— Gib deinen Sparbeitrag deiner Schwägerin für die Hochzeit, und wenn du dann ein Kind bekommst, gibt sie ihn dir zurück, — meine Schwiegermutter hatte es auf mein Geld abgesehen. 🤨🤨🤨

Nina liebte Samstagmorgen.

Gerade am Samstag musste man sich nirgendwohin beeilen.

Man konnte liegen bleiben, die Nase an Koljas Schulter gedrückt, hören, wie draußen die Straße erwachte, und an etwas Schönes denken.

Zum Beispiel daran, dass auf dem Konto schon zweihundertvierzigtausend angespart waren.

Das bedeutete, dass bis zur ersehnten Million weniger als zwei Jahre blieben.

Dann würde eine Dreizimmerwohnung in einem neuen Viertel kommen.

Ein Kinderzimmer mit gelben Vorhängen.

Und vielleicht ein Hund.

Oder eine Katze.

Oder beides.

— Woran denkst du? — fragte Kolja verschlafen, ohne die Augen zu öffnen.

— An gelbe Vorhänge.

— Verstehe, — er lächelte, ohne zu verstehen, und zog sie näher an sich.

Sie hatten vor drei Jahren geheiratet.

Kolja war achtundzwanzig, Nina sechsundzwanzig.

Beide arbeiteten.

Beide bauten ihre Karriere auf.

Beide wollten zuerst ein wenig für sich selbst leben.

Die Welt bereisen.

Auf die Beine kommen.

Boden unter den Füßen spüren, bevor sie Wurzeln schlugen.

Diese Entscheidung war bewusst getroffen worden.

Sie war besprochen worden.

Sie war in langen abendlichen Gesprächen bei Tee gereift.

Kein Druck.

Keine Eile.

Beide wussten, was sie wollten.

Nur die Schwiegermutter, Walentina Petrowna, glaubte nicht daran.

Walentina Petrowna war eine große, laute Frau, die von ihrer eigenen Richtigkeit in jeder Frage absolut überzeugt war.

Sie hatte zwei Kinder großgezogen — Kolja und die jüngere Lena — ohne Mann, der gegangen war, als Lena drei Jahre alt war.

Seitdem war sie der Meinung, ein besonderes Recht auf Respekt zu haben.

Dieser Respekt zeigte sich ihrer Meinung nach darin, dass alle Menschen ihre Worte als Handlungsanweisung akzeptieren mussten.

Mit Nina lief es vom ersten Blick an nicht gut.

— Zu dünn, — sagte sie nach dem ersten Kennenlernen zu Kolja.

— Solche Frauen gebären nicht.

Kolja winkte damals ab und dachte, seine Mutter mache sich einfach Sorgen und sehe sich Nina genauer an.

Aber Walentina Petrowna sah sich nicht nur um.

Sie baute methodisch, konsequent und völlig ohne Scham ihre eigene Version der Realität auf.

In dieser Realität war Nina schuld daran, dass es keine Enkel gab.

Bei jedem Familienessen und bei jeder passenden Gelegenheit schaffte sie es, etwas in dieser Art einzufügen.

Mal seufzte sie: „Andere haben schon zwei Kinder bekommen, und ihr reist immer noch.“

Mal ließ sie beim Teeeinschenken scheinbar zufällig fallen: „Man sagt, wenn man zu lange wartet, klappt es später überhaupt nicht mehr.“

Mal sah sie Nina mit demonstrativem Mitleid an und sagte: „Mach dir nur keine Sorgen.

Die Medizin ist heute so weit, alles Mögliche wird behandelt.“

Nina schwieg anfangs.

Dann begann sie, kurz und kalt zu antworten.

Dann sprachen sie und Kolja miteinander.

Kolja sprach mit seiner Mutter.

Die Mutter war beleidigt.

Sie weinte.

Sie sagte, niemand verstehe sie.

Und nach einer Woche wiederholte sich alles wieder.

— Sie macht das absichtlich, — sagte Nina zu Kolja.

— Sie weiß ganz genau, dass wir das selbst so entschieden haben.

Sie will mir einfach wehtun.

— Sie ist nicht böse, — antwortete Kolja.

— Sie ist einfach … so.

— „So“ ist keine Entschuldigung.

Er stimmte zu.

Er sprach wieder mit seiner Mutter.

Die Mutter war wieder beleidigt.

Der Kreis schloss sich.

Von dem Sparbeitrag erfuhr Walentina Petrowna zufällig.

Kolja erwähnte in ihrer Gegenwart, dass er und Nina für eine Wohnung sparten.

Die Mutter schwieg damals.

Aber Nina sah, wie etwas in ihren Augen aufblitzte.

Etwas Unangenehmes.

— Du hättest das nicht sagen sollen, — sagte sie später zu Kolja.

— Ach komm, was soll sie denn machen, ihn nehmen?

— Ich weiß es nicht.

Aber besser wäre es gewesen, wenn du nichts gesagt hättest.

Kolja winkte wieder ab.

Er war überhaupt ein gutmütiger, weicher Mensch, der lieber gut über Menschen dachte.

Das war gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche.

Lena, Koljas jüngere Schwester, war ein schönes, sprunghaftes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, das mit beneidenswerter Regelmäßigkeit in Schwierigkeiten geriet.

Sie wechselte Jobs.

Sie wechselte Hobbys.

Sie wechselte junge Männer.

Und irgendwann passte sie nicht auf.

Die Nachricht von ihrer Schwangerschaft erzählte sie ihrer Mutter im November.

Nina erfuhr es von Kolja.

Kolja erfuhr es von seiner Mutter, die ihn in Panik angerufen und eine halbe Stunde lang ins Telefon geweint hatte.

Der Vater des Kindes war ein gewisser Artjom, mit dem Lena seit einem halben Jahr zusammen war.

Er war bereit zu heiraten.

Lena dachte nach.

Sie dachte lange nach.

Zu lange.

Als sie sich endlich entschied, das Kind zu behalten, ließ die Frist keinen anderen Ausweg mehr zu.

Die Mutter atmete erleichtert auf.

Lena stellte eine Bedingung: eine Hochzeit.

Eine richtige Hochzeit.

Mit Bankettsaal, weißem Kleid, Livemusik und mindestens fünfzig Gästen.

— Ich werde nicht einfach nur im Standesamt unterschreiben, — erklärte Lena entschieden.

Artjom zuckte mit den Schultern.

Er schien zu allem bereit zu sein, nur damit man ihn in Ruhe ließ.

Seine Eltern breiteten die Hände aus: kein Geld.

Die Eltern der Braut, also Walentina Petrowna in stolzer Einsamkeit, breiteten ebenfalls die Hände aus: kein Geld.

Nina hörte diese Gespräche nur nebenbei und verstand alles.

Sie verstand es schon, bevor Walentina Petrowna anrief und sagte, sie wolle vorbeikommen, um „zu reden“.

— Kolja, — sagte Nina an jenem Abend, — sie kommt wegen Geld.

— Nin, du gleich wieder …

— Kolja.

Sie kommt wegen Geld.

Er schwieg.

Das bedeutete, dass er es auch verstand.

Walentina Petrowna kam am Sonntag nach dem Mittagessen.

Nina hatte gerade das Geschirr nach dem Essen fertig abgewaschen und wollte sich mit einem Buch hinsetzen.

Walentina Petrowna betrat den Flur, zog die Schuhe aus, ging in die Küche, sah sich mit dem Blick eines Menschen um, der lange nicht hier gewesen war und nicht besonders froh war, wieder hier zu sein, und setzte sich an den Tisch, ohne auf eine Einladung zu warten.

— Ist Kolja zu Hause? — fragte sie und sah an Nina vorbei.

— Ich rufe ihn gleich.

Kolja kam aus dem Zimmer mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der zu einem Verhör geht.

Er setzte sich seiner Mutter gegenüber.

Nina blieb am Herd stehen und verschränkte die Arme.

Walentina Petrowna begann von weitem.

Mit Lena.

Mit ihrer Lage.

Damit, wie unpassend das alles sei und wie sie, die Mutter, nun nachts nicht schlafe.

Dann kam sie auf Artjom zu sprechen.

Kein schlechter Junge, er arbeitet, aber Geld hat er nicht.

Seine Eltern sind einfache Leute.

Dann kam sie zur Hochzeit.

Dazu, dass Lena ein normales Fest verdient habe.

Dass sie schließlich eine Tochter sei.

Dass man nicht einfach still unterschreiben und so tun könne, als passiere nichts.

Nina hörte zu und verstand, wohin das alles führte.

— Und da habe ich gedacht, — sagte Walentina Petrowna schließlich und sah Nina mit einem Ausdruck an, der offenbar Wohlwollen bedeuten sollte, — ihr bekommt mit Kolja ja sowieso noch keine Kinder.

Ihr habt selbst gesagt, ihr habt es nicht eilig.

Und euer Geld liegt nur da und sammelt sich an.

Gib deinen Sparbeitrag deiner Schwägerin für die Hochzeit, und wenn du dann ein Kind bekommst, gibt sie ihn dir zurück.

In der Küche wurde es still.

Nina drehte langsam den Kopf und sah ihre Schwiegermutter an.

Diese sah ruhig zurück.

Sogar mit einer gewissen Überlegenheit.

Wie ein Mensch, der gerade etwas völlig Vernünftiges gesagt hatte und nun Dankbarkeit erwartete.

— Das ist unser Geld, — sagte Kolja leise.

— Wir haben es für eine Wohnung gespart.

— Na und? — Walentina Petrowna zuckte mit den Schultern.

— Die Wohnung läuft euch nicht weg.

Ihr seid jung.

Ihr spart wieder.

Aber Lena ist jetzt schwanger, sie braucht Hilfe.

Das ist Familie, Kolja.

Familie muss helfen.

— Wir hätten geholfen, — sagte Kolja, — wenn man uns gefragt hätte.

Aber wir haben kein Geld, das man für eine Hochzeit weggeben kann.

— Doch, habt ihr, — sagte die Mutter kurz.

— Ich weiß, wie viel dort ist.

Nina spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen.

— Sie wissen, wie viel dort ist? — fragte sie langsam.

— Nun, Kolja hat mal etwas gesagt …

— Kolja hat gesagt, dass wir für eine Wohnung sparen.

Er hat nicht gesagt, dass Sie darüber verfügen dürfen.

Walentina Petrowna sah sie mit kalter Gereiztheit an.

— Ich rede nicht mit dir.

— Sie sind in meiner Wohnung, — sagte Nina.

— Sie sprechen über mein Geld.

Sie sprechen mit mir.

— Das ist auch Koljas Wohnung.

— Gemeinsam erworben.

Und der Sparbeitrag ist gemeinsam.

Also gehört die Hälfte mir.

Und ich sage: nein.

Walentina Petrowna presste die Lippen zusammen.

Dann sah sie ihren Sohn mit jenem Blick an, mit dem man ein Kind ansieht und erwartet, dass es endlich zur Vernunft kommt und das frech gewordene Spielzeug an seinen Platz stellt.

— Kolja, sag du ihr etwas.

Kolja schwieg.

— Kolja, — wiederholte die Mutter, und in ihrer Stimme erschien jene besondere Betonung, die Nina in drei Jahren bis zur letzten Note kennengelernt hatte.

Es war die Betonung einer Frau, die daran gewöhnt war, dass man ihr gehorchte.

— Du verstehst doch, dass deine Schwester Hilfe braucht.

Dass Lena jetzt allein ist.

Dass es ihr schwerfällt.

Du bist doch ihr Bruder.

— Ich bin ihr Bruder, — sagte Kolja.

— Aber ich werde ihre Hochzeit nicht mit unserem Geld bezahlen.

Etwas im Gesicht von Walentina Petrowna zuckte.

Überraschung.

Fast Kränkung.

Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet.

— Also ist dir irgendeine … — Walentina Petrowna machte eine unbestimmte Geste in Ninas Richtung, — wichtiger als deine leibliche Schwester?

— Nina ist meine Frau.

Und du bist in ihrem Haus.

Walentina Petrowna lehnte sich an die Stuhllehne zurück.

Sie schwieg eine Weile.

Dann sagte sie leise, fast nachdenklich, und gerade das war schlimmer als Schreien:

— Ich wusste von Anfang an, dass sie nicht die richtige Frau ist.

Ich habe es dir gesagt.

Es gab bessere Möglichkeiten.

Du hast nicht auf mich gehört.

Und sie …

Sie sah Nina an.

— Sie wird dir keine Kinder gebären.

Darin war ich mir immer sicher.

Drei Jahre sind vergangen.

Nichts.

Nicht, weil ihr „es nicht eilig habt“.

Sondern weil es nichts gibt, womit sie gebären könnte.

Nina spürte, wie ihre Geduld riss.

Es tat ihr nicht weh.

Sie hatte sich längst an diese Andeutungen gewöhnt.

An diese Blicke.

An dieses ewige „andere haben schon längst“.

Nina warf die letzten Anstandsregeln über Bord, die sie aus Höflichkeit, aus Respekt vor ihrem Mann und aus dem Wunsch, keinen weiteren Familienskandal zu veranstalten, eingehalten hatte.

— Sie sind völlig unverschämt geworden, — sagte Nina.

Ihre Stimme klang ruhig.

Dann lauter.

— Sie sind völlig unverschämt geworden!

In ein fremdes Haus zu kommen, Geld zu verlangen, das Ihnen niemand versprochen hat, und dabei auch noch die Person zu beleidigen, von der Sie dieses Geld wollen!

Verstehen Sie überhaupt, wie man so etwas nennt?!

— Schrei mich nicht an, — sagte Walentina Petrowna kalt.

— Ich bin nicht zu dir gekommen.

Ich bin zu meinem Sohn gekommen.

Das geht dich nichts an.

— Das ist meine Wohnung!

Mein Geld!

Wie kann das nicht meine Sache sein?!

— Kolja, — die Schwiegermutter wandte sich an ihren Sohn, als wäre Nina nicht im Zimmer, — bring deine Frau zur Vernunft.

Bring ihr bei, ältere Menschen zu respektieren, solange es noch nicht zu spät ist.

In diesem Moment stand Kolja auf.

Nina sah, wie er aufstand.

Langsam.

Schwer.

Wie ein Mensch, der lange auf etwas Unbequemem gesessen hatte und endlich beschlossen hatte, aufzustehen.

Er war groß, ihr Kolja.

Und wenn er so stand, mit geraden Schultern, wirkte er breiter und fester als sonst.

— Mama, — sagte er, — genug.

— Was?

— Genug.

Du hast genug gesagt.

Er sprach ruhig, ohne zu schreien, und das war schlimmer.

— Meine Frau hat recht.

Du bist in unser Haus gekommen, hast unser Geld verlangt und Nina beleidigt.

Ich werde nicht zulassen, dass man so mit ihr umgeht.

Weder in unserem Haus noch irgendwo anders!

— Koljenka, ich wollte doch nur …

— Nein, Mama.

Wir haben oft mit dir darüber gesprochen.

Erinnerst du dich?

Wir haben dich gebeten, keine Andeutungen zu machen, nicht vor allen über Kinder zu sprechen, Nina nicht zu demütigen.

Du hast nicht zugehört.

Vielleicht hörst du jetzt zu.

Walentina Petrowna sah ihn mit dem Ausdruck eines Menschen an, den man gerade mit etwas getroffen hatte, womit er nicht gerechnet hatte.

Sie öffnete den Mund.

Sie schloss ihn wieder.

Dann sagte sie, und ihre Stimme zitterte:

— Also bist du auf ihrer Seite.

— Ich bin auf unserer Seite, — sagte Kolja.

— Nina und ich sind eine Seite.

So ist das, wenn Menschen heiraten.

— Und Lena?

Ist Lena dir nicht wichtig?

— Lena ist wichtig.

Aber wir werden nicht für ihre Fehler bezahlen.

Sie ist erwachsen.

Sie sollen so heiraten, wie sie es sich leisten können.

Das ist normal.

An einer bescheidenen Hochzeit ist nichts Schändliches.

— Sie will keine bescheidene Hochzeit!

— Das ist ihr Problem, — sagte Nina.

Leise und sehr deutlich.

— Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt.

Sie ist selbst in diese Geschichte geraten.

Dann soll sie selbst herauskommen.

Walentina Petrowna stand auf.

Sie zog ihre Jacke zurecht.

Sie sah Nina lange an.

So, wie man etwas Unangenehmes ansieht.

— Ich gehe natürlich, — sagte sie.

— Aber ich werde mir das merken.

— Ich werde es mir auch merken, — antwortete Nina.

In jener Nacht konnte Nina lange nicht einschlafen.

Kolja atmete neben ihr schwer.

Er konnte Schweres schnell loslassen.

Das war sein besonderes Talent, das Nina zugleich schätzte und um das sie ihn ein wenig beneidete.

Sie lag in der Dunkelheit, sah an die Decke und spielte die Szene immer wieder in ihrem Kopf ab.

Gib deinen Sparbeitrag deiner Schwägerin für die Hochzeit, und wenn du dann ein Kind bekommst, gibt sie ihn dir zurück.

Genau so war es gesagt worden.

Ruhig.

Herrisch.

Als ginge es nicht um fremde Ersparnisse, sondern um etwas Selbstverständliches.

Als wäre Nina so etwas wie ein Safe.

Sie steht in der Ecke, spart, wartet, bis jemand kommt, der es braucht.

Nina dachte daran, wie lange sich das schon hinzog.

Drei Jahre.

Drei Jahre voller Andeutungen, Seufzer und mitleidiger Blicke.

Drei Jahre voller Erklärungen.

Wir haben das so entschieden.

Wir haben es nicht eilig.

Wir wollen zuerst auf die Beine kommen.

Drei Jahre, in denen diese Erklärungen entweder nicht gehört oder als Ausreden bezeichnet wurden.

Sie war nicht unfruchtbar.

Sie war gesund.

Sie und Kolja hatten sich untersuchen lassen.

Einfach für sich selbst, weil Nina es genau wissen wollte.

Alles war in Ordnung.

Sie erzählte ihrer Schwiegermutter nichts davon, weil sie der Meinung war, dass sie einem fremden Menschen keine Rechenschaft über ihre Gesundheit schulde.

Und Walentina Petrowna war für Nina, trotz allem, was sie über Kolja verband, genau das: ein fremder Mensch.

Eine Fremde.

Vielleicht war das grausam.

Vielleicht hätte man sich von Anfang an hinsetzen, reden und alles erklären sollen.

Nicht kalt, wie sie es gewöhnlich tat, sondern wirklich offen.

Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Aber Nina sah an die Decke und verstand: nein, es wäre nicht anders gekommen.

Denn das Problem war kein Missverständnis.

Das Problem war, dass Walentina Petrowna von Anfang an entschieden hatte, dass Nina nicht die Richtige war.

Nicht die richtige Frau für ihren Sohn.

Und alles andere — die Vermutungen über Unfruchtbarkeit, die Vorwürfe wegen der Kinder, die Geschichte mit dem Sparbeitrag — all das waren nur verschiedene Arten, ein und dasselbe zu sagen: Du bist hier eine Fremde.

Nina drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.

Kolja legte ihr im Schlaf leise die Hand auf die Schulter.

Ohne aufzuwachen.

Instinktiv.

Wie er es immer tat.

Sie dachte: Vielleicht liebe ich ihn genau dafür.

Für dieses ruhige, unbewusste „Ich bin da“.

Lena unterschrieb im März die Ehepapiere.

Es gab keinen Bankettsaal.

Es gab keine Livemusik.

Es gab keine fünfzig Gäste.

Es gab ein kleines Essen in Walentina Petrownas Wohnung.

Etwa zwölf Menschen.

Olivier-Salat.

Gebratenes Hähnchen.

Und eine Torte aus der Konditorei.

Nina und Kolja kamen auch.

Nina lächelte.

Sie gratulierte.

Sie stieß mit den anderen an.

Sie machte alles so, wie es sich gehörte.

Lena sah sie nicht an.

Artjom trank nervös und erklärte seinem Vater irgendetwas.

Walentina Petrowna hantierte in der Küche und begegnete Ninas Blick kein einziges Mal.

Im April zogen Lena und Artjom zur Mutter.

Sie hatten nirgendwo sonst hin.

Artjoms Eltern lebten in einer Einzimmerwohnung mit seinem jüngeren Bruder, einem Studenten.

Eine Wohnung zu mieten, während Lena schwanger war, ergab weder finanziell noch praktisch Sinn.

Walentina Petrowna rückte zusammen.

Im Juni wurde ein Junge geboren.

Sie nannten ihn Mischa.

Nina erfuhr es von Kolja.

Er war in die Geburtsklinik gefahren.

Er kam müde und etwas verwirrt zurück.

— Wie geht es Lena? — fragte Nina.

— Normal.

Der Kleine schreit, aber er ist gesund.

— Gut.

Sie schwiegen.

— Mama bat mich auszurichten … — begann Kolja und hielt inne.

— Was?

— Dass sie sich freuen würde, wenn du vorbeikommst und den Neffen kennenlernst.

Nina dachte nach.

— Ich komme vorbei, — sagte sie.

— Später.

Wenn sich alles ein wenig beruhigt hat.

Kolja nickte.

Beide verstanden, dass „später“ sehr lange dauern konnte.

Im Herbst erfuhr Nina zufällig von Kolja, der es von Lena erfahren hatte, die angerufen hatte, um sich zu beschweren, dass das Leben in der Wohnung der Schwiegermutter unerträglich geworden war.

Mischa schrie nachts.

Artjom kam böse und müde von der Arbeit zurück.

Lena war wütend auf Artjom und auf ihre Mutter.

Die Mutter war wütend auf Lena und auf Artjom.

Alle waren wütend auf Mischa, obwohl Mischa nichts dafür konnte.

Skandale gab es jeden zweiten Tag.

— Lena ist ganz wie Mama, — sagte Kolja.

— Derselbe Charakter, eins zu eins.

Sie werden nicht miteinander auskommen.

— Ich weiß, — sagte Nina.

— Tut dir meine Mutter nicht leid?

Nina dachte nach.

Sie versuchte, in sich etwas zu finden, das Mitleid ähnelte.

Mitleid mit dieser großen, lauten Frau, die nun wegen des Weinens ihres Enkels nachts nicht schlief, Enge und Skandale ertrug und selbst nicht wusste, wie man sie vermeidet.

Sie fand nichts.

— Nein, — sagte sie.

— Sie tut mir nicht leid.

Kolja seufzte.

Er hatte offenbar eine andere Antwort erwartet.

Aber er stritt nicht.

Er wusste, dass es hier nichts zu streiten gab.

Im November, genau ein Jahr nach jener unglücklichen Nachricht von Lenas Schwangerschaft, saßen Nina und Kolja abends am Tisch und rechneten.

Auf dem Sparbeitrag waren dreihundertachtzigtausend.

Bis zur Million blieben weniger als anderthalb Jahre.

— Schaffen wir es dieses Jahr noch irgendwohin zu fahren? — fragte Kolja.

— Wenn im Dezember, dann ja.

— Wohin möchtest du?

Nina stützte die Wange auf die Hand und sah aus dem Fenster, hinter dem bereits der erste Schnee lag.

— Irgendwohin, wo es warm ist.

Kolja lächelte und griff nach dem Laptop, um Tickets anzusehen.

Nina sah ihn an und dachte daran, dass sie keine einzige ihrer Entscheidungen bereute.

Nicht die Entscheidung, sich nicht zu beeilen.

Nicht die Entscheidung, zu sparen.

Nicht die Entscheidung, der Schwiegermutter damals Nein zu sagen.

Besonders die letzte nicht.

Denn darin lag das Gefühl, dass die Welt doch irgendwie gerecht aufgebaut war.

Dass man einen Menschen nicht jahrelang demütigen, sein Geld verlangen, ihm ins Gesicht sagen konnte, er sei unvollständig, und dafür nichts zurückbekam.

Walentina Petrowna bekam etwas zurück.

Nicht von Nina.

Vom Leben.

Von ihrer eigenen Tochter, die aus demselben Holz geschnitzt war wie sie.

Von der engen Wohnung und dem Kinderweinen um drei Uhr nachts.

Von der Streitlust, die sie selbst in Lena großgezogen hatte, weil Lena wirklich ganz nach ihrer Mutter kam.

Nina war sicher, dass sie endlich bekommen hatte, was sie verdiente.

Nicht, weil Nina ihr Böses wünschte.

Sondern einfach, weil Gerechtigkeit langsam ist, aber unvermeidlich.

Und draußen vor dem Fenster fiel der Schnee immer weiter.

Und die Tickets nach Teneriffa im Dezember waren gar nicht teuer.

Und die gelben Vorhänge im Kinderzimmer waren nicht verschwunden.

Sie würden einfach noch ein wenig warten.

Nur ein ganz kleines bisschen.