Eine Frau aus der Stadt, etwa vierzig Jahre alt.
Sie kam in die alte Hütte ihrer verstorbenen Tante am Waldrand.
Dieses Haus hatte lange leer gestanden und war ganz schief geworden.
Zum ersten Mal kam sie zu mir wegen Tabletten gegen Bluthochdruck.
Sie trat über die Schwelle, und ihre Augen waren leer, verblasst, wie ein Herbsthimmel vor dem ersten Frost.
Ihr Gesicht war blass, die Schultern hingen herab.
Sie hatte ihren Mann begraben.
Offenbar hatten sie wie ein einziges Ganzes gelebt, und als er nicht mehr da war, blieb ihr der Trubel der Stadt im Hals stecken.
Sie konnte dort nicht bleiben, wo jede Ecke von ihrem Verlust schrie.
Sie kam zu uns, um sich in der Stille zu verstecken.
Am Anfang war es schwer für sie.
Ihre Hände waren die Arbeit auf dem Dorf nicht gewohnt: Wasser aus dem Brunnen schleppen — der Rücken schmerzt, Holz hacken — Blasen bis aufs Blut.
Aber Nadja erwies sich als stur.
Manchmal ging ich auf dem Weg zu einem Hausbesuch an ihrem Hof vorbei, und sie wühlte im Gemüsegarten.
Die Erde war feucht und schwer, und sie riss das Unkraut heraus, als würde sie mit ihm zugleich ihre Sehnsucht aus der Seele reißen.
Und dann begann unser Pjotr, ihr im Haushalt zu helfen.
Petka war ein fleißiger Mann, von ruhigem Wesen.
Nur lebte er mit seiner Frau Tonja wie unter einem schweren Stein.
Tonja war eine laute, herrische Frau; bei der kleinsten Sache schrie sie die ganze Straße zusammen.
Und Petja war ein schweigsamer Mensch.
Zuerst flickte er Nadjas Dach.
Dann reparierte er den Zaun.
Manchmal kam er nach seiner Schicht im Sägewerk vorbei, und sie saßen auf der Bank am Gartentor.
Nadja brachte ihm Tee in einem facettierten Glas hinaus und Marmelade auf einem kleinen Teller.
Und sie saßen in der Dämmerung und unterhielten sich leise.
Neben Nadja begann Petja gleichsam aufzublühen, er richtete die Schultern auf.
Und auf Nadjas Gesicht huschte zum ersten Mal seit langer Zeit ein Lächeln auf, so schüchtern wie der erste Frühlingsstrahl.
Beim Verkaufswagen fingen die Frauen schnell an, ihre Zungen zu wetzen.
Sie flüsterten und schüttelten die Köpfe.
Und dann nahm Petja einfach seine Sachen und verließ Tonja.
Er packte seine Sachen in eine alte Sporttasche und kam zu Nadja.
Mein Gott, was da losging!
Tonja schrie so laut, dass die Hunde in den Höfen heulten.
Und Nadja…
Nadja strahlte einfach.
Es schien ihr, meine Lieben, als hätte das Schicksal Mitleid mit ihr gehabt und ihr eine zweite Chance auf weibliches Glück gegeben.
Sie lebten still.
Petja brachte die Hütte in Ordnung und zimmerte eine neue Veranda.
Nadja buk Kuchen und hängte neue Gardinchen an die Fenster.
Wenn man zu ihnen hineinging, wurde einem ganz warm ums Herz.
Und näher zum Frühling lief Nadja zu mir.
Ihre Wangen glühten, ihre Hände zitterten.
Sie setzte sich auf die Liege und nestelte an ihrem Kopftuch.
— Semjonowna, — flüsterte sie, während ihr die Tränen in den Augen glänzten, — ich glaube, wir bekommen ein Kind.
Ach, wie sehr ich mich für sie freute!
Ich umarmte sie, so dünn wie sie war, und spürte, wie ihr Herzchen schlug, wie das eines gefangenen Vögelchens.
Ich dachte: Nun, Gott sei Dank, das Unglück ist von dem Mädchen gewichen.
Doch wir freuten uns zu früh.
Verstehen Sie, worum es geht…
Ein Mann fürchtet sich oft nicht vor Schwierigkeiten, sondern vor Verantwortung.
Als Petja von dem Kind erfuhr, veränderte er sich völlig.
Er begann düster herumzulaufen und die Augen zu verstecken.
Und auch Tonja gab keine Ruhe, sie vergiftete ihm weiter über die Nachbarinnen die Seele.
Mal ließ sie ausrichten, dass der Haushalt ohne ihn zusammenbreche, mal stichelte sie: Auf dem Unglück eines anderen baue man sich kein eigenes Paradies.
Da brach Petja zusammen.
Der kleine Mann erwies sich als schwach.
Er bekam Angst vor dem Flüstern der Leute hinter seinem Rücken und konnte die Last der Verantwortung nicht tragen.
An einem Abend, als der Regen wie aus Eimern goss, packte er seine Tasche.
Nadja erzählte später: Er stand in der Tür, knetete seine Mütze in den Händen und sah ihr kein einziges Mal in die Augen.
Er murmelte etwas davon, dass er sich geirrt habe, dass die Gewohnheit ihn zurückziehe.
Und er ging in die Dunkelheit hinaus.
Ach, meine Lieben…
Wie furchtbar es war, Nadja in jenen Tagen anzusehen.
Ich ging jeden Abend zu ihr.
Ich trat ein, und in der Hütte herrschte eine klingende Stille.
Nadja saß am Fenster und blickte in die Dunkelheit.
Ihr Gesicht war blass, die Lippen fest, ganz fest zusammengepresst.
Keine Träne, keine Klage.
Ich erinnere mich, wie ich einmal zu ihr hineinging.
Meine Nadja saß am Fenster und strickte winzige Babyschühchen.
Ihre Hände zitterten so sehr, dass die Stricknadeln leise aneinanderklapperten, aber sie zog Masche um Masche weiter.
Ich tropfte ihr ein Beruhigungsmittel ein und reichte es ihr.
Sie nahm das Glas, trank es in einem Zug aus, dann drückte sie ihre Stirn an mich und erstarrte.
Und in diesem Schweigen lag so viel menschlicher Schmerz, dass mir selbst die Seele abriss.
Aber sie gab nicht auf.
Für ihr Kind hielt sie durch.
Im Herbst brachte sie ein Mädchen zur Welt, kräftig und gesund.
Sie nannte es Anjutka.
Als man ihr dieses warme Bündel auf die Brust legte, brach Nadja in Tränen aus.
Zum ersten Mal in all der Zeit ließ sie den Tränen freien Lauf.
Und mit diesen Tränen schien all die Bitterkeit aus ihr herauszufließen, die Petja zurückgelassen hatte.
Nadja begann, für ihre Tochter zu leben.
Und wissen Sie, als wäre in ihr ein innerer Halt entstanden.
Ihre Augen wurden wärmer, ihre Stimme ruhig und tief.
Über Pjotr sagte sie kein einziges schlechtes Wort.
Und Petja…
Er kehrte zu Tonja zurück.
Sie leben, wie sie früher gelebt haben.
Nur geht er jetzt gebeugt und ist auf einmal um zehn Jahre gealtert.
Wenn er mich auf der Straße trifft, grüßt er dumpf und eilt vorbei.
Er versteht wohl, welche Last er auf seine Seele genommen hat.
Zwei Jahre vergingen.
Ein neuer Mensch kam zu uns nach Saretschje.
Er hieß Ilja.
Ein Mann, nicht mehr jung, mit grauen Schläfen und klugen, aufmerksamen Augen.
Er war gekommen, um die Werkstatt im Kolchos wiederherzustellen, und bei uns mietete er die Hälfte des Hauses von Baba Schura.
Ilja war ein Mensch mit Vergangenheit, ebenfalls Witwer.
Er trug seine Wunden im Herzen und verbarg sie nicht.
Und irgendwie unmerklich begann er, bei Nadja vorbeizuschauen.
Dort gab es keine leidenschaftlichen Reden und keine lauten Versprechen.
Alles war irgendwie einfach, menschlich.
Mal brachte er Wasser aus dem Brunnen, mal mähte er das Gras hinter dem Hof.
Und für Anjutka brachte er mal reife Walderdbeeren aus dem Wald, mal ein kleines Sträußchen Margeriten vom Feld.
Abends saßen sie auf der Veranda, Anjutka zappelte auf Iljas Knien, und er und Nadja tranken Tee.
Ilja versuchte nicht, besser zu erscheinen, als er war.
Er war einfach da.
Verlässlich wie eine alte Eiche.
Er sah Nadjas Schmerz und verstand ihn.
Und neben ihm begann sie endgültig aufzutauen.
Zwischen ihnen wuchs Vertrauen, fest wie die Wurzeln jener Eiche.
Ich erinnere mich, wie Ilja im Frühling zu mir in die Sanitätsstation kam.
Er setzte sich auf einen Stuhl und legte seine großen, von Arbeit gezeichneten Hände auf die Knie.
— Semjonowna, — sagte er, — ich nehme Nadja und Anjutka mit.
Ich bringe sie in die Stadt, dort habe ich mein eigenes Haus, ein solides.
Nadja hat zugestimmt.
Vor Freude hätte ich beinahe das Blutdruckmessgerät aus den Händen fallen lassen.
In Gedanken bekreuzigte ich ihn.
Sie fuhren im Morgengrauen weg.
Nadja kam vorbei, um sich zu verabschieden.
Wir umarmten uns ganz, ganz fest.
Sie roch nach frischem Brot und nach einer erstaunlichen Ruhe.
Ihre Augen leuchteten, ihr Lächeln war hell, ohne den Schatten des früheren Schmerzes.
— Danke für alles, Walentina Semjonowna, — flüsterte sie mir ins Ohr.
— Geh mit Gott, mein Mädchen, — sagte ich.
— Sei glücklich, du hast es verdient.
Und als ihr Auto, über die Schlaglöcher hüpfend, hinter der Kurve verschwand, sah ich Pjotr.
Er stand in der Ferne bei dem alten, ausladenden Apfelbaum, der auf der Brache wuchs.
Er stand allein da, rauchte eine Zigarette nach der anderen und sah der Staubwolke auf der Straße nach.
Und in seiner Haltung lag so viel unwiderrufliche, dumpfe Sehnsucht…
In diesem Augenblick verstand er, was er verloren hatte.
Er hatte eine Frau verloren, die ihn von ganzem Herzen liebte.
Er hatte eine Tochter verloren, die er nicht ein einziges Mal auf den Arm genommen hatte.
Und das alles wegen seiner eigenen Schwäche, wegen seiner Angst vor der Meinung anderer.
Da soll man danach noch überlegen, was im Leben wirklich zählt.
Eine flüchtige Leidenschaft oder eine verlässliche Schulter an deiner Seite?




