Aber die Frau spielte alle aus.
Marina wischte einen Teller ab und hörte, wie Viktor hinter ihr etwas sagte.

Sie drehte sich nicht um.
Sie stand einfach da und schaute aus dem Fenster, hinter dem es dunkel wurde.
— Hör zu, am Einunddreißigsten kommen Mama und Schwester, hier ist das Menü — ab an den Herd, — warf er hin, ohne vom Handy aufzuschauen.
— Die Zwillinge essen jetzt keinen Fisch mehr, merk dir das.
Und ohne Mayonnaise, sagt Mama, das ist schwer.
Marina legte den Teller hin.
Sie drehte sich um.
— Das ist doch dein Geburtstag, Witya.
— Ja, deshalb will ich ja, dass alles ordentlich ist.
— Und wo bin ich?
Er hob endlich den Blick.
— Du?
In der Küche, wie immer.
Was meinst du?
Sie schwieg.
Fünfzehn Jahre lang schwieg sie jedes Mal, wenn Nina Sergejewna mit ihren Anweisungen ankam, wenn die Schwägerin Olga sich auf dem Sofa ausstreckte, während Marina das Geschirr von ihren schreienden Zwillingen abwusch.
Fünfzehnmal war sie auf fremden Feiern unsichtbar gewesen.
— Schon gut, — sagte sie und ging aus der Küche.
Am Morgen des neunundzwanzigsten rief Marina ihre Mutter an.
— Mama, können David und ich zu euch kommen?
— Natürlich.
Und Viktor?
— Viktor bleibt.
Er bekommt Gäste.
Eine Pause.
— Marin…
— Alles gut, Mama.
Sie packte schnell eine Tasche: Jeans, zwei Pullover, Dokumente.
Der Sohn kam aus dem Zimmer, sah die Tasche an.
— Fahren wir?
— Wir fahren.
Er nickte.
Mit dreizehn verstand er schon mehr als sein Vater in fünfzehn Jahren.
Viktor kam um halb sieben zurück.
Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank — leer.
Er drehte sich um.
— Marinka!
Stille.
Er ging durch die Wohnung.
Niemand da.
Auf dem Tisch lag ein Zettel.
„Witya.
Die Einkaufslisten sind im Kühlschrank.
David und ich sind bei meinen Eltern.
Koch selbst.
Alles Gute zum Geburtstag.
Die Schlüssel hat Wera Iwanowna.“
Viktor las es dreimal.
Er rief an — abgewiesen.
Er schrieb — Stille.
Dann sah er auf die Liste: Hähnchen, Kartoffeln, Hering, Gurken.
Er begriff, dass er nicht wusste, was er damit anfangen sollte.
Am dreißigsten stand er um sechs Uhr morgens auf und versuchte, etwas zu kochen.
Bis zum Mittag sah die Küche aus, als wäre eine Granate explodiert: Zwiebelschalen, Ölflecken, angebranntes Hähnchen.
Die Kartoffeln zerfielen zu Brei, der Hering glitt ihm aus den Händen.
Das Telefon vibrierte.
Seine Mutter.
— Witya, wir sind morgen um elf da.
Hat Marina schon alles fertig gemacht?
— Mama, Marina ist nicht da.
— Wie, nicht da?
— Sie ist weg.
Zu ihren Eltern.
Stille.
Dann schraubte sich die Stimme nach oben.
— Wie bitte, weg?
An deinem Geburtstag?
Ist sie völlig verrückt?
— Mama, ich koche selbst.
— Du?!
Viktor, das ist doch reine Schikane!
— Ich weiß nicht, Mama.
— Na gut, egal, wir kommen, wir klären das.
Olga hilft.
Viktor sah auf das Chaos um sich herum.
In ihm zog sich etwas zusammen, unangenehm und scharf.
Am einunddreißigsten, gegen zwölf, stand Nina Sergejewna mit einer riesigen Tasche vor der Tür.
Hinter ihr Olga und zwei zerzauste Jungen.
— Na, zeig mal, was du gekocht hast, — die Mutter ging in die Küche und musterte den Tisch.
— Und das ist alles?
Drei Teller: Wurst, Gurken und ein Brei in einer undefinierbaren Farbe.
— Witya, meinst du das ernst? — Olga verzog das Gesicht.
— Wir sind die ganze Nacht gefahren — dafür?
— Ich hab’s versucht, — sagte er leise.
Nina Sergejewna öffnete den Kühlschrank.
— Der ist ja leer!
Kein Fleisch, kein Fisch.
Viktor, warum hast du uns gerufen, wenn du uns nicht empfangen kannst?
— Ich hab euch nicht gerufen.
Du hast selbst gesagt, dass du kommst.
— Ach so!
Also bin ich dir zur Last, deine Mutter?
Die Zwillinge rannten schon durch die Wohnung, der eine kippte einen Stuhl um, der andere schüttete irgendwas aufs Sofa.
Olga drehte sich nicht einmal um.
— Olga, beruhig sie wenigstens, — bat Viktor.
— Das sind Kinder, die müssen sich bewegen.
Was, kannst du keine Kinder ertragen?
In Viktor machte es klick.
Er erinnerte sich, wie Marina fünfzehn Jahre lang hinter diesen Kindern herwischte, kochte, aufräumte und sich ein Lächeln abzwang.
Und niemand — niemand! — hatte ihr auch nur einmal Danke gesagt.
— Mama, Olga, ich kann nicht mehr, — er setzte sich auf einen Hocker.
— Ich kann nicht kochen.
Ich bin müde.
Lasst uns Essen bestellen oder ins Café gehen.
— Ins Café?! — Nina Sergejewna schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
— An deinem Geburtstag?
Viktor, das ist alles sie, deine Marina.
Sie hat dir den Kopf verdreht.
— Sie hat fünfzehn Jahre lang für euch alle geschuftet! — seine Stimme brach.
— Habt ihr ihr auch nur einmal geholfen?
Habt ihr auch nur einmal Danke gesagt?!
— Wir sind Gäste, übrigens!
— Ihr seid keine Gäste.
Ihr seid Schmarotzer.
Nina Sergejewna wurde bleich.
Sie packte die Tasche.
— Olga, sammel die Jungs ein.
Wir fahren.
Soll er doch mit seiner kostbaren Frau sitzen.
Und ich setze hier keinen Fuß mehr hinein!
Olga warf ihrem Bruder einen Blick voller Gift zu.
— Du wirst es bereuen, Witya.
Die Tür knallte.
Viktor blieb allein in der Küche.
Er starrte auf die angebrochene Wurst und begriff plötzlich: Sie hatten ihm nicht einmal gratuliert.
Kein Wort.
Sie waren gekommen, um zu fressen, und als es nichts zu essen gab, waren sie abgehauen.
Um halb sieben abends startete er das Auto und fuhr aus der Stadt.
Marinas Eltern wohnten in einem alten Haus mit Veranda und schiefem Zaun.
Viktor hielt am Tor, sah Licht in den Fenstern.
Er stieg aus und klopfte.
Marina öffnete.
Die Haare offen, ein alter Hauspulli.
Ohne Make-up.
Er hatte vergessen, wie sie ohne all das aussah.
— Hallo.
— Hallo.
— Darf ich rein?
Sie sah ihn lange an, dann nickte sie.
Viktor zog die Schuhe aus und ging hinein.
Im Wohnzimmer saß David mit dem Tablet auf dem Sofa, in der Küche schnitt Marinas Mutter Salat.
— Guten Abend, Viktor, — sie lächelte nicht.
— Möchten Sie Tee?
— Nein, danke.
Marina setzte sich auf die Fensterbank und zog die Knie an.
— Sind sie weg?
— Weg.
Sie haben gestritten und sind weggefahren.
— Ohne Glückwünsche?
— Ohne.
Eine Pause.
Marina schaute aus dem Fenster, hinter dem Schnee wirbelte.
— Marinka, verzeih mir.
Sie antwortete nicht.
— Ich hab es wirklich nicht verstanden.
Ich dachte, das ist Familie, das muss so sein.
Aber du hast recht.
Die wollten nicht mich.
Die wollten deinen Tisch und deine Hände.
— Nicht meine Hände.
Mein Schweigen, — sie drehte sich um.
— Sie waren es gewohnt, dass ich es ertrage.
Und du warst es auch gewohnt.
— Ich bin ein Idiot.
— Hast du das erst jetzt begriffen?
Viktor setzte sich neben sie, ohne sie zu berühren.
— Darf ich bleiben?
Bis Neujahr?
Marina sah ihn prüfend an.
— Du darfst.
Aber morgen schälst du Kartoffeln und spülst ab.
Selbst.
— Abgemacht.
Einen Monat später rief Nina Sergejewna an und sagte, sie vermisse sie und wolle am Wochenende kommen.
Viktor antwortete ruhig:
— Mama, wir fahren in ein Sanatorium.
Wenn du willst, komm vorbei, die Schlüssel hat die Nachbarin.
Koch und räum hinter dir selbst auf.
— Was soll das denn?!
— Das sind die neuen Regeln, Mama.
Sie knallte auf.
Viktor grinste.
Marina, die neben ihm saß, hob eine Augenbraue.
— Glaubst du, sie verdaut das?
— Und wenn nicht, ist das ihr Problem.
Nina Sergejewna rief nicht mehr mit Forderungen an.
Sie begriff: Die Zeiten hatten sich geändert.
Man konnte Regeln diktieren und Bedienung verlangen, aber nur, solange jemand schwieg.
Und als das Schweigen endete, endete auch die Macht.
Marina wurde keine Heldin.
Sie hörte einfach auf, alles zu ertragen.
Und das reichte, um alles zu verändern.



