„Es tut mir leid, aber ich kenne Sie nicht“ – sagte Erzsébet mit leerem Blick, ihre Tochter nicht erkennend.

Eine unerwartete Geste, tief bewegend und doch riskant.

Die Geschäftsfrau hatte ihren Flug fast verpasst, als sie am Eingang des Terminals eine besonders schöne, aber offensichtlich obdachlose Frau mit einem nur wenige Monate alten Baby im Arm bemerkte.

Der Blick der Frau war müde, aber dennoch würdevoll, das Kind atmete leise.

Diána Erdélyi hielt inne, obwohl jede Minute zählte. Irgendetwas in ihr drängte sie dennoch zum Anhalten. Sie holte die Schlüssel zu ihrem Ferienhaus aus ihrer Tasche und drückte sie der Frau in die Hand.

– Ich verreise für drei Monate zu Geschäftsverhandlungen, sagte sie schnell. – Bis dahin wohnen Sie ruhig dort. Ein sicherer Ort.

Das Schicksal gestaltete die Dinge jedoch anders. Die Verhandlungen zogen sich hin, immer neue Abkommen wurden auf den Tisch gelegt, sodass Diána schließlich erst nach einem halben Jahr nach Hause zurückkehrte.

Als ihr die fremde Frau und das kleine Baby in den Sinn kamen, machte sie sich auf den Weg zum Ferienhaus. Was sie dort sah, ließ ihr Gesicht erbleichen.

Diána Erdélyi leitete seit Jahrzehnten das Familienunternehmen, das sie von ihrem Vater, Sándor Orosz, geerbt hatte.

Mit fünfundzwanzig Jahren fiel ihr die Verantwortung zu, die andere Menschen ihr Leben lang zerbrechen würde.

Sie jedoch wich nicht zurück. Sie widmete alles ihrer Arbeit, sodass ihr Privatleben langsam vollständig in den Hintergrund trat.

Eine eigene Familie hatte sie nicht, nur ihre Mutter, Erzsébet Fehér, blieb an ihrer Seite, die sie immer wieder daran erinnerte, wie wichtig es wäre, endlich einen Partner zu finden. Diese Bemerkungen machten Diána regelmäßig gereizt.

An diesem Abend parkte sie genau um 23:40 Uhr mit ihrem schwarzen Auto vor dem Haus. Müde lehnte sie sich in den Sitz zurück, schloss für ein paar Sekunden die Augen.

Der ganze Tag war erschöpfend gewesen: Lieferantenabsprachen, Lagerprobleme, dann stundenlange Berichtsprüfungen. Mit fünfundfünfzig Jahren trägt der Körper solche Strapazen nicht mehr leicht.

Im Rückspiegel sah sie ihr eigenes Gesicht. Dunkle Ringe unter den Augen, feine Falten an den Schläfen, die am Morgen noch perfekte Frisur war bis zum Abend leicht zerzaust.

Vor dreißig Jahren sah eine ganz andere Frau zurück: energisch, entschlossen, mit weltverändernden Plänen.

Jetzt schien jeder Tag ein Kampf zu sein, den sie führen musste, damit das Unternehmen überhaupt überleben konnte.

Sie stieg aus, holte ihre Aktentasche aus dem Kofferraum und betrat das Haus. Im Flur empfingen sie Halbdunkel und Stille.

Genauer gesagt nicht völlige Stille: aus der Küche drang leises Fernsehgeräusch. Sie zog die Schuhe aus, hängte den Mantel auf und ging in Richtung des Geräusches.

In der Küche, wie sie vermutete, saß ihre Mutter. Erzsébet Fehér starrte auf den Fernseher, vor ihr stand eine fast unberührte Tasse Tee.

– Schon wieder kurz vor Mitternacht, und du kommst erst jetzt nach Hause, bemerkte sie, ohne aufzuschauen.

In ihrer Stimme mischten sich Müdigkeit und Tadel. – Wie lange willst du das noch machen? Verstehst du nicht, dass du dich ausruhen solltest?

Diána ging zur Bartheke, goss sich ein Glas Rotwein ein.
– Es reicht, Mutter, sagte sie schärfer, als sie wollte. – Jeden Abend höre ich dasselbe.

Erzsébet drehte sich endlich zu ihr. – Es ist kein Vorwurf, sondern Sorge. Du überlastest dich.

– Hast du schon einmal darüber nachgedacht, warum mein Leben so geworden ist? – warf Diána ein und trank einen großen Schluck.

– Worauf willst du hinaus? – fragte die Frau vorsichtig.

Das Glas stellte sie auf den Tisch, Diána blieb mit verschränkten Armen stehen. Jahre angesammelter Groll brach hervor.

– Darauf, dass ihr mich so gemacht habt. Du und Vater. Ihr habt mir von Márk Csernai abgeraten und gesagt, er sei nicht gut genug für mich.

– Márk? – Erzsébet war überrascht. – Das ist über dreißig Jahre her. Ein armer Student.

– Aber er hat mich geliebt! – platzte Diána heraus. – Wirklich geliebt. Und ihr habt mir eingeredet, ich sei weniger wert neben ihm.

Ihre Worte wurden immer schmerzhafter. Sie erinnerte sich an die anderen Männer: der eine zu gefährlich fürs Geschäft, der andere zu ehrgeizig, beim dritten gab es immer einen Vorwand. Am Ende blieb sie allein, an der Spitze des Unternehmens.

Sie setzte sich ihrer Mutter gegenüber. – Dann starb Vater, und alles fiel auf mich, flüsterte sie. – Ich habe täglich vierzehn Stunden gearbeitet. Wann hätte ich leben sollen?

Erzsébet schwieg, ihre Finger kneteten nervös die Serviette.

– Wir haben alles für dich getan, sagte sie schließlich hart. – Wir wollten dir eine Zukunft.

– Und wo ist diese Zukunft? – ein bitteres Lachen entwich Diána. – Kein Mann, kein Kind. Nur ein Leben, das ich durcharbeitete.

Der Streit eskalierte, beide standen auf, Anschuldigungen und Schreie füllten die Küche. Am Ende sagte Diána müde nur:

– Ich gehe schlafen. Morgen wird ein wichtiger Tag.

Oben angekommen, schloss sie sich in ihr Zimmer ein. Sie wusste, dass am Morgen alles beim Alten sein würde.

Am nächsten Tag wachte sie mit Kopfschmerzen auf. Die Küche war leer, was ungewöhnlich war. Schneller Kaffee, ein kurzer Zettel auf dem Tisch, dann rannte sie zur Arbeit.

Am Nachmittag klingelte jedoch das Telefon. Renáta Lukács, die Haushälterin, rief mit zitternder Stimme:

– Diána… Frau Erzsébet ist verschwunden.

Panik ergriff sie sofort. Im Büro ließ sie alles liegen, gab András Illés Anweisungen, die Termine abzusagen, und machte sich auf den Heimweg.

Unterwegs rief sie Bekannte an: Júlia Király, Bernadett Balogh. Niemand wusste etwas.

Da blitzte ihr ein Gedanke auf: der Friedhof. Schnell änderte sie die Richtung. Die Stille des Friedhofs war bedrückend. Das Grab war gepflegt, mit frischen Blumen, aber Erzsébet war nicht dort.

Diána setzte sich auf die Bank, und die Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie blickte auf das Foto ihres Vaters auf dem Grabstein und flüsterte mit stockender Stimme: Sie versteht nicht, wohin ihre Mutter gegangen sein könnte, denn sie wollte niemanden verletzen, war nur zu müde, weiter zu heucheln.