— Dann zieh auch um.
Allein.

Und mit deinen Sachen.
Und die Wohnung — die gehört mir.
Katja stand am Fenster und umklammerte eine Tasse mit bereits abgekühltem Kaffee.
Hinter ihr raschelten Zeitungsseiten — Sergej blätterte in der Zeitung und tat so, als würde er ihre Anspannung nicht bemerken.
— Wir ziehen zu Mama, und die Wohnung geht an meinen Bruder, — sagte er schließlich, ohne den Blick von den Nachrichten zu nehmen.
— Er hat Schwierigkeiten.
Katja löste langsam die Finger.
Die Tasse klopfte laut gegen die Fensterbank.
— Dann zieh auch um, — sagte sie gleichmäßig.
— Allein.
Und mit deinen Sachen.
Und die Wohnung — die gehört mir.
Sergej hob endlich den Kopf.
Sein Gesicht war ruhig, aber in den Mundwinkeln zitterte eine gereizte Falte.
— Max hat keinen Ort zum Wohnen, Katja.
— Er hat Schulden.
— Und was, jetzt sollen wir deinen ewigen Pechvogel retten? — Katja drehte sich scharf zu ihm um.
— Wir leben hier seit zehn Jahren wie Fremde, und jetzt auch noch deine Mutter und dein Bruder?
— Das ist nur vorübergehend!
— Vorübergehend wird immer dauerhaft.
Stille.
Sergej seufzte schwer und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
— Du versuchst nicht einmal, mich zu verstehen …
— Ich verstehe alles, — unterbrach Katja.
— Du wählst wieder sie, nicht uns.
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Sergej streckte die Hand aus, warf einen Blick aufs Display und erstarrte.
— Max … — murmelte er.
Katja sah, wie seine Finger das Handy etwas fester umklammerten, als nötig gewesen wäre.
— Serjosch … — die Stimme am anderen Ende klang heiser, abgehackt.
— Wenn du mir nicht hilfst … bin ich erledigt.
Sergej wurde blass.
Katja spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Irgendetwas stimmte nicht.
Etwas stimmte ganz und gar nicht.
Katja wickelte sich in den alten Bademantel, den Sergej nicht ausstehen konnte, und drückte das Gesicht ins Kissen.
Das Telefonat ihres Mannes mit seinem Bruder dröhnte ihr in den Ohren: „Ich bin erledigt“ — irgendwelche Gangsterdramen, in die sie sich nicht hineinziehen lassen wollte.
Aber nicht hineinzusehen ging schon nicht mehr.
Aus dem Bad drang das Rauschen von Wasser.
Sergej wusch die Spuren des heutigen Streits ab, so wie er es nach Konflikten immer tat — schweigend und methodisch.
Katja schloss die Augen, und vor ihr tauchte ein anderes Gesicht auf — ihr Vater, betrunken und schuldbewusst, vor der Tür einer gemieteten Chruschtschowka vor dreißig Jahren.
— Na, Töchterchen, dann wohnen wir eben bei Tante Ljussja, — sagte er damals.
— Ihr geht es doch am schlechtesten, allein mit einem Kind …
Mama widersprach damals nicht.
Und einen Monat später zog Tante Ljussja „vorübergehend“ ihren neuen Mann ein, und Katjas Familie blieb für immer in diesem Loch mit der tropfenden Decke hängen.
— Hörst du mir überhaupt zu? — eine scharfe Stimme riss sie aus den Erinnerungen.
Sergej stand in der Tür, Wassertropfen liefen über seinen nackten Oberkörper auf den Boden.
— Ich höre zu, — Katja setzte sich im Bett auf.
— Dein Bruder, der Gangster, hat wieder Mist gebaut, und wir sollen es ausbaden?
— Er ist kein Gangster! — Sergej schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.
— Er ist einfach …
— Was „einfach“?
Mit vierzig hat er nicht gelernt, nach seinen Möglichkeiten zu leben? — Katja sprang auf, der Bademantel ging auf.
— Ich lasse nicht zu, dass sich dieses Szenario wiederholt!
— Welches Szenario denn? — Sergej packte ihr Handgelenk.
— Wovon redest du?
Die Wohnungstür im Flur schlug zu.
Beide zuckten zusammen.
Eine Sekunde später kam Max, ohne anzuklopfen, ins Schlafzimmer.
Sein Hemd war an der Schulter zerrissen, unter dem linken Auge blühte ein blauer Fleck.
— Entschuldigt, dass ich ohne Anruf komme, — sagte er heiser.
— Aber ich habe … Probleme.
Katja riss ihr Handgelenk aus Sergejs Griff.
Max leckte nervös über die Lippen, sein Blick sprang zwischen ihnen hin und her.
— Serj … — er machte einen Schritt nach vorn.
— Wenn du mir kein Geld gibst … — seine Stimme brach, — … dann erzähle ich Katja von jener Nacht in Petersburg.
Wasser tropfte Sergej aus den Haaren mit einem dumpfen „Platsch“ auf den Boden.
Der Raum erstarrte.
Katja spürte, wie ihr Gänsehaut den Rücken hinauflief.
— Welche Nacht? — ihre Stimme klang fremd, viel zu leise.
Sergej drehte sich ruckartig zu seinem Bruder und stellte sich vor ihn, als wolle er ihn vor Katja verstecken.
— Max, halt die Klappe.
— Ach ja, hast du wirklich Angst? — Max grinste, doch in seinen Augen stand tierische Furcht.
— Dann gib mir das Geld, und ich verschwinde.
Katja trat langsam näher.
Ihre Finger ballten sich von selbst zu Fäusten.
— Sergej.
Was meint er damit?
Ihr Mann antwortete nicht.
Sein Kiefer spannte sich, sein Blick bohrte sich in die Wand hinter ihr.
Max zappelte nervös, als hätte er begriffen, dass er zu weit gegangen war.
— Na gut, vergiss es, — er winkte ab.
— Ist nicht wichtig.
Ich brauche einfach dringend dreihunderttausend.
Katja lachte abrupt.
— Dreihundert?
Bist du verrückt geworden?
— Katja, — Sergej sah sie endlich an.
— Lass uns das später besprechen.
— Nein, wir besprechen das jetzt.
Sie trat vor, ihre Stimme zitterte vor Wut.
— Was war in Petersburg?
Stille.
Max sah zu seinem Bruder, wartete.
Sergej atmete schwer, als würde er nach Worten suchen.
— Nichts.
Leeres Gerede.
— Du lügst, — Katja riss Sergejs Handy vom Tisch.
— Ich finde es selbst heraus.
— Gib her! — Er stürzte auf sie zu, doch sie wich zurück und schaffte es, die letzte Nachricht im Messenger zu sehen: „Sergej, wir müssen uns treffen. Dringend. Lena.“
Katja spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzog.
— Wer ist Lena?
Sergej wurde kreidebleich.
Max hustete, als hätte er sich an seinem eigenen Lachen verschluckt.
— Unfassbar, — murmelte er.
— Hast du’s ihr immer noch nicht gesagt?
Katja umklammerte das Handy so fest, dass der Bildschirm knackte.
— Was soll ich wissen?
Sergej schloss die Augen.
— Alles ist nicht so, wie du denkst …
— Dann erklär es! — ihr Schrei zerriss die Stille.
In diesem Moment klingelte es im Flur.
Alle drei zuckten zusammen.
Katja drehte sich langsam zur Tür.
— Wer ist das?
Max wurde plötzlich noch blasser als Sergej.
— Sie sind schon hier, — flüsterte er.
Katja stürzte zur Tür und war schneller als Sergej.
Ihre Finger zitterten, als sie die Klinke ruckartig herunterdrückte.
Auf der Schwelle stand ihre Mutter — Ljudmila Petrowna in ihrem unveränderlichen Ledermantel, mit einer Boutique-Tasche in der Hand.
— Mama?
Was…
— Was ist das hier für ein Zirkus? — unterbrach Ljudmila und trat ein.
Ihr scharfer Blick erfasste sofort Max mit dem blauen Fleck und Sergej, blass wie Kalk.
— Das ganze Haus hört euer Geschrei.
Max lachte plötzlich — nervös, hysterisch.
— Oh, großartig!
Jetzt mischt sich auch noch die Mutti ein!
Ljudmila drehte sich langsam zu ihm um und musterte ihn von oben bis unten.
— Das ist also dein berühmter Bruder? — fragte sie Sergej mit eisiger Höflichkeit.
— Der, für den du bereit bist, deine Familie auf die Straße zu setzen?
Sergej ballte die Fäuste.
— Ljudmila Petrowna, das geht Sie nichts an …
— Meine Tochter geht mich sehr wohl etwas an, — schnitt sie ihm das Wort ab.
— Und die Wohnung meiner verstorbenen Mutter erst recht.
Katja spürte, wie sich der nächste Skandal zusammenbraute, doch in diesem Moment ertönte ein harter Schlag gegen die Tür — nicht die Klingel, sondern ein Fausthieb.
Alle verstummten.
— Mach auf, Maxim! — rief eine heisere Stimme hinter der Tür.
— Wir wissen, dass du da bist!
Max’ Gesicht veränderte sich, all seine Großspurigkeit war weg.
Er schoss zu Sergej.
— Serjosch, das sind sie … ich hab’s doch gesagt …
Ljudmila lachte plötzlich.
— Mein Gott, ihr seid ja komplette Idioten!
Ihr habt eure Gläubiger bis nach Hause geführt?
Sie ging entschlossen zur Tür.
Katja wollte sie aufhalten.
— Mama, nein!
Aber Ljudmila riss die Tür schon auf.
Draußen standen zwei Männer — ein stämmiger Kerl im Trainingsanzug und ein großer Typ mit Tattoos am Hals.
— Was wollt ihr? — fragte Ljudmila kalt, ohne die Stimme zu heben.
Der Tätowierte erstarrte, offenbar nicht auf so einen Empfang vorbereitet.
— Wir sind wegen Maxim hier … geschäftlich.
— In diesem Haus gibt es keinen Maxim, — sagte Ljudmila fest.
— Und wenn ihr nicht sofort verschwindet, rufe ich jemanden, der euch sehr schnell findet — und zwar an Orten, von denen man am Wochenende nicht die Mama anruft.
Die Augen der beiden wurden plötzlich groß.
Sie sahen sich an, und der Stämmige murmelte unsicher:
— Na gut … wir … wir kommen später wieder.
Als die Tür zu war, hing Stille in der Wohnung.
Max brach sie als Erster.
— Verdammt … wer sind Sie überhaupt?
Ljudmila drehte sich langsam zu ihm um und zog ein Zigarettenpäckchen aus der Tasche.
— Ich bin die, die gerade entscheidet, ob ich dich diesen Typen zum Fraß vorwerfe oder nicht.
Also, mein Lieber, erzähl jetzt die ganze Wahrheit — über die Schulden und über Petersburg.
Und vor allem — über diese Lena.
Ein Klirren von zerbrechendem Glas zerriss die Stille — Katja schleuderte Sergejs Handy vor Wut gegen die Wand.
Die Scherben verteilten sich über den Boden wie Splitter ihres Vertrauens.
— Schluss mit den Lügen! — ihre Stimme kippte in einen Schrei.
— Wer ist diese Lena?
Welche „Nacht in Petersburg“?
Max rutschte nervös hin und her, doch Ljudmila packte ihn mit eisernem Griff an der Schulter.
— Rede.
Sofort.
— Das ist doch … — Max leckte sich über die trockenen Lippen und warf Sergej einen Blick zu, — seine Ex.
Sie haben sich … zufällig auf einer Dienstreise getroffen.
Sergej richtete sich ruckartig auf.
— Es ist nichts passiert!
Wir haben nur …
— Du lügst! — Katja zitterte.
— Du bist damals drei Tage nicht ans Telefon gegangen.
Du hast gesagt, du hättest Sitzungen …
Ein plötzlicher Schlag gegen die Tür ließ alle zusammenzucken.
Das Holz knackte unter dem Druck.
— Max, mach auf, du Mistkerl! — brüllte eine heisere Stimme.
Die Tür bebte unter einem kräftigen Tritt.
Der Tätowierte stürmte in die Wohnung, hinter ihm der Stämmige, der die Türsicherung heruntergerissen hatte.
— Da bist du ja, du Drecksack! — er stürzte sich auf Max.
Sergej machte plötzlich einen Schritt nach vorn und stellte sich schützend vor seinen Bruder.
— Raus hier!
Ich rufe die Polizei!
Der Stämmige lachte und schlug Sergej hart in den Bauch.
Sergej krümmte sich vor Schmerz.
Katja schrie auf.
— Serjoscha!
Max verwandelte sich auf einmal.
Mit verzerrtem Gesicht vor Wut sprang er nach vorn.
— Du hast ihn angefasst, du Schwein!
Seine Faust traf den Angreifer mit voller Wucht.
Der flog zurück und riss dabei eine Vase vom Schränkchen.
Der zweite zog etwas aus dem Hosenbund — Metall blitzte auf.
Katja erstarrte.
Die Zeit wurde langsam.
Sie sah, wie Ljudmila vom Tisch einen schweren Glasaschenbecher packte.
Sie sah, wie Sergej sich trotz Schmerzen wieder hochdrückte.
Sie sah, wie das Messer in der Hand des Tätowierten im Licht des Kronleuchters schimmerte.
Der Instinkt war schneller als der Gedanke.
Ihre Hand griff von selbst zur Küchenzeile…
— Schluss jetzt! — Katja riss ein Messer heraus und schwang es vor sich, sodass sie den Durchgang zum Wohnzimmer versperrte.
Ihre Stimme klang fremd, heiser vor Adrenalin.
— Wer noch einen Schritt macht, bekommt das in den Bauch!
Alle erstarrten.
Sogar die Schläger.
In der plötzlich eingetretenen Stille hörte man nur schweres Atmen.
Als Erster kam Sergej wieder zu sich.
Langsam, die Hand am schmerzenden Bauch, hob er die Hände.
— Katja … leg das Messer weg.
Bitte.
Ihre Finger zitterten um den Griff.
Tränen standen in ihren Augen, aber sie ließ sie nicht fallen.
— Ich … ich lasse nicht zu … — Katjas Stimme brach.
— Ich lasse nicht zu, dass sie alles zerstören, wie damals …
Ljudmila machte vorsichtig einen Schritt nach vorn.
— Tochter, gib das Messer her.
Sie gehen schon.
Und tatsächlich — die Männer wichen Richtung Ausgang zurück.
Der Tätowierte hielt seine Waffe noch fest, aber in seinen Augen stand Angst.
— Schon gut, beruhigt euch … — murmelte er.
— Wir … wir kommen wieder.
Als die Tür zufiel, glitt das Messer aus Katjas schlaffen Fingern und fiel mit dumpfem Geräusch auf das Parkett.
In diesem Moment erschien um die Ecke eine kleine Gestalt im rosa Schlafanzug.
— Mama? — die dünne Stimme der fünfjährigen Alina schnitt durch die Spannung.
— Warum schreit ihr?
Das Messer lag auf dem Boden und spiegelte die verzerrten Gesichter der Erwachsenen.
Alina stand in der Tür und hielt einen abgewetzten Plüschhasen fest umklammert — Sergejs Geschenk zum dritten Geburtstag.
Katja erstarrte und spürte, wie die Wut langsam einem eisigen Entsetzen wich.
Vor ihrem inneren Auge stand das Bild: ihre Tochter sieht die Mutter mit einem Messer in der Hand.
— Alinochka … — Katjas Stimme zitterte.
Sie machte einen Schritt nach vorn, doch das Mädchen drückte sich instinktiv an den Türrahmen.
Ljudmila fing sich als Erste.
— Enkeltöchterchen, komm zu mir, — sagte sie sanft und ging in die Hocke.
— Oma zeigt dir einen neuen Zeichentrickfilm.
Aber Alina bewegte sich nicht.
Ihre großen Augen, so ähnlich wie Sergejs, huschten von einem Erwachsenen zum nächsten.
— Weint Papa? — fragte sie leise.
Sergej wischte sich schnell mit der Hand übers Gesicht.
Max räusperte sich unbeholfen und trat in die Ecke.
Das zerbrochene Handy auf dem Boden flackerte mit einem sterbenden Bildschirm.
Katja ging langsam in die Hocke, auf Augenhöhe mit ihrer Tochter.
— Sonnenschein, alles ist gut …
Wir haben nur … Erwachsenensachen besprochen.
— Ihr habt gestritten, — stellte Alina mit kindlicher Direktheit fest.
— Ich hab’s gehört.
Ihr wolltet, dass Papa weggeht.
Sergej zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen.
Katja spürte, wie heiße Tränen über ihre Wangen liefen.
— Nein, Spatz … niemand geht irgendwohin …
Max schniefte plötzlich und ging abrupt zur Tür.
— Ich bin weg.
Genug Zirkus.
— Halt! — Ljudmila fing ihn an der Tür ab.
— Du erzählst mir alles.
Aber später.
Sie wandte sich an die beiden anderen.
— Und ihr zwei, — sie sah Katja und Sergej an, — müsst endlich reden.
Richtig reden.
Ich nehme Alina mit zu mir.
Katja wollte widersprechen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Alina ging schweigend zur Großmutter und umklammerte ihre Hand mit der kleinen Faust.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, breitete sich eine klingende Stille aus.
Sergej stand am Fenster, den Rücken zu Katja.
Seine Schultern zitterten leicht.
Katja hob das zerbrochene Handy auf.
Auf dem gesprungenen Bildschirm stand die letzte Nachricht: „Sergej, wir müssen uns treffen. Dringend. Lena.“
— Wer ist sie? — fragte Katja, und ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor.
— Ich frage zum letzten Mal.
Sergej drehte sich um.
Sein Gesicht war nass von Tränen.
— Sie … — er schluckte.
— Sie sagte, sie stirbt.
Dass das die letzte Chance ist …
Katja spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzog.
— Was?
Sergej sank langsam vor ihr auf die Knie, als könne er nicht mehr stehen.
— Lena ist krank.
Sehr krank.
In Petersburg … ich war bei ihr im Krankenhaus.
Sie wollte sich verabschieden.
Katja ballte die Fäuste und spürte, wie das Blut in den Schläfen pochte.
— Warum hast du es mir nicht gesagt?
— Ich hatte Angst, dass … — er brach ab und senkte den Kopf.
— Dass ich es nicht verstehe? — Katja sprang auf.
— Dass ich eifersüchtig auf eine Sterbende wäre?
Sie ging im Zimmer auf und ab und versuchte, die Information zu verdauen.
Dann blieb sie stehen, als ihr etwas einfiel.
— Max wusste es?
Sergej nickte.
— Er … hat Geld für ihre Behandlung geliehen.
Und jetzt verlangen diese Bastarde es zurück — mit Zinsen …
Katja schloss die Augen.
Alles fügte sich zu einem grauenvollen Bild zusammen.
— Und du … wolltest unsere Wohnung verkaufen, um deine Ex zu retten?
Sergej sah sie an — in seinen Augen lagen Schmerz, Scham und noch etwas, das Katja nicht benennen konnte.
— Ich wollte meinen Bruder retten, — flüsterte er.
— Und Lena … sie hat nur darum gebeten, dass ich Alina mitbringe.
Wenigstens einmal.
Weil …
Katja hörte auf zu atmen.
— Weil was, Sergej?
Er stand auf und sah ihr direkt in die Augen.
— Weil sie ihre Mutter ist.
Die Worte hingen in der Luft wie ein Messer kurz vor dem Fallen.
Katja wich zurück und stieß gegen das Sofa.
— Was … was hast du gesagt? — ihre Stimme war heiser und unnatürlich leise.
Sergej blieb reglos stehen, nur seine Finger krallten sich in den Saum seines T-Shirts.
— Lena hat Alina geboren.
Du wusstest, dass du nach dem Unfall keine Kinder bekommen kannst.
Wir haben … ihre Eizellen benutzt.
Katja spürte, wie sich der Raum langsam zu drehen begann.
Mechanisch griff sie nach dem Tisch, um nicht umzufallen.
— Fünf Jahre.
Fünf Jahre hast du geschwiegen?
Ihr Flüstern war schlimmer als ein Schrei.
— Und jetzt, wo sie stirbt …
— Sie hat sofort auf ihre Elternrechte verzichtet! — Sergej hob den Kopf.
— Niemand sollte es erfahren.
Aber vor einem Monat hat sie angerufen …
Katja lachte bitter, hysterisch.
— Und du bist sofort hingelaufen?
Hast unser gemeinsames Geld genommen?
Wolltest unsere Wohnung verkaufen?
— Ich wusste nicht, was ich tun sollte! — er packte sich an den Kopf.
— Max hat sich verschuldet, um ihr zu helfen.
Diese Bastarde haben gedroht …
— Wag es nicht, das Thema zu wechseln! — Katja sprang auf, zitternd vor Wut.
— Du hast mich all die Jahre belogen!
Sergej sank plötzlich wieder vor ihr auf die Knie.
— Verzeih …
Ich hatte Angst, dich zu verlieren.
Ich hatte Angst, dass du …
— Dass ich was?
Dass ich ein fremdes Kind nicht lieben könnte? — Katja atmete scharf aus.
— Ich konnte vom ersten Tag an nicht ohne sie!
Sie verstummte, als die schreckliche Wahrheit sie traf: all ihre Mutterliebe, all die schlaflosen Nächte, die ersten Schritte und Worte — alles war mit einem Kind gewesen, das …
— Mama?
Eine dünne Stimme aus dem Flur ließ beide zusammenzucken.
Alina stand in der Tür und hielt den vergessenen Plüschhasen in den Händen.
In ihren Augen stand eine stumme Frage.
Katja erstarrte.
Sergej richtete sich langsam auf.
— Sonnenschein … warum …
— Oma hat ihre Tabletten vergessen, — das Mädchen zeigte eine kleine Packung.
— Sie hat gesagt, ihr redet noch.
Katja spürte, wie etwas in ihr zerbrach.
Sie ging in die Hocke, damit sie auf Augenhöhe mit Alina war.
— Komm zu mir.
Das Mädchen kam zögernd näher.
Katja nahm ihr kleines Gesicht in die Hände und suchte in den vertrauten Zügen, in jedem Sommerspross, Halt.
— Weißt du, dass ich dich sehr liebe?
Alina nickte, dann umarmte sie Katja plötzlich um den Hals und schmiegte sich ganz an sie.
— Ich dich auch.
Sogar wenn ihr schreit.
Sergej schluchzte leise.
Katja schloss die Augen und spürte heiße Tränen auf den Wangen.
— Alles wird gut, — flüsterte sie, ohne zu wissen, wem sie es eigentlich versprach — ihrer Tochter, ihrem Mann oder sich selbst.
Sie standen zu dritt im Flur — zwischen der Vergangenheit voller Lügen und einer Zukunft, die plötzlich so zerbrechlich schien.
Aber in diesem Moment verstand Katja eine einfache Sache: Es ist egal, wessen Blut in den Adern eines Kindes fließt.
Wichtig ist, wer es im Arm hält, wenn es Angst hat.
— Morgen, — Katja hob den Blick zu Sergej, — fahren wir alle zusammen nach Petersburg.
Er nickte stumm, ohne zu wagen, es zu glauben.
Alina drückte ihre Hand fester.
Draußen senkte sich langsam der Abend und färbte ihre ineinander verschlungenen Schatten golden.
Sie wussten noch nicht, wie sie diesen Sturm überstehen würden.
Aber sie wussten sicher — sie würden ihn gemeinsam überstehen.



