— Mama hat gesagt, du bleibst besser zu Hause.
Dieses Jahr wird es ein reines Familienfest.

Ilja hob nicht einmal den Blick vom Handy.
Wera erstarrte mit dem Lappen in der Hand mitten in der Küche.
Es war der 27. Dezember, drei Tage vor Neujahr, und man hatte sie gerade aus der Familie gestrichen.
Schon wieder.
— Wie bitte – ich soll zu Hause bleiben?
— Genau so.
Du passt da doch gar nicht rein, oder?
Mamas Wohnung ist nicht aus Gummi, — er löste den Blick vom Bildschirm und sah sie erstaunt an, als hätte sie etwas Dummes gefragt.
— Aber sie hat darum gebeten, dass du kochst.
Hier ist die Liste.
Er reichte ihr einen Zettel, beschrieben mit der runden Handschrift von Antonina Petrowna.
Wera nahm ihn mit zwei Fingern.
Sülze.
Drei Sorten Salate.
Gebackener Fisch.
Pasteten mit Fleisch und mit Äpfeln.
Aufschnitt aus Delikatessen.
Unten stand noch: „Und vergiss nicht, alles hübsch zu dekorieren, Werotschka.
Es sind schließlich Gäste.“
Gäste.
Also Gäste dürfen – aber sie nicht.
— Sie will, dass ich für zwanzig Leute koche, aber selbst lässt sie mich nicht an den Tisch.
Wera fragte nicht.
Sie sagte es nur laut, um zu hören, wie es klingt.
— Na ja.
Du verstehst doch, die haben ihren eigenen Kreis.
Du würdest dich dort nur unwohl fühlen.
Zwölf Jahre Ehe.
Zwölf Jahre lang kochte sie für diese Verwandtschaft bei jedem Treffen, jedem Geburtstag, jedem Namenstag.
An den Tisch ließ man sie vielleicht drei Mal, nicht mehr.
Den Rest der Zeit: aufwärmen, servieren, abräumen, spülen.
— Gut, — sagte Wera.
Ilja nickte und starrte wieder aufs Handy.
Am 29. stand sie im Supermarkt am Fleischstand für die Sülze.
Die Hälfte ihres Monatsgehalts.
Genau das Geld, das sie für einen Wintermantel zurückgelegt hatte.
Wera nahm das Fleisch und legte es in den Einkaufswagen.
Dann Lachs, Avocados, Ananas für die Salate.
Antonina Petrowna mochte es, wenn alles „wie bei anständigen Leuten“ war.
Zu Hause kochte sie, schnitt, mischte.
Die Hände arbeiteten von selbst.
Am 30. stand sie um sechs Uhr morgens auf und machte weiter.
Irgendwann ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass sie nicht einmal wütend war.
Sie erledigte einfach nur Arbeit.
Mittags kam ihre Schwester Nadja.
Sie sah den Tisch, vollgestellt mit Behältern, und pfiff durch die Zähne.
— Machst du ein Restaurant auf?
— Das ist für Iljas Familie.
Für Silvester.
— Und wo bist du?
— Hier.
Allein.
Mich haben sie nicht eingeladen, aber das Essen haben sie bestellt.
Nadja setzte sich auf den Hocker und schwieg lange.
— Hör zu, ich wollte das schon lange sagen.
Erinnerst du dich an eure Hochzeit?
Ich habe zufällig gehört, wie Antonina Petrowna mit einer Freundin bei der Toilette gesprochen hat.
Sie sagte: „Unser Iljuschka hat sich ein einfältiges Ding gesucht.
Na gut, immerhin kann sie kochen.
Für die Küche taugt sie.“
Wera blieb stehen.
Das Messer hing über dem Schneidebrett in der Luft.
— Zwölf Jahre hast du geschwiegen?
— Ich dachte, das geht mich nichts an.
Verzeih mir, — Nadja rieb sich den Nasenrücken.
— Aber jetzt sehe ich das und mir wird schlecht.
Willst du ihnen das Essen wirklich geben und an Silvester allein bleiben?
— Will ich.
Nadja ging und knallte die Tür zu.
Um sieben Uhr abends rief Antonina Petrowna an.
Ihre Stimme war süß wie Karamell.
— Werotschka, Liebes, ich hab mir gedacht – vielleicht fügst du noch Garnelen hinzu?
Und roten Kaviar.
Es ist schließlich Neujahr, die Gäste sind ernst zu nehmen.
Ilja wird es dir später irgendwie zurückgeben.
Irgendwie.
Später.
In zwölf Jahren hatte Ilja ihr nicht ein einziges Mal einen Cent für die Produkte bei Familienfesten zurückgegeben.
— Gut, Antonina Petrowna.
Ich mache alles.
Wera legte auf.
Sie setzte sich aufs Sofa und starrte etwa zehn Minuten lang auf einen Punkt.
Dann stand sie auf, zog die Jacke an und ging hinaus.
In der Apotheke an der Ecke kaufte sie zwei Fläschchen eines starken Abführmittels ohne Geschmack und Geruch.
Zu Hause öffnete sie den ersten Behälter mit der Sülze.
Sie träufelte das Mittel in die Brühe und rührte mit einem Löffel um.
Sie schloss den Deckel.
Sie öffnete den nächsten Behälter – Hering im Pelzmantel.
Noch ein paar Tropfen in die Mayonnaise.
Dann Olivier, Mimosa, die Soße zum Fisch.
Die Hände bewegten sich ruhig, ohne Zittern.
In ihr war Leere.
Kalt und gelassen.
Als sie fertig war, zeigte die Uhr elf.
Wera warf die Fläschchen in den Mülleimer, band den Beutel zu und brachte ihn zum Container.
Ilja kam um ein Uhr nachts betrunken nach Hause.
Er fiel ins Bett, ohne zu fragen, wie es ihr geht.
Wera legte sich daneben.
Sie schlief ohne Träume.
Am Morgen des 31. beeilte sich Ilja schon an der Tür.
— Los, schneller, wo ist das Essen?
Mama hat gesagt, ich soll es bis Mittag bringen, sie fangen an zu decken.
Er packte die Tüten, lud sie ins Auto.
Er schlug den Kofferraum zu, drehte sich um und rief:
— So, ich fahre!
Du kommst hier schon irgendwie klar!
Nicht einmal gratulierte er.
Wera winkte mit der Hand.
Das Auto verschwand um die Ecke.
Sie ging zurück in die Wohnung, kochte Kaffee und schaltete den Fernseher ein.
Den ganzen Tag lag sie auf dem Sofa.
Es war still und seltsam ruhig.
Nadja rief dreimal an und lud sie zu sich ein, aber Wera lehnte ab.
Sie wollte allein sein.
Um Mitternacht stieß sie mit einem Glas Sekt mit dem Bildschirm an, auf dem der Präsident dem Land gratulierte.
Sie setzte sich ans Fenster und sah das Feuerwerk.
Lichter explodierten über der Stadt, hell und kurz.
Um zwei Uhr nachts vibrierte das Telefon.
— WAS HAST DU DA REINGETAN?!
Ilja schrie so laut, dass sie das Handy vom Ohr wegnahm.
— Was ist passiert?
— HIER IST DIE HÖLLE!
Alle sitzen auf der Toilette!
Mama, meine Schwester, alle Gäste!
Die Kinder weinen, Leute erbrechen sich, keiner kann raus!
Der Mann meiner Schwester hat sich direkt am Tisch in die Hose gemacht!
Alle sind abgehauen, das Fest ist ruiniert!
Was hast du getan?!
Wera nahm einen Schluck aus dem Glas.
— Ich habe alles gekocht, wie Antonina Petrowna es wollte.
Hausgemacht, mit Seele.
Offenbar verträgt euer Körper das Essen von Fremden nicht mehr.
Du hast doch selbst gesagt – ihr habt euren eigenen Kreis.
— Du… hast das absichtlich gemacht?!
Seine Stimme brach.
— Ich bin nur die Köchin, Ilja.
Für die Küche, erinnerst du dich?
Das einfältige Ding, das für die Küche taugt.
So hat deine Mutter es auf unserer Hochzeit gesagt.
Vor zwölf Jahren.
Stille.
— Woher weißt du…
— Egal.
Wichtig ist, dass ich jetzt meinen Platz kenne.
Und der ist ganz sicher nicht in eurer Familie, — Wera stand auf und ging zum Fenster.
Das Feuerwerk flackerte immer noch.
— Ach ja: Frohes neues Jahr.
Du hast mir ja nicht einmal gratuliert.
Sie legte auf.
Sie legte das Handy mit dem Bildschirm nach unten.
Ilja kam am Morgen des 2. Januar zurück.
Er sah zerknittert aus, das Gesicht grau.
— Mama ist im Krankenhaus.
Dehydrierung.
Meine Schwester redet nicht mit mir.
Alle Gäste sind abgehauen, nicht einmal verabschiedet haben sie sich, — sagte er leise und starrte auf den Boden.
— Das war ein echter Albtraum.
Ein Fest mit Nebenwirkungen.
Wera stand am Fenster mit ihrer Tasse Kaffee.
— Schade natürlich.
— Findest du das wirklich normal?
Er hob den Blick.
— Und findest du es wirklich normal, zwölf Jahre lang die eigene Frau wie eine Dienstmagd zu halten?
Sie nicht mit an den Tisch zur eigenen Familie zu lassen?
Sie zu zwingen, das Letzte für Essen auszugeben – für Leute, die mich verachten?
Ilja schwieg.
— Weißt du, was das Lustigste ist?
Ich hätte verziehen.
Wenn du nur ein einziges Mal auf meiner Seite gestanden hättest.
Wenn du nur ein einziges Mal deiner Mutter gesagt hättest, dass ich deine Frau bin und keine Köchin.
Aber du hast geschwiegen.
Zwölf Jahre lang.
— Ich dachte nicht, dass dir das so wichtig ist…
— Genau das.
Du hast nicht nachgedacht.
Du hast überhaupt nicht an mich gedacht, — sie nahm seine Jacke vom Haken und reichte sie ihm.
— Pack deine Sachen.
Fahr zu deiner Mutter, ihr geht es schlecht.
Und ich überlege solange, ob ich einen Mann brauche, der in mir nur eine Köchin sieht.
Ilja nahm die Jacke.
Er stand da, öffnete den Mund.
Aber er sagte nichts.
Er zog sich an und ging.
Wera schloss die Tür.
Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen.
Die Stille in der Wohnung war ohrenbetäubend.
Aber diesmal drückte sie nicht.
Sie füllte sie mit Leichtigkeit, als hätte Wera eine Last abgeworfen, die sie viel zu lange getragen hatte.
Draußen war es frostig, hell und ruhig.
Das neue Jahr hatte gerade erst begonnen.
Und diesmal – war es ihr eigenes.



