— Soll deine Frau doch zu ihrer Mutter fahren! In einer halben Stunde soll sie hier verschwunden sein! Und du bleibst. — Nina hörte die Worte ihrer Schwiegermutter mit…

Teil 1.

Das überflüssige Element.

Die Datschensiedlung schwamm in der stickigen Julihitze.

Die Luft stand still, gesättigt vom Geruch überreifer Äpfel und trockenen Staubs.

Das alte Haus, mit einer vom Alter dunkel gewordenen Holzverkleidung versehen, schien schwer und mühsam zu atmen, und die Dielen knarrten selbst dann, wenn niemand darüberging.

Nina kam aus der Banja und spürte, wie ihre heiße Haut im Abendwind abkühlte.

Sie liebte dieses Gefühl von Reinheit, als könne das Wasser nicht nur die Müdigkeit der Reise abwaschen, sondern auch jene klebrige Anspannung, die in Gegenwart ihrer Schwiegermutter unvermeidlich entstand.

Galina Stepanowna, eine kräftige Frau mit lauter, befehlender Stimme, verstand es immer, den ganzen Raum mit sich selbst zu füllen.

Nina legte sich ein Frotteehandtuch über die Schultern und ging zur Veranda, um Tee zu trinken.

Sie trat leise auf, und ihre weichen Schlappen machten auf der festgetretenen Erde fast kein Geräusch.

Noch bevor sie die Stufen erreicht hatte, hörte sie die Stimme ihres Mannes.

Artur sprach leise, als würde er sich rechtfertigen, doch die Antwort seiner Mutter durchschnitt die nächtliche Stille.

— Soll dein Frauchen doch zu ihrer Mutter fahren!

Nina hörte die Worte ihrer Schwiegermutter mit und erstarrte hinter einem überwucherten Fliederbusch.

— Mama, das ist doch irgendwie unangenehm, — widersprach Artur schwach.

— Wir sind doch gerade erst angekommen, wollten das Wochenende hier verbringen, morgen grillen…

Sie wollte den Salat schneiden.

— Den Salat schneide ich selbst!

unterbrach ihn Galina Stepanowna.

Das Geräusch eines zurückgeschobenen Stuhls kratzte an den Nerven.

— Hörst du mich oder nicht?

In einer Stunde kommt Larisa.

Du kennst doch den Charakter deiner Schwester.

Sie kann deine Frau seit dieser Sache nicht mehr sehen.

Nina erinnerte sich an „diese Sache“.

Vor zwei Jahren hatte Larisa, Arturs Schwester, beschlossen, dass Nina verpflichtet sei, ihren Urlaub damit zu verbringen, auf ihre drei Kinder aufzupassen, während Larisa selbst mit ihrem neuen Mann in die Türkei fliegen würde.

Damals hatte Nina entschieden Nein gesagt.

Und als Larisa später eine große Summe „auf unbestimmte Zeit“ für den Kauf eines Pelzmantels leihen wollte, lehnte Nina erneut ab.

Seitdem hielt ihre Schwägerin sie für Feindin Nummer eins.

— Larisa hat angerufen und gesagt, dass sie über Nacht vorbeikommt, — setzte die Schwiegermutter nach.

— Wenn sie deine…

diese…

hier sieht, gibt es einen Skandal.

Sie hat hohen Blutdruck!

Ich habe ein Herzleiden!

Wen bemitleidest du mehr?

Deine Frau, die schon irgendwie zurechtkommt, oder deine Mutter und deine Schwester?

— Mama, fang bitte nicht an…

— Ich fange nicht an, ich beende es!

fuhr Galina Stepanowna dazwischen.

— Geh und sag ihr, sie soll packen.

Denk dir aus, was du willst.

Dass ihre Mutter krank geworden ist, dass ein Rohr geplatzt ist.

Mir ist es egal.

In einer halben Stunde soll sie hier verschwunden sein!

Und du bleibst.

Ich brauche Hilfe, das Holz muss umgetragen werden, und mit deiner Schwester kannst du dich auch unterhalten, ihr habt euch seit hundert Jahren nicht gesehen.

Nina spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, aber nicht vor Scham, sondern vor wütender, kalter Entschlossenheit.

Sie stürmte nicht auf die Veranda, machte keine Szene und verlangte keine Erklärungen.

Sie drehte sich einfach um und ging ebenso lautlos zurück in die Banja, um sich anzuziehen.

Zehn Minuten später saß sie auf der Treppe und blickte in die untergehende Sonne.

Artur kam aus dem Haus, sein Blick war fahrig und schuldbewusst, doch seine Augen versteckten sich hinter aufgesetzter Besorgnis.

— Nina, hör mal, es ist so eine Sache…

begann er und rieb sich den Nacken.

— Ich wurde gerade von der Arbeit angerufen.

Ein dringender Einsatz, irgendein Systemausfall.

Sie sah ihn direkt an, ohne zu blinzeln.

— Und?

— Na ja…

ich muss hierbleiben.

Hier ist das Internet besser, und bei Mama im Arbeitszimmer steht ein stationärer, leistungsstarker Computer.

Und du…

Für dich wäre es wahrscheinlich besser, nach Hause zu fahren.

Oder zu deiner Mutter.

Hier wird es langweilig, ich werde die ganze Nacht beschäftigt sein.

— Das heißt, du willst, dass ich fahre?

fragte sie mit ruhiger Stimme.

— Warum sagst du das so?

So ist es einfach für alle bequemer.

Du wolltest doch deine Mutter sehen, oder?

Das ist doch eine ausgezeichnete Gelegenheit.

Fahr, ruh dich von mir aus.

Ich komme morgen Abend nach.

Die Verlogenheit seiner Worte war so dicht, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können.

Er versuchte nicht einmal, sich eine glaubwürdige Geschichte auszudenken, sondern gab einfach den Befehl seiner Mutter weiter, leicht bedeckt mit einem fauligen Lappen aus Fürsorge.

— Gut, — sagte Nina und stand auf.

— Ich habe dich verstanden.

Artur hatte offenbar nicht mit solcher Fügsamkeit gerechnet.

Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das wie eine armselige Grimasse der Erleichterung aussah.

— So ist es brav!

Du bist wirklich die Verständigste.

Los, pack zusammen, bevor es ganz dunkel wird.

Nina ging schweigend ins Zimmer und warf ihre Sachen in die Tasche.

Galina Stepanowna beobachtete sie aus der Küche, während sie demonstrativ einen Teller abwischte.

In ihrem Blick war der Triumph einer Siegerin zu lesen.

Die Schwiegertochter verschwand, der Sohn blieb am Rockzipfel der Mutter, Larisa würde zufrieden sein.

Ein perfektes Kartenspiel.

— Auf Wiedersehen, Galina Stepanowna, — sagte Nina im Vorbeigehen.

— Fahr nur, fahr nur, Kindchen.

Sei vorsichtig auf der Straße, — sang die Schwiegermutter mit süßlicher Stimme, ohne ihr Grinsen auch nur zu verbergen.

Nina setzte sich in ihr Auto, startete den Motor und fuhr durch das Tor, ohne sich umzusehen.

Teil 2.

Leere und Plan.

Die Straße zog sich wie ein Band in die Dunkelheit, nur von den Flecken der Scheinwerfer erhellt.

Nina fuhr schnell und umklammerte fest das Lenkrad.

In ihr waren keine Tränen.

Die Kränkung, die einen gewöhnlich erstickt und dazu bringt, sich selbst zu bemitleiden, war dort hinter dem Fliederbusch in einer Sekunde ausgebrannt.

Zurück blieb nur kristallklare Klarheit.

Sie sah auf die vertraute Landschaft, auf die vorbeihuschenden Bäume, Pfosten und seltenen entgegenkommenden Autos, und begriff, dass sie nirgendwohin zurückkehren konnte.

In dem Sinne, dass es kein „wir“ mehr gab.

Es gab Artur, den feigen und abhängigen Muttersöhnchen, und es gab sie, eine Frau, die gerade wie eine lästig gewordene Katze hinausgeworfen worden war, um der launischen Verwandtschaft zu gefallen.

Sie fuhr nicht zu ihrer Mutter.

Stattdessen lenkte sie den Wagen zu ihrer Stadtwohnung.

Als Nina die leere Wohnung betrat, schaltete sie das Deckenlicht nicht ein.

Im Halbdunkel des Flurs stand sie mehrere Minuten und lauschte der Stille.

Dann ging sie ins Schlafzimmer.

Der Schrank war voll mit Arturs Sachen.

Hemden, Pullover, Jeans, die sie ausgesucht, gewaschen und gebügelt hatte.

Jetzt kamen ihr diese Lumpen fremd und verseucht vor.

Nina ging in die Küche und holte aus der unteren Schublade eine Rolle großer, fester schwarzer Säcke für Bauschutt.

— Schluss, — sagte sie laut.

— Es reicht.

Sie kehrte ins Zimmer zurück und begann, die Sachen ihres Mannes methodisch in die Säcke zu werfen.

Sie faltete sie nicht ordentlich zusammen.

Sie stopfte sie in Klumpen hinein, zusammen mit den Kleiderbügeln, ohne sich darum zu kümmern, ob sie zerknitterten oder rissen.

In einen Sack flogen die Kleider, in einen anderen die Schuhe, in einen dritten seine Dokumente, der Laptop, Ladegeräte und die Angelsachen, die ständig auf dem Balkon herumlagen.

Sie arbeitete schnell, wütend und effizient.

Sie wurde nicht von Hysterie angetrieben, sondern von kaltem Zorn, jenem Gefühl, das die Kraft gibt, Berge zu versetzen.

Nach ein paar Stunden war die Wohnung von allen Spuren Arturs befreit.

Im Flur türmte sich ein Berg aus schwarzem Plastik.

Sie sah auf die Uhr.

Seit ihrer Abfahrt waren anderthalb Stunden vergangen.

Das Telefon schwieg.

Offenbar wurde dort auf der Datscha gerade ihre Verbannung gefeiert.

Nina kochte sich starken Kaffee.

Sie saß in der Küche und trommelte mit den Fingern auf die Arbeitsplatte.

Sie brauchte nur eines: dass Artur anrief.

Und natürlich würde er anrufen.

Er war viel zu vorhersehbar.

Teil 3.

Der Anruf.

Auf der Datscha erlosch die festliche Stimmung schnell.

Die Schwiegermutter, zufrieden mit sich selbst, deckte den Tisch und holte ihre berühmten eingelegten Sachen hervor.

Artur, der sich wie ein Held fühlte, der eine schwierige Mission erfüllt hatte, schenkte Tee ein.

— Siehst du, wie gut das ist, — gurrte Galina Stepanowna.

— Gleich kommt Larotschka, dann sitzen wir schön als Familie zusammen, ohne fremde Blicke.

Deine Frau sitzt ja immer mit einem Gesicht da, als hätte sie eine Zitrone gegessen.

In diesem Moment klingelte das Telefon der Frau.

Sie griff nach dem Hörer und strahlte.

— Ja, Töchterchen!

Wir warten, wir warten, der Samowar kocht schon…

Was?

Wie, du kommst nicht?

Galina Stepanownas Gesicht wurde lang, die Mundwinkel sanken nach unten.

— Du hast beschlossen, bei einer Freundin zu bleiben?

Und wir?

Ich habe hier gekocht…

Na gut, gut.

Ruh dich aus.

Sie legte das Telefon auf das Sofa.

— Sie kommt nicht, — brummte sie.

— Eine Freundin hat Geburtstag, sie hat es angeblich vergessen.

Artur hörte auf, sein Piroggenstück zu kauen.

— Und was jetzt?

— Was jetzt?

Jetzt ist es langweilig!

ärgerte sich die Mutter.

— Und das Geschirr spült auch niemand.

Ich bin müde, mein Rücken tut nach den Beeten weh.

Und du stellst dich bestimmt nicht an die Spüle.

Sie sah ihren Sohn gereizt an.

Ohne Larisa wurde seine Anwesenheit ihr zur Last.

Sie brauchte Bedienungspersonal und dankbare Zuhörer, aber der Sohn saß mit saurer Miene da.

— Ruf deine Frau an, — befahl Galina Stepanowna.

— Wozu?

wunderte sich Artur.

— Ich habe sie doch gerade erst rausge…

weggeschickt.

— Na und?

Sag, dass die Arbeit abgesagt wurde und die Störung behoben ist.

Sie soll zurückkommen.

Sag, ich habe ihr verziehen…

also, ich habe sie vermisst.

Sie soll irgendeinen Kuchen mitbringen.

Der Abend geht sonst ohnehin verloren.

Artur, der daran gewöhnt war, jeder kleinsten Laune seiner Mutter zu gehorchen, holte brav sein Telefon heraus.

Nina sah den eingehenden Anruf und lächelte spöttisch.

Das Szenario spielte sich ab wie nach Noten.

— Hallo?

Ihre Stimme klang ruhig, fast schläfrig.

— Nin, wo bist du?

Arturs Stimme war munter und falsch zärtlich.

— Fast zu Hause.

Was ist?

— Hör mal, hier hat sich alles schneller gelöst, als ich dachte.

Das System läuft wieder.

Mama war traurig, dass du gefahren bist, sie sagt, es sei unangenehm gelaufen.

Vielleicht kommst du zurück?

Wir sitzen zusammen, grillen doch noch.

— Und Larisa?

fragte Nina.

— Larisa…

sie kommt nicht.

Sie hat etwas vor.

Also sind wir allein.

Komm, mein Schatz.

Ohne dich ist es langweilig.

Nina sah auf den Berg von Säcken im Flur.

— Gut, — sagte sie.

— Ich komme.

Ich brauche ein paar Stunden, ich sammle noch etwas ein und komme zurück.

— Großartig!

Wir warten!

Kauf etwas zum Tee!

freute sich Artur.

— Natürlich.

Ich bringe dir eine Überraschung mit, — antwortete Nina und legte auf.

Das Einladen der Säcke dauerte etwa zwanzig Minuten.

Nina stopfte den Kofferraum bis zum Rand voll, einen Teil musste sie auf den Rücksitz werfen.

Das Auto sank unter dem Gewicht des Krams ab.

Die Rückfahrt verging wie im Nebel.

Der Zorn verwandelte sich in eisige Energie.

Nina wusste, was sie jetzt tun würde, und dieser Gedanke bereitete ihr düstere Genugtuung.

Sie hatte nicht vor, eine hysterische Szene im Stil eines „weinenden Opfers“ zu machen.

Oh nein.

Das würde eine Hinrichtung werden.

Teil 4.

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes.

Als die Scheinwerfer ihres Crossovers das Tor der Datscha beleuchteten, war es schon ganz dunkel.

Artur lief ihr entgegen und winkte mit der Hand, als wäre nichts geschehen.

Galina Stepanowna stand auf der Treppe, die Arme vor der Brust verschränkt, und spielte die gastfreundliche Hausherrin, die dem Dienstmädchen gnädig erlaubt hatte zurückzukehren.

Nina stieg aus dem Auto.

Sie lächelte nicht.

— Hallo, Liebling!

Artur wollte sie küssen, doch Nina wich aus und tat so, als würde sie den Spiegel richten.

— Artur, hilf mir, — sagte sie fest.

— Ich habe viele Sachen mitgebracht.

Alles muss ins Haus getragen werden.

Sofort.

— Wow!

Hast du den halben Laden leergekauft?

lachte er.

— Gut, wir tragen gleich alles rein.

Er öffnete den Kofferraum und erstarrte.

Statt Supermarkttüten lagen dort schwarze, prall gefüllte Müllsäcke.

— Was ist das?

fragte er und sah seine Frau verwirrt an.

— Das sind Geschenke.

Nimm sie.

Trag sie ins Wohnzimmer.

Dort sortieren wir sie aus.

Artur verstand nichts, hob aber zwei schwere Säcke auf.

Nina nahm noch einen vom Rücksitz.

Sie gingen ins Haus.

Galina Stepanowna saß bereits unter dem Lampenschirm am Tisch.

— Na endlich.

Der Tee ist völlig kalt geworden.

Was habt ihr da draußen so herumgetrödelt?

murrte sie.

Als sie die schwarzen Säcke sah, rümpfte sie angewidert die Nase.

— Nina, was ist das für ein Müll?

Hast du beschlossen, die Müllkippe zu uns zu bringen?

Artur warf die Säcke mitten im Zimmer auf den abgewetzten Teppich.

— Nin, ehrlich, was ist da drin?

Die sind irgendwie schwer.

Nina kam hinter ihm herein und warf ihren Sack zu den anderen.

Sie richtete sich auf, zog ihr T-Shirt zurecht und sah ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen.

Im Zimmer hing eine dichte, klingende Stille.

— Galina Stepanowna, Sie haben gefragt, was in den Säcken ist?

sagte Nina laut und deutlich.

Die Schwiegermutter nickte misstrauisch, weil sie Unheil witterte.

Ihre kleinen Augen begannen hin und her zu huschen.

— Ich gebe Ihnen Ihren Sohn zurück, — sagte Nina.

— Ganz und gar.

Zusammen mit seinen Unterhosen, Socken und all der Fäulnis, mit der Sie ihn vollgestopft haben.

Da er mich heute auf Ihren Befehl hin verraten hat, habe ich beschlossen, dass die Ware fehlerhaft ist.

Nehmen Sie ihn zurück.

Artur stand mit offenem Mund da und sah abwechselnd von seiner Frau zu seiner Mutter.

— Was…

was redest du da?

murmelte er.

— SIE HAT ALLES GEHÖRT!

kreischte die Schwiegermutter und wurde sofort purpurrot.

Sie sprang vom Stuhl auf und stieß eine Tasse um.

Der Tee breitete sich als dunkler Fleck über die Tischdecke aus.

— Du hast gelauscht!

Schamloses Weib!

Wie eine Diebin hast du dagestanden und die Ohren gespitzt!

Teil 5.

Abrechnung und Blumen.

Artur versuchte, etwas zu sagen und einen Schritt auf seine Frau zuzugehen, sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Panik und Dummheit.

— Nina, warte, du hast alles falsch verstanden, wir haben nur…

Nina wartete nicht.

Alle Beherrschung, alle Kultiviertheit, die sie jahrelang in sich gepflegt hatte, verschwand.

Sie packte die schwere Vase mit Keksen vom Tisch und schleuderte sie mit voller Kraft auf den Boden.

Das Klirren von zerbrechendem Glas und Porzellan ließ beide zusammenzucken.

Die Kekse flogen fächerartig in alle Ecken.

— ICH HABE ES FALSCH VERSTANDEN?!

schrie Nina.

Ihr Zorn war furchterregend, wie eine Naturkatastrophe.

— Ich habe jedes Wort gehört, Artur!

„Soll dein Frauchen zu ihrer Mutter verschwinden“?

„Denk dir aus, was du willst“?

Du erbärmlicher Feigling!

Du hast mich wie einen Straßenköter aus dem Haus gejagt, weil Mama es so befohlen hat?!

— Wie wagst du es, in meinem Haus zu schreien!

brüllte Galina Stepanowna zurück und ging auf sie zu.

— Raus hier!

Psychopathin!

Ich habe immer gewusst, dass du nicht normal bist!

Verschwinde!

— SCHWEIGEN!

brüllte Nina und machte abrupt einen Schritt auf die Schwiegermutter zu.

Galina Stepanowna wich überrascht zurück, verfehlte den Stuhl und plumpste schwer auf das Sofa.

— Ich werde selbst verschwinden!

Aber zuerst werden Sie zuhören!

Sie, Galina Stepanowna, sind eine böse, gierige Egoistin, die ihren Mann aufgefressen hat und nun ihren Sohn zu Ende frisst!

Sie hassen alle um sich herum, weil Sie selbst zutiefst unglücklich sind!

Und du…

Sie wandte sich Artur zu.

Er stand da, den Kopf in die Schultern gezogen, blass und mit zitternder Lippe.

— Du hast mich verraten, Artur.

Nicht mit einer anderen Frau, nein, das wäre wenigstens ehrlich gewesen.

Du hast mich verraten, indem du zugelassen hast, dass man sich an mir die Füße abtritt.

Du hast „Mamas Bequemlichkeit“ deiner Frau vorgezogen.

Du dachtest, ich schlucke das?

Dass ich zurückkomme und lächle?

— Nin, bitte, lass uns ruhig reden…

jammerte er und streckte die Hand nach ihr aus.

— Vergib mir, ich habe einen Fehler gemacht, ich bin ein Dummkopf…

— Fass mich nicht an!

Nina gab ihm mit voller Wucht eine Ohrfeige.

Der Schlag klang trocken und laut.

Arturs Kopf zuckte zur Seite, und auf seiner Wange erschien sofort ein roter Abdruck.

Er fasste sich ins Gesicht und sah seine Frau entsetzt an.

So hatte er sie noch nie gesehen.

Er war an ihre Geduld gewöhnt, an ihre Nachgiebigkeit.

Doch vor ihm stand eine Furie.

— Das ist für den „Arbeitsanruf“, — zischte sie.

— Und das sind deine Sachen.

Leb mit Mama.

Schlaf mit Mama.

Iss ihre eingelegten Sachen.

Den Kredit für dein Auto zahlst du selbst.

Die Schlüssel zu meiner Wohnung legst du auf den Tisch.

SOFORT!

Artur zog mit zitternden Händen den Schlüsselbund hervor und legte ihn an den Rand des Tisches.

— Und ich will dich nie wieder in meiner Nähe sehen.

Wenn du die Scheidung einreichst, gut.

Wenn nicht, mache ich alles selbst.

Und hoffe nicht, dass ich es mir anders überlege.

Für mich bist du heute Abend gestorben, als du mir auf dieser Treppe ins Gesicht gelogen hast.

Nina drehte sich um, stieg über die Scherben der Vase und die verstreuten Kekse und verließ das Haus.

Die Schwiegermutter schrie ihr irgendetwas hinterher, überschüttete sie mit Flüchen, griff sich ans Herz und verlangte Validol, doch Nina hörte schon nichts mehr.

Sie setzte sich in das leere, leichte Auto und trat aufs Gas.

Zwei Wochen vergingen.

Nina saß während ihrer Mittagspause in einem Café.

Das Leben fand allmählich in eine neue Bahn.

Die Scheidung war im Gange.

Artur hatte ein paar Mal versucht anzurufen, war aber überall blockiert, wo es nur möglich war.

Gerüchten gemeinsamer Bekannter zufolge lebte er bei seiner Mutter, die ihn nun rund um die Uhr dafür fertig machte, dass er „eine Frau mit Wohnung und gutem Gehalt verloren hatte“ und ihr nun auf der Tasche lag.

Galina Stepanowna verachtete, wie sich herausstellte, Versager, selbst wenn sie sie selbst zu solchen gemacht hatte.

An den Tisch trat eine große Frau mit einem großen Strauß weißer Lilien.

Es war Larisa.

Nina spannte sich an.

Das Letzte, was sie jetzt wollte, war eine weitere Runde familiärer Auseinandersetzungen.

— Darf ich?

fragte Larisa und zeigte auf den Stuhl.

— Wenn du gekommen bist, um mir zu erzählen, wie schlecht ich bin, dann spar es dir, — antwortete Nina kühl.

Larisa schüttelte den Kopf und legte den Strauß vor Nina auf den Tisch.

— Das ist für dich.

— Wofür?

fragte Nina überrascht.

— Dafür, dass du getan hast, wozu mir nie der Mut gereicht hat, — sagte Larisa mit einem schiefen Lächeln, und dieses Lächeln war traurig.

— Mutter hat mir natürlich ihre Version erzählt.

Dass du hysterisch bist, dass du beinahe das Haus zerlegt hättest.

Aber ich kenne unsere Mutter.

Und ich kenne meinen Bruder.

Larisa setzte sich und bestellte Kaffee.

— Deshalb bin ich damals auch nicht gekommen, — fuhr sie fort.

— Nicht deinetwegen.

Ich wollte Mutter einfach nicht sehen.

Aber sie hat wie immer alles verdreht.

Artur…

er ist ein Waschlappen, Nina.

Ich habe das immer gewusst.

Er hat verdient, was er bekommen hat.

Und Mutter steht jetzt unter Schock.

Sie ist daran gewöhnt, dass alle Angst vor ihr haben.

Aber du hattest keine Angst.

Du hast sie dadurch gedemütigt, dass du ihre Spielchen nicht mitgespielt hast.

— Ich wollte niemanden demütigen, — sagte Nina.

— Ich habe mich nur verteidigt.

— Genau.

Und dafür respektiere ich dich.

Verzeih mir die alten Sachen.

Ich war damals dumm, mit diesen Kindern…

Ich war einfach neidisch darauf, dass du frei und unabhängig bist.

Larisa schob die Blumen näher zu ihrer ehemaligen Schwägerin.

— Artur heult jetzt.

Mutter frisst ihn bei lebendigem Leib.

Sie sagt, er sei kein Mann, wenn er seine Frau nicht im Zaum halten konnte.

Also sind die beiden einander wert.

Aber du…

du bist großartig.

Nina sah die Lilien an, dann Larisa.

Zum ersten Mal in der ganzen Zeit ihrer Bekanntschaft sah sie in den Augen ihrer Schwägerin keinen Neid, sondern aufrichtiges Verständnis.

— Danke, — sagte Nina.

Sie atmete den Duft der Blumen ein.

Es roch nach Freiheit.