Das Taxi roch nach Benzin und Fremdheit, ein müder Geruch hatte sich in die Sitze eingebrannt.
Der Fahrer warf mehrmals einen Blick in den Rückspiegel auf Kata und das weiße Paket in ihrer Hand, sagte aber kein Wort. Ein kluger Mann, oder einfach nur gleichgültig.

Kata betrachtete die flackernden Lichter der Großstadt, wie sie sich in schmutzigen Streifen am Fenster verteilten. Sie weinte nicht.
Drinnen wurde plötzlich alles sehr leicht und kalt, als wäre es ein leeres Glasgefäß, aus dem alles ausgegossen wurde, was es bisher gefüllt hatte.
Der kleine Nikita, ihr Sohn, schlief im Autositz, den sie mühsam auf den Rücksitz gehievt hatte.
Sein leises Schnaufen war das Einzige, das von ihrer zerstörten Welt übrig geblieben war.
Bis zum letzten Moment spielte sie in ihrem Kopf ein anderes Szenario durch. Sie öffnet die Tür, und Viktor steht da.
Verlegen, schuldbewusst, mit einer dummen Ausrede über Staus, einen leeren Akku oder eine weltweite Katastrophe.
Sie hätte nicht einmal zugehört — sie hätte nur genickt und wäre ins Kinderzimmer gegangen. Wichtig wäre nur gewesen, dass er da ist.
Aber ihr Mann kam nicht zur Entbindung. Er stand nicht am Eingang des Krankenhauses mit dummen Luftballons, und jetzt war er auch nicht vor ihrem Haus — das vielleicht nur noch ihr Zuhause war.
Der Fahrer half, den schweren Autositz herauszunehmen.
— Herzlichen Glückwunsch zum Baby — murmelte er, während er verlegen auf der Stelle trat.
Kata nickte stumm und reichte ihm das Geld.
Die Fahrt mit dem Aufzug schien endlos. Die von Teenagern beschmierten Wände drückten von allen Seiten. Jeder Stockwerk war eine neue Runde in ihrem persönlichen Höllenkreis.
Der Schlüssel drehte sich schwer im Schloss, als wollte er nicht gehorchen, als würde selbst die Wohnung dem einsamen Heimkommen widerstehen.
Drinnen empfing sie Dunkelheit und hallende Leere. Kein Duft nach Abendessen, kein Licht schimmerte unter der Schlafzimmertür hervor.
Nur der scharfe, kaum wahrnehmbare Duft von Viktors Parfum — das, das er immer benutzte, bevor er „Geschäfte“ erledigte.
Auf dem kleinen Tisch im Flur lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Kein Umschlag, keine Grußkarte. Ein herausgerissenes Blatt aus einem teuren Terminkalender.
Sie begann zu lesen, aber die Worte drangen nicht sofort in ihr Bewusstsein. Sie blieben am Rand ihrer Gedanken hängen, wollten nicht zur Sache durchdringen…
Kata las den Zettel ein zweites, ein drittes Mal. Die Buchstaben waren ordentlich, schmerzhaft vertraut — Viktors Handschrift, die sie schon tausendmal auf Einkaufslisten, Rechnungen, kleinen Notizen gesehen hatte.
„Ich bin dafür nicht bereit. Ich brauche Zeit. Entschuldige.“
Drei Zeilen. Nicht „für uns“, nicht „für das Kind“, nicht „für dich“. Nur — dafür.
Als wäre Nikita ein unbequemer Gegenstand, ein schlecht getimtes Ereignis, das Viktors gewohnte Welt durcheinandergebracht hatte.
Kata setzte sich langsam auf den Flurhocker. Ihre Beine zitterten. Nicht vor Weinen — vor Leere. Sie hatte Schmerz, Hysterie, Schreie erwartet.
Stattdessen kam nichts. Nur eine kalte, kristallklare Erkenntnis: Viktor ist weg. Nicht heute.
Nicht im Kreißsaal. Viel früher — er war nur noch physisch in dieser Wohnung anwesend.
Sie ging ins Wohnzimmer, hielt den Autositz wie etwas Einzigartiges, das noch nicht zusammengebrochen war.
Sie setzte Nikita neben das Sofa. Der kleine Junge bewegte sich, quiekte leise — dieser Ton schnitt schärfer als jedes Wort.
— Ich bin da — flüsterte Kata, obwohl sie selbst nicht sicher war, ob sie es glaubte.
Die Wohnung war fremd geworden. Die Regale leer — Akten, Laptop, die Uhr, die Kata Viktor zu seinem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, waren verschwunden.
Sogar ihr Hochzeitsfoto fehlte an der Wand, nur ein heller Rechteckfleck blieb auf der Tapete.
Sie war vorbereitet. Kalt, überlegt, ohne Szenen.
Im Kinderzimmer, das sie gemeinsam eingerichtet hatten, war alles an seinem Platz. Das Gitterbett, die weiche Decke, die Windelbox.
Viktor war in den letzten Tagen hier nicht hineingegangen. Er wagte es nicht — oder hielt es einfach nicht für nötig.
Kata setzte sich an die Kante des Kinderbettes und weinte zum ersten Mal an diesem Tag. Lautlos, um Nikita nicht zu wecken.
Ihre Tränen flossen, während Erinnerungen in kleine Details zerfielen: Viktors Distanz, die späten Heimkehrzeiten, leere Umarmungen, die Gereiztheit bei jedem Thema rund ums Kind.
Das Telefon vibrierte auf dem Nachttisch. Kata zuckte zusammen. Ihr Herz zog sich zusammen — vielleicht ist er es? Vielleicht hat er es sich anders überlegt?
Auf dem Display erschien der Name ihrer Schwiegermutter.
— Ja? — ihre Stimme war heiser.
— Kata — Marias Stimme war zu ruhig. — Viktor ist bei mir. Er sagte… ihr müsst eine Weile getrennt leben.
Kata schloss die Augen.
— Er hat einen Zettel hinterlassen — sagte sie leise.
— Ich weiß — Pause. — Hör zu, ich entschuldige ihn nicht. Aber du musst jetzt ruhig bleiben. Das Baby ist klein, Aufregung tut ihm nicht gut.
— Sie wussten es? — Katas Stimme wurde plötzlich laut. — Sie wussten, dass er nicht kommt? Dass ich allein nach Hause gehe mit einem Neugeborenen?
Das Schweigen war länger als jede Antwort.
— Komm rüber — sagte schließlich ihre Schwiegermutter. — Wir reden.
Kata sah zu Nikita. Sein Gesicht war ruhig, vertrauensvoll. Und in diesem Moment verstand sie: Es gibt kein Zurück. Weder zu Viktor. Noch zu seiner Mutter.
— Nein — sagte sie bestimmt. — Ich schaffe es alleine.
Sie legte das Telefon weg, ohne auf eine Antwort zu warten.
Die nächsten Wochen verschmolzen zu einem langen Tag. Nachtfütterungen, Bauchschmerzen, bis in die Knochen reichende Müdigkeit.
Kata lernte, in zwanzigminütigen Abschnitten zu schlafen und eine Tasse heißen Tee als Fest zu betrachten. Viktor rief nicht an.
Er schickte nur eine trockene Nachricht über den Unterhalt — „vorerst“.
Eines Morgens, als Nikita kaum älter als einen Monat war, klingelte es. Kata öffnete die Tür — Viktor stand da. Abgemagert, dunkle Ringe unter den Augen.
— Darf ich reinkommen? — fragte er.
Kata trat wortlos beiseite.
— Ich habe überreagiert — begann Viktor, während er sich umsah, als suche er Halt in den Wänden. — Alles ist auf mich zusammengebrochen. Du warst immer beim Kind, ich… fühlte mich überflüssig. Es schien, als würdest du mich nicht mehr sehen.
Kata hörte zu und war überrascht von ihrer eigenen Ruhe.
— Hast du mich gesehen? — fragte sie. — Als ich im achten Monat Fieber hatte? Als ich Angst vor der Geburt hatte? Als ich allein aus dem Kreißsaal ging?
Viktor senkte den Kopf.
— Ich bin bereit zurückzukommen — sagte er leise. — Lass es uns noch einmal versuchen.
Kata trat zum Autositz, wo Nikita schlief, und richtete die Decke zurecht.
— Zu spät — antwortete sie. — Du bist gegangen, als ich am schwächsten war. Ich will nicht mehr stark sein bei dir.
— Aber ich bin der Vater…
— Biologisch — unterbrach Kata. — Nicht in Taten.
Sie öffnete die Tür.
— Geh. Wir zwei werden es schaffen.
Als die Tür ins Schloss fiel, fühlte Kata keine Erleichterung, sondern Abschluss. Als hätte ein langer, schmerzhafter Satz endlich ein Ende gefunden.
Sie nahm Nikita auf. Der kleine Junge wachte auf und sah sie mit großen, aufmerksamen Augen an.
— Wir werden ein anderes Leben haben — flüsterte Kata. — Ich verspreche es.
Und diesmal war es kein leeres Versprechen.



