Nina Viktorowna presste die Lippen zusammen.
— Das nennt man Hochmut, Lena.
Du willst für alle gut sein, und am Ende stehst du mit leeren Händen da.
Vitja wird das nicht lange ertragen.
Er ist bei uns ein empfindsamer Junge.
— Empfindsam? — Lena lächelte bitter.
— Seit zwei Wochen tut er so, als würde das Kind nicht existieren.
Er hat nicht einmal gefragt, ob wir Geld für Essen haben.
Mascha hat keinen einzigen Kopeken dagelassen.
— Und warum soll Vitja für die Fehler deiner Familie bezahlen? — wunderte sich die Schwiegermutter ehrlich.
— Er hat seine eigenen Pläne.
Er spart auf neue Ausrüstung.
Das ist sein Geld.
Das Gespräch geriet in eine Sackgasse.
Nina Viktorowna ging und hinterließ eine Duftspur von Parfüm und ein schweres Schuldgefühl.
Am Abend kam Viktor in die Küche, als Lena die Säuglingsnahrung erwärmte.
— Mutter hat recht, — warf er dem Rücken seiner Frau zu.
— Du bist egoistisch, Lena.
Du denkst nur an deinen Heiligenschein als heilige Märtyrerin.
— Und woran denkst du, Vitja?
An deine Ausrüstung?
Der Junge braucht eine Winterjacke, ich habe mein ganzes Gehalt für das Bett und das Essen ausgegeben.
— Das sind deine Probleme, — er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Limonade heraus.
— Ich habe dich gewarnt.
Kein einziger Kopeke aus meinem Budget geht für diesen Zirkus drauf.
Lena sah auf seinen breiten Rücken und spürte, wie in ihr etwas zerbrach.
Nicht die Liebe, nein.
Der Respekt.
Plötzlich sah sie vor sich nicht ihren Mann, sondern einen fremden, gierigen Menschen, der Pfennige zählte, während neben ihm eine lebendige Seele Hilfe brauchte.
Die Wut begann in ihr zu kochen.
Langsam, wie zäher Teer.
Sie fütterte Oleg schweigend und starrte auf die Wand.
Wenn sie Krieg wollten, würden sie ihn bekommen.
Aber aufgeben würde sie nicht.
Die Wende kam unerwartet, als die Hoffnung schon fast erloschen war.
Lena ging mit Oleg im Park spazieren.
Es war ein trockener, kalter Herbst.
Gelbe Blätter raschelten unter den Rädern des Kinderwagens — eines alten Wagens, den ihr eine Kollegin aus dem Theater gegeben hatte.
Das Geld reichte katastrophal nicht aus.
Viktor hatte demonstrativ aufgehört, sogar Brot zu kaufen, und aß in Cafés, um zu Hause keine „gemeinsamen“ Lebensmittel zu verbrauchen.
— Lena? — eine männliche Stimme ließ sie zusammenzucken.
Vor ihr stand ein großer junger Mann in einer abgetragenen Lederjacke.
Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, in den Händen hielt er irgendein zerknittertes Blatt Papier.
Sie erkannte ihn von einem Foto, das Mascha ihr vor etwa zwei Jahren einmal geschickt hatte.
— Artur?
Er nickte und sah auf den Kinderwagen.
In seinen Augen flackerte eine solche Mischung aus Schmerz und Freude auf, dass Lena erstarrte.
— Ich habe euch gefunden…
Ich war bei deiner Wohnung, die Nachbarn sagten, du seist in den Park gegangen.
Ist das… ist das er?
Artur ging vor dem Kinderwagen in die Hocke.
Oleg schlief.
Der junge Mann streckte die Hand aus, wagte aber nicht, ihn zu berühren, als hätte er Angst, die Erscheinung würde verschwinden.
— Mascha sagte, der Vater des Kindes habe sie verlassen, — begann Lena vorsichtig und beobachtete seine Reaktion.
Artur hob ruckartig den Kopf.
— Verlassen?
Lena, ich habe sie drei Monate lang gesucht!
Wir haben uns gestritten, ja.
Ich wollte keinen Kredit für das Auto aufnehmen, das sie verlangte, ich sagte, wir müssten an eine Wohnung für unseren Sohn denken und nicht an Angeberei.
Sie bekam einen hysterischen Anfall, packte ihre Sachen, während ich Schicht hatte, und verschwand.
Sie blockierte mich überall.
Ich rief alle ihre Freundinnen an…
Ich dachte, ich werde verrückt.
Er zog eilig seinen Pass hervor, schlug die Seite auf, auf der das Kind eingetragen war, und zeigte die Urkunde über die Anerkennung der Vaterschaft, die er bei sich trug.
— Ich habe meinen Sohn nie aufgegeben.
Nie.
Lena hörte ihm zu und spürte, wie eine Betonplatte von ihren Schultern fiel.
Doch zusammen mit der Erleichterung kam eine seltsame Leere.
In diesen Wochen hatte sie sich an den Jungen gebunden.
Sie sah in ihm die Fortsetzung ihrer Familie.
— Nimm ihn, — sagte sie leise.
— Er gehört dir.
Sie kehrten in die Wohnung zurück.
Artur war schockiert darüber, dass Mascha das Kind einfach abgeladen hatte.
Er dankte Lena unbeholfen, bot ihr Geld an, sah aber selbst so aus, als bräuchte er Hilfe.
Viktor nahm die Nachricht mit unverhohlener Freude auf.
Er half Artur sogar, das Kinderbett auseinanderzubauen, und hantierte mit dem Schraubenzieher schneller herum, als er es je bei Hausarbeiten getan hatte.
— Na also, wunderbar, ausgezeichnet! — sagte er immer wieder, während er die Kindersachen in den Flur trug.
— Der Vater ist aufgetaucht, die Gerechtigkeit hat gesiegt.
Lena gab alles mit: die Kleidung, die sie gekauft hatte, die Windelpackungen, die Spielsachen.
Sie sah zu, wie Artur seinen Sohn unbeholfen, aber behutsam hielt, und verstand — der Junge würde es bei ihm besser haben.
Er liebte ihn.
Wirklich.
Als die Tür hinter Artur zufiel, hing Stille in der Wohnung.
Lena setzte sich auf den Hocker im Flur und hatte nicht einmal die Kraft, den Mantel auszuziehen.
Viktor kam mit einem Blatt Papier und einem Taschenrechner aus der Küche.
— Nun, da fällt einem ein Stein vom Herzen, — sagte er munter.
— Jetzt reden wir über die Angelegenheiten.
Ich habe hier mal nachgerechnet…
Deine Schwester und dieser Typ von ihr haben im Grunde auf unsere Kosten gelebt.
Strom, Wasser, du hast Geld aus unserem Reservefonds für das Essen des Kleinen genommen.
Dazu meine moralischen Schäden.
Lena hob den Blick zu ihm.
— Wovon redest du, Vitja?
— Ich rede davon, dass dieser Artur uns die Schulden zurückzahlen muss.
Oder du.
Ich habe es ausgerechnet, — er tippte mit dem Finger auf den Bildschirm des Taschenrechners.
— Vierundfünfzigtausend Rubel.
Das ist die Hälfte des Kinderbetts, Windeln, Essen, Nebenkosten für zwei Wochen.
Plus die Abnutzung meiner Nerven.
Ich will, dass dieses Geld in die Familie zurückkehrt.
Auf mein Konto.
Lena sah ihn an, und es schien ihr, als stünde ein Fremder vor ihr.
Ein Monster im Hausshirt.
— Du willst Geld?
Von einem Vater, der gerade erst seinen Sohn gefunden hat und der, seiner Kleidung nach zu urteilen, jeden Kopeken zählt?
Oder von mir, obwohl ich ohnehin schon alle Taschen umgedreht habe?
— Mir ist egal, woher das Geld kommt, — antwortete Viktor kalt.
— Du hast dieses Durcheinander veranstaltet, also zahlst du auch.
Ich habe nicht vor, fremde Kinder zu finanzieren.
Wenn das Geld bis morgen Abend nicht da ist, packe ich meine Sachen und fahre zu meinen Eltern.
Und ich reiche die Scheidung ein.
Mit einer Verschwenderin, die ihren Mann nicht respektiert, werde ich nicht leben.
Er drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
Das Schloss klickte.
Lena saß in der Küche ihrer Freundin Soja.
Soja, rothaarig und sonst eine fröhliche Lacherin, saß nun finster wie eine Gewitterwolke da und hörte der Erzählung ihrer Freundin zu.
Ihr Mann Anton, ein großer, schweigsamer Mann, hantierte an der Kaffeemaschine.
— Fünfzigtausend? — fragte Soja nach.
— Meint er das ernst?
Für deinen eigenen Neffen, den du gefüttert hast?
— Er hält das für ein Geschäftsprojekt, das gescheitert ist, — antwortete Lena müde.
— Er sagt, ich hätte ihn bestohlen.
Anton stellte eine Tasse vor Lena hin.
— Weißt du, Len, — sagte er dumpf.
— Vor einem Jahr wurde die Katze meiner Schwiegermutter, Sojas Mutter, krank.
Ein Blutgerinnsel.
Die Operation kostete dreißigtausend.
Ich kann Katzen nicht ausstehen, das weißt du, ich bin allergisch.
Aber ich sah, wie Mama weinte.
Ich gab meine Ersparnisse, die ich für eine Angelrute zurückgelegt hatte.
Ich gab sie einfach.
Die Katze starb trotzdem, leider.
Aber ich habe es keine Sekunde bereut.
Denn es ging nicht um die Katze.
Es ging darum, dass wir Menschen sind.
Antons Worte fielen wie schwere Steine in Lenas Bewusstsein.
Anton hatte versucht, eine Katze zu retten, um seiner Schwiegermutter Ruhe zu geben.
Und Viktor hatte eine Rechnung für zwei Wochen Leben eines lebendigen Kindes ausgestellt.
— Ist er gegangen? — fragte Soja.
— Er ist gegangen, — nickte Lena.
— Er sagte, er komme erst zurück, wenn das Geld auf dem Tisch liegt.
Oder auf der Karte.
— Und was wirst du tun?
Dich scheiden lassen?
— Ja, — sagte Lena ruhig.
— Aber zuerst werde ich ihm dieses verfluchte Geld zurückgeben.
Damit er nicht zu sagen wagt, ich schulde ihm etwas.
Damit er keinen einzigen Grund hat, den Mund aufzumachen.
Lena zog ihr Telefon heraus.
Sie öffnete die Bank-App.
Die Kreditkarte war leer, aber die Bank bot ihr schon lange einen schnellen Barkredit an.
Sie drückte auf „Beantragen“.
In einer Minute genehmigt.
Vierundfünfzigtausend.
Überweisung per Telefonnummer.
Nachricht an den Empfänger: „Erstick daran.“
— Du bist verrückt, — flüsterte Soja.
— Wozu?
Er soll doch verschwinden!
— Nein.
Das ist der Preis für die Freiheit.
Ein günstiger Preis, wenn man darüber nachdenkt.
Ich kaufe mein Leben zurück.
Lena stand auf.
In ihr war weder Sanftheit noch Geduld geblieben.
Dort, wo früher eine nachgiebige Ehefrau gestanden hatte, stand nun eine Frau, die bereit war, Brücken niederzubrennen.
Sie fuhr, um Artur und Oleg zu besuchen.
Artur mietete eine winzige Einzimmerwohnung.
Es war arm, aber sauber.
Der Junge schlief in demselben Kinderbett.
Artur sah verwirrt aus, aber voller Entschlossenheit.
— Ich schaffe das, Len.
Meine Eltern haben versprochen, zu kommen und zu helfen.
Danke dir.
Du…
Du hast ihn gerettet.
Lena sah die beiden an und verstand: In diesem armen kleinen Zimmer gab es mehr Würde und Liebe als in ihrer „wohlhabenden“ Wohnung mit moderner Renovierung.
Sie kehrte nach Hause zurück.
Viktor war noch nicht zurück, aber ihr Telefon piepte.
Eine SMS von ihrem Mann: „Das Geld ist angekommen.
Ich sehe, du bist zur Vernunft gekommen.
Bin bald da.
Kauf etwas fürs Abendessen, wir feiern die Versöhnung.“
Lena las die Nachricht und lachte.
Das Lachen war trocken und kurz.
Versöhnung.
Er glaubte tatsächlich, er habe ihren Gehorsam gekauft.
Sie begann, seine Sachen zusammenzupacken.
Nicht ordentlich wie früher, sondern indem sie alles zu einem Haufen zusammenraffte.
Teure Hemden, Kabel, seine Vinylsammlung.
Alles flog in Müllsäcke.
Als das Schloss der Eingangstür klickte, stand Lena im Flur.
Viktor trat mit dem Lächeln eines Siegers ein.
In den Händen hielt er eine Tüte mit einer Torte.
— Na siehst du, du kannst ja, wenn du willst, — er trat vor und versuchte, sie zu umarmen.
— Ich wusste, dass du eine vernünftige Frau bist.
Mutter hat das auch gesagt.
Hauptsache, man stellt die richtigen Bedingungen.
Lena trat zurück und ließ ihn sie nicht berühren.
— Deine Sachen stehen draußen vor der Tür, — sagte sie.
Viktors Lächeln rutschte langsam von seinem Gesicht.
Er sah auf die großen schwarzen Säcke, die auf dem Treppenabsatz standen.
— Machst du Witze?
Wir haben uns doch geeinigt.
Du hast das Geld zurückgegeben.
Der Konflikt ist erledigt.
— Das ist kein Konflikt, Vitja.
Das ist das Ende.
Ich habe dir das Geld zurückgegeben, damit du nicht herumjammerst, ich hätte dich ausgenommen.
Und jetzt verschwinde.
Viktor wurde rot.
An seinem Hals schwoll eine Ader an.
— Du…
Du wirfst mich raus?
Weswegen?
Weil ich Prinzipien gezeigt habe?
Er versuchte, in die Wohnung zu gehen.
— Ich brauche meinen Computer!
Und die Monitore!
Ich gehe nicht ohne die Technik!
— Den Computer habe ich von meiner Prämie gekauft.
Der Beleg lief über meine Karte, — Lena stellte sich ihm in den Weg und blieb in der Tür stehen.
— Fahr zur Hölle! — brüllte Viktor.
— Deine ganze Familie ist verkommen!
Deine kleine Schwester ist eine Straßenhure, hat irgendeinen Bastard in die Welt gesetzt und ihn verlassen!
Und du…
Du bist genauso!
Du spielst die Heilige!
Deine Mutter hat dich bestimmt auch irgendwo von einem anderen bekommen, wenn ihr so verschieden seid!
Dein Vater war sicher ein gehörntes Schwein, dass er so eine ertragen hat…
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
In Lena, wo sich die Wut angesammelt hatte, riss ein Ventil.
Die Erwähnung ihrer Eltern, die für sie heilig waren, wurde zu jener Grenze, hinter der Worte enden.
Sie begann nicht zu schreien.
Sie trat auf ihn zu und stieß ihn mit beiden Händen gegen die Brust, mit einer Kraft, die sie selbst nicht von sich erwartet hatte.
— Verschwinde!
Viktor hatte damit nicht gerechnet.
Er war daran gewöhnt, Lena weich, nachgiebig und „bequem“ zu sehen.
Der Stoß war heftig.
Er verlor das Gleichgewicht, sein Fuß im modischen Schuh rutschte auf den Fliesen des Treppenabsatzes aus.
Er ruderte mit den Armen und versuchte, sich am Türrahmen festzuhalten, doch seine Finger glitten ab.
Er wich zurück, stolperte über seine eigenen Säcke mit Sachen und stürzte, wobei er sich schmerzhaft die Hüfte am Geländer anschlug.
Die Hand, mit der er den Fall bremsen wollte, schrammte über die raue Wand des Treppenhauses — die Haut wurde bis aufs Blut aufgerissen.
— Du bist krank! — kreischte er, während er auf dem Boden saß und sich den verstauchten Fuß hielt.
Auf seiner Wange leuchtete ein roter Kratzer — offenbar hatte er sich am Reißverschluss seiner eigenen Jacke verletzt, als er mit den Armen fuchtelte.
Lena ragte über ihm auf, ihre Brust hob und senkte sich schwer.
— Noch ein Wort über meine Eltern, und ich werfe dich wirklich die Treppe hinunter, — ihre Stimme war tief, fast knurrend.
— Du bist ein Nichts, Vitja.
Ein kleinliches, gieriges Nichts.
Nimm deine Lumpen und verzieh dich zu Mami.
Sie packte einen der Säcke und schleuderte ihn nach ihm.
Der Sack traf ihn an der Schulter.
Viktor zuckte zusammen, und in seinen Augen erschien zum ersten Mal echte Angst.
Er begriff, dass vor ihm nicht die Lena stand, die man beugen konnte.
Diese Frau war fähig, zu zerquetschen.
— Geh, — wiederholte sie.
— Sofort.
Viktor begann, ächzend und vor Schmerz im Bein das Gesicht verziehend, hastig seine Säcke zusammenzuraffen.
Seine Verbündeten — Selbstsicherheit, Frechheit und Mutters Unterstützung — schienen davongelaufen zu sein und ihn allein, erbärmlich, auf dem Boden des Treppenhauses zurückgelassen zu haben.
Lena schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Viktor humpelte irgendwie bis zum Taxi.
Zu Hause bei seinen Eltern versuchte er, alles als Angriff einer unzurechnungsfähigen Ehefrau darzustellen.
Doch sein Vater, ein schweigsamer und strenger Mann, hörte sich die Geschichte von der „Erstattung der 54.000“ an und sah seinen Sohn mit so schwerer Verachtung an, dass Viktor verstummte.
— Du hast von deiner Frau Geld für den Unterhalt ihres eigenen Neffen genommen? — fragte der Vater.
— Aber das war gerecht!
Ich habe mein eigenes Geld ausgegeben…
— Du bist kein Mann, Vitja, — der Vater spuckte aus und ging auf den Balkon, um zu rauchen.
Seine Mutter, Nina Viktorowna, versuchte, um ihren Sohn herumzugackern und den Kratzer mit grüner Desinfektionslösung zu bestreichen, doch Viktor sah es — sogar in ihren Augen flackerte Enttäuschung auf.
Er saß in seinem alten Kinderzimmer, mit Geld auf der Karte, aber ohne Frau, ohne seinen Platz in der Wohnung seiner Frau, mit schmerzendem Bein und mit dem vollen Verständnis, dass er verloren hatte.
Er hatte die Schlacht um den Geldbeutel gewonnen, aber den ganzen Krieg um sein Leben verloren.
Und nichts ließ sich mehr in Ordnung bringen — er erinnerte sich zu gut an Lenas Blick, bevor sich die Tür schloss.
ENDE.




