Wir werden hier wohnen! — erklärte Igor und lümmelte sich auf meinem Sofa.
Anastasia blätterte durch die Seiten eines Online-Shops auf dem Laptop-Bildschirm und studierte die Parameter von Babybetten und Wickelkommoden.

Die letzten drei Jahre waren in einer schnellen, vertrauten Routine verschwommen, und nun stand diese Frage — die nach einem Kind — klar und unmissverständlich vor ihnen.
Dima wollte auch Vater werden, sie hatten lange darüber gesprochen, im Dunkeln liegend, und Pläne geschmiedet.
Die Wohnung, ihre Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Schlafviertel, die sie noch vor der Ehe mit dem Geld aus dem Verkauf von Omas „Chruschtschowka“ und mit eigenen Ersparnissen gekauft hatte, schien das perfekte Nest zu sein.
Hell, frisch renoviert, mit Blick auf den kleinen Park.
Die Küchentür quietschte.
Dmitri kam herein, streckte sich und schaute seiner Frau über die Schulter auf den Monitor.
— Schon mittendrin?
— Ich schaue mir Optionen an, — Nastja drehte sich zu ihm um.
— Dieses Set ist nicht schlecht, alles im gleichen Stil.
— Hübsch, — Dmitri zapfte sich Wasser aus dem Filter, setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
— Aber wir sollten das zuerst mit dem Arzt besprechen, einen Check-up machen.
— Habe ich schon für Mittwoch eingeplant.
Ihr Mann streckte sich über die Tischplatte, die mit einer holzgemusterten Wachstuchdecke bedeckt war, und legte seine Hand auf ihre.
In solchen Sekunden schien Nastja, als sei das Leben richtig und stabil gebaut.
Das Einzige, was nicht in dieses Bild passte, war die Schwiegermutter.
Ljudmila Petrowna hatte die Schwiegertochter von Anfang an als lästiges Hindernis wahrgenommen, und jeder ihrer Besuche hinterließ einen dicken, unangenehmen Nachgeschmack.
Am vergangenen Samstag kam Ljudmila Petrowna mit Mitbringseln vorbei.
Nastja ließ sie hinein, begrüßte sie ohne Lächeln und führte sie in die Küche.
Die Schwiegermutter, ohne den Mantel auszuziehen, ließ den Blick langsam durch den Raum wandern und schnalzte mit der Zunge.
— Schon wieder Flecken auf der Fensterbank, Nastjenka.
Doppelt verglaste Fenster, und trotzdem sieht es unordentlich aus.
— Das ist vom Kondenswasser, — antwortete Nastja ruhig und schaltete den Wasserkocher ein.
— Ich wische jeden Tag.
— Offenbar zu wenig. — Ljudmila Petrowna stellte aus der Einkaufstasche einen Behälter mit hausgemäcktem Gebäck auf den Tisch.
— Rinderpastete im Teig, Dimotschka liebt das.
Du, wie ich sehe, hast immer noch nicht richtig kochen gelernt, obwohl ich dich doch angeleitet habe.
Nastja biss die Zähne zusammen.
Welche Anleitung?
Nur ein einziges herablassendes Gemurre.
Die Schwiegermutter teilte weder Geheimnisse noch Rezepte, sie kritisierte nur.
Zu widersprechen war sinnlos — das heizte sie nur noch mehr an.
Dmitri kam aus dem Zimmer, legte den Arm um die Schultern seiner Mutter, setzte sich und nahm mit sichtlichem Vergnügen ein Piroggenstück.
— Mama, wie immer unvergleichlich!
— Das ist eben Handarbeit, — die Schwiegermutter warf Nastja einen vielsagenden Blick zu.
— Nicht so wie diese Halbfertigware aus dem Supermarkt.
Nastja goss Tee in die Tassen und setzte sich an den Tisch.
Hauptsache — nicht reagieren.
An sich vorbeigehen lassen.
Ljudmila Petrowna kaute, ohne den prüfenden Blick von der Schwiegertochter zu nehmen.
— Dimotschka, erinnerst du dich an Lena Semjonowa?
An ihre Tochter Katuscha?
Die hat letztes Jahr den Architekten geheiratet.
Was für ein Paar!
Und das Mädchen ist stattlich, und im Haus herrscht perfekte Ordnung.
So eine hätte man heiraten sollen, und nicht…
— Mama, hör auf, — Dmitri verzog das Gesicht.
— Was „hör auf“?
Ich sage nur, wie es ist.
Nastjenka, nimm’s mir nicht übel, aber du verstehst doch selbst — du und Dima habt unterschiedliche Lebenserfahrung.
Er hätte auch ein besseres Mädchen finden können.
Nastja umklammerte die Tasse so fest, dass ihre Finger weiß wurden.
Unterschiedliche Erfahrung?
Ljudmila Petrowna hatte dreißig Jahre im Kindergarten gearbeitet, jetzt war sie in Rente.
Dmitri war einfacher Konstrukteur in einem Planungsbüro.
Nastja war Software-Testerinnen, verdiente doppelt so viel wie ihr Mann und arbeitete von zu Hause.
Welche, zum Teufel, unterschiedliche Erfahrung?
Dmitri wechselte hastig das Thema auf das Wetter und die bevorstehende Renovierung im Treppenhaus, und Nastja atmete innerlich erleichtert auf.
Der Besuch dauerte, wie immer, etwas mehr als eine Stunde, und nach der Abfahrt der Schwiegermutter hing in der Wohnung noch lange das Gefühl einer gespannten Feder.
Etwa zehn Tage vergingen.
Dmitri kam eines Abends unnatürlich still von der Arbeit zurück, dachte über etwas nach, wagte aber nicht anzufangen.
Nastja bemerkte es sofort.
— Ist etwas passiert?
Der Mann stellte die Aktentasche ab, zog die Jacke aus, ging in die Küche und setzte sich.
— Mama hat angerufen.
Wegen Igor.
— Wegen was?
— Er zieht zu uns.
Also, in die Stadt.
Du erinnerst dich, ich habe von meinem älteren Bruder erzählt?
In der Ukraine wurden ungewöhnliche Babys geboren: die ganze Entbindungsstation ist schockiert.
Nastja nickte.
Igor, Ljudmila Petrownas Sohn aus erster Ehe, war zehn Jahre älter als Dmitri.
Er lebte irgendwo bei Tula, sie hatten selten Kontakt.
— Er hat sich von seiner Frau getrennt, — fuhr Dmitri fort.
— Er will hier alles neu anfangen.
Arbeit, Wohnung.
— Na ja, das weiß er am besten.
— Ja.
Nur bittet Mama, ihm ein bisschen zu helfen.
Bis er wieder auf den Beinen ist.
In Nastja regte sich etwas Misstrauisches.
— Was heißt „helfen“?
— Na ja… dass er ein bisschen bei uns wohnt.
Eine Woche, höchstens zwei.
Bis er sich Anzeigen anschaut und etwas auswählt.
— Dima, nein.
— Nast, er ist doch mein Bruder.
— Nein.
Ich habe hier mein Arbeitszimmer, ich arbeite, ich brauche Ruhe.
Hat er Geld für eine Mietwohnung?
Oder soll er bei Ljudmila Petrowna unterkommen.
Dmitri seufzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
— Mama hat eine Einzimmerwohnung, dort ist es eng.
— Wir haben zwei Zimmer, aber eins ist unser Schlafzimmer, das zweite ist meine Arbeitsecke.
Wo soll er unterkommen?
Im Flur?
— Im Wohnzimmer, auf einer Klappliege.
Nastjuschka, komm, ernsthaft, nur ein paar Wochen.
Der Kerl ist in einer schwierigen Situation, Scheidung, Umzug.
Familie muss doch zusammenhalten.
Nastja stand auf, ging zum Fenster und wieder zurück.
Alles in ihr wehrte sich.
Ein sechster Sinn beharrte: Daraus wird nichts Gutes.
Aber Dmitri sah sie mit so einem hilflosen, fast kindlichen Blick an.
— Zwei Wochen, Dima.
Ganz genau.
Keinen Tag länger.
Und nur er allein, keine Überraschungen.
— Natürlich!
Danke, meine Liebe.
Er umarmte sie und drückte sie an sich.
Nastja lehnte das Gesicht an seine Schulter, aber die Unruhe verschwand nicht, sie verkroch sich nur irgendwo tief unter den Rippen.
Igor sollte am Samstag ankommen.
Nastja stand früher auf, saugte durch und bezog das Sofa im Wohnzimmer mit frischer Bettwäsche.
Der freie Tag erlaubte es, den Gast ohne Eile zu empfangen.
Dmitri war nervös, ging vom Fenster zur Tür, zündete auf dem Balkon eine Zigarette an und drückte sie sofort wieder aus.
— Sie sind wohl gleich da!
Nastja trat ans Fenster.
Unten vor dem Eingang hielt ein Taxi.
Aus der Beifahrertür stieg ein kräftiger Mann um die fünfunddreißig, zog aus dem Kofferraum einen riesigen Reisekofferbeutel.
Dann erschien ein Mädchen.
Jung, in einer knallrosa Windjacke, mit zwei voluminösen Taschen und einem Pappkarton.
Danach stieg Ljudmila Petrowna aus, beladen mit Tüten vom „Magnit“.
Nastja erstarrte.
— Dima, wer ist das?
Bei deinem Bruder ist irgendein Mädchen.
Dmitri schaute genauer hin und runzelte die Stirn.
— Keine Ahnung.
Vielleicht eine Bekannte, hat ihn hergebracht.
— Mit so viel Gepäck?
Eine Minute später standen sie alle in der Wohnung.
Igor ging als Erster hinein — breit gebaut, in einer abgewetzten Lederjacke, mit einem Grinsen übers ganze Gesicht.
— Na, Bruderherz!
Nastja, ja?
Freut mich, dich kennenzulernen.
— Guten Tag, — nickte Nastja und ließ den Blick nicht von dem Berg an Taschen.
Hinter ihm kam das Mädchen herein und zog noch einen Rollkoffer hinter sich her.
Attraktiv, mit dicken schwarzen Haaren in einer aufwendigen Frisur, mit auffälligem Make-up.
— Hallo zusammen!
Ich heiße Vika.
Ljudmila Petrowna quetschte sich als Letzte hinein und rang unter der Last der Tüten nach Luft.
— So, Kinderchen, da sind wir!
Igorjok, Vikusja, macht’s euch bequem, wie zu Hause.
Nastja stand im engen Flur und spürte, wie in ihr eine Welle aus kalter, klarer Wut hochstieg.
Vika war bereits ins Wohnzimmer gegangen, stellte ihre Tasche direkt auf das gerade frisch bezogene Sofa und musterte den Raum abschätzend.
— Gemütlich.
Aber ein bisschen wenig Platz.
Igor trug den restlichen Kram hinein, stellte ihn in die Ecke und rieb sich den Rücken.
— Dima, wo ist bei euch der Kühlschrank?
Mein Hals ist ganz trocken.
— Moment, — Nastja trat nach vorn und versperrte den Durchgang.
— Stopp, stopp.
Erklären Sie mir, was hier passiert.
Ljudmila Petrowna wandte sich mit übertrieben empörtem Gesicht an die Schwiegertochter.
— Nastjenka, was ist das für ein Ton?
— Ljudmila Petrowna, wir hatten vereinbart: nur Igor, für zwei Wochen, mit einem Koffer.
Was ist das hier? — Nastja wies mit der Hand auf das Gepäck.
Und wer ist das? — sie nickte zu Vika.
— Das ist Igors Begleiterin, — erklärte die Schwiegermutter ungerührt.
— Natürlich sind sie zusammen.
— Natürlich? — Nastja spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
— Ich habe meine Zustimmung für eine Person gegeben!
Igor schnaubte, zog aus der Jeanstasche eine kleine Flasche, nahm einen Schluck.
— Ach komm, Nastja, wir sind nicht lange.
Einen Monat höchstens.
Vika ist eine Ruhige, sie schleicht nicht in den Ecken herum.
— Einen Monat?
Dima hat von zwei Wochen gesprochen!
— Na, zwei Wochen, ein Monat… was ist da schon der Unterschied? — Igor winkte ab.
— Wichtig ist, dass es nur vorübergehend ist.
Vika öffnete inzwischen eine der Taschen und begann, den Inhalt auf den Couchtisch zu legen.
Kosmetiktasche, Haarspray, Cremes, Deodorants.
Sie ordnete alles mit einer Miene, als würde sie sich für Jahre einrichten.
— Hören Sie auf! — Nastja trat ganz nah an sie heran.
— Was machen Sie da?
Vika hob die überraschten, mit Eyeliner betonten Augen zu ihr.
— Ich stelle meine Sachen hin.
Und?
— Hier stellen Sie gar nichts hin.
Packen Sie alles wieder ein und fahren Sie zu Ljudmila Petrowna.
— Spinnst du? — Igor knallte die Flasche auf das Schränkchen.
— Wir sind doch hierher gekommen.
— Ich habe zugestimmt, dem Bruder meines Mannes ein Dach über dem Kopf zu geben.
Allein.
Nicht seiner Freundin, nicht einem ganzen Gepäckkarawanen.
Raus.
Ljudmila Petrowna schlug die Hände zusammen.
— Nastja!
Wie kannst du es wagen!
Das ist doch Dimotschkas eigenes Blut!
— Und ein hervorragender Grund, bei Ihnen zu wohnen.
— Ich habe nur eine Einzimmerwohnung!
Da ist es ihnen zu eng!
— Das ist nicht mein Problem, — Nastja verschränkte die Arme vor der Brust.
— Auf dieses Szenario habe ich mich nicht eingelassen.
Die Schwiegermutter drehte sich zu Dmitri, der immer noch abseits stand und verlegen von einem Bein aufs andere trat.
— Dimotschka, sag ihr was!
Erklär dieser gefühllosen Seele, dass man so mit Nahestehenden nicht umgeht!
Dmitri sah erst seine Mutter an, dann seinen Bruder, dann Nastja.
— Nastjusch, lass uns keinen Skandal machen, ja?
Igor steckt wirklich in Schwierigkeiten.
Es ist hart für ihn.
— Dima, wir hatten eine Abmachung.
— Ich weiß, aber… Vika ist doch bei ihm.
Sie sind zusammen.
Das ist irgendwie… unangenehm.
— Warum unangenehm?
Sollen sie zusammen auch eine Wohnung mieten.
— Dafür braucht man Geld, Zeit.
Nastja, sei doch ein Mensch.
Nastja sah ihren Mann lange, prüfend an.
Also so ist das.
Mama hat gedrückt — und er hat nachgegeben.
Wie immer.
— Nein, — sagte sie fest und laut.
— Ich bin nicht einverstanden.
— Was bildest du dir ein! — kreischte Ljudmila Petrowna.
— Gierig!
Die Wohnung ist groß, und du lässt Verwandte im Stich!
— Die Wohnung gehört mir.
Ich habe sie vor der Ehe gekauft, von meinem eigenen Geld.
Und ich entscheide, wer hier sein wird.
— Da ist sie, deine wahre Natur! — die Schwiegermutter stach mit einem knochigen Finger in ihre Richtung.
— Da ist dein Inneres!
Egoistin!
— Mama, beruhige dich, — Dmitri wollte ihr die Hand auf die Schulter legen, doch sie wich zurück.
— Nein, Dimotschka, sieh sie dir an!
Sie setzt deinen eigenen Bruder vor die Tür!
Dein eigenes Blut!
Igor trank den Rest aus der Flasche, steckte sie weg.
— Hör mal, Nastja, das ist nicht gerade familienfreundlich.
Wir bleiben doch nicht für immer.
Halt ein bisschen durch.
— Ich werde gar nichts „durchhalten“, — Nastja drehte sich zu ihrem Mann um.
— Dima, entweder fahren sie in dieser Sekunde ab, oder du fährst mit ihnen.
Dmitri wurde bleich, als hätte man ihn geschlagen.
— Meinst du das ernst?
— Absolut.
— Nastja, ist das ein Ultimatum?
— Ja.
Genau ein Ultimatum.
Ljudmila Petrowna klammerte sich an den Ärmel ihres Sohnes.
— Dimotschka, lass nicht zu, dass sie so mit dir umgeht!
Setz sie in ihre Schranken!
Der Mann stand zwischen den beiden Frauen, das Gesicht verzerrt vor Anspannung, die Kiefer zusammengebissen.
Er schwieg.
Nastja wartete.
Die Sekunden zogen sich, dick und klebrig.
— Weißt du was, Nastja, — stieß Dmitri schließlich hervor, seine Stimme klang heiser und dumpf.
— Mir ist peinlich.
Deinetwegen.
Igor ist meine Familie.
Er braucht eine helfende Hand.
Und du weist diese Hand zurück.
— Ich weise zurück, wozu ich nie zugestimmt habe.
— Familie muss immer zusammen sein.
Ohne irgendwelche „wenn“ und „aber“.
— Dann sei zusammen bei Ljudmila Petrowna.
Dmitri zuckte mit der Wange, drehte sich abrupt zu seinem Bruder um.
— Igor, pack die Sachen.
Wir gehen.
— Dima, was ist los? — Igor runzelte die Stirn, verstand es nicht.
— Pack, hab ich gesagt.
Ljudmila Petrowna jammerte auf.
— Dimotschka, wohin denn?
— Zu dir, Mama.
Irgendwie werden wir uns schon zusammenquetschen.
Der Mann ging ins Schlafzimmer und begann, seine Sachen in eine Sporttasche zu werfen.
Nastja stand in der Tür und beobachtete das mit einer seltsamen, fast klinischen Ruhe.
Geht er wirklich?
Wählt er wirklich sie?
— Dima, komm zur Vernunft, — sagte sie leise.
— Du solltest zur Vernunft kommen.
Ich will nicht mit einem Menschen leben, für den meine Angehörigen ein Nichts sind.
— Für mich sind sie kein Nichts.
Für mich sind sie diejenigen, die ihr Wort brechen.
— Nenn es, wie du willst.
Dmitri zog den Reißverschluss der Tasche zu, warf die Jacke über.
Er ging an Nastja vorbei, ohne hinzusehen.
Im Flur warteten Igor und Vika schon, umgeben von ihrem Krempel.
Ljudmila Petrowna wischte sich mit dem Rand ihres Tuchs die Augen.
— Los, Mama, — Dmitri öffnete die Wohnungstür.
Sie gingen.
Alle vier.
Die Tür fiel mit einem schweren, endgültigen Klick ins Schloss.
Nastja blieb allein in einer plötzlich ohrenbetäubenden Stille zurück.
Sie setzte sich aufs Sofa und starrte auf die weiße Wand.
Leere.
Innen und außen.
Nicht einmal Wut war da — nur ein eisiges, alles durchdringendes Unverständnis.
Ein Tag verging.
Nastja versuchte, sich zur Arbeit zu zwingen, doch die Gedanken klammerten sich nicht an den Code, sie zerflossen.
Dmitri rief nicht an.
Er schrieb nicht.
Sie schwieg auch.
Was sollte man sagen?
Sich entschuldigen?
Bei wem und wofür?
Sie hatte recht.
Sie spürte es in jeder Zelle.
Eine Woche verging.
Die Stille wurde greifbar.
Nastja ertappte sich dabei, dass sie alle halbe Stunde aufs Handy sah.
Der Bildschirm blieb dunkel und stumm.
Ihre Freundin Katja rief an, fragte, wie es ihr gehe.
Nastja antwortete einsilbig — alles gut.
Zu erklären war zu schwer, zu demütigend.
Eine zweite Woche verging.
Die Einsamkeit nahm vertraute Konturen an.
Die Wohnung ohne Dmitri wirkte riesig, hallend, wie eine leere Konservendose.
Abends saß Nastja in der Küche, trank Tee aus derselben Tasse und sah in das dunkle Viereck des Fensters.
Sie dachte nach.
Drehte immer wieder dieselben Fragen im Kopf: Hat sie vielleicht zu hart reagiert?
Hätte sie flexibler sein sollen, großzügiger?
Nein.
Sie war nicht hart.
Sie war klar.
Dmitri hatte die Abmachung gebrochen, dem Druck nachgegeben, eine Entscheidung nicht zu ihren Gunsten getroffen.
Genau darin lag das Ganze.
Am achtzehnten Tag kam eine Nachricht.
Von Dmitri.
Nastja öffnete sie mit dem Gefühl, als würde ihr Herz gleich durch den Hals springen.
„Nastja, wir müssen uns treffen.
Bei unserem Standesamt.
Morgen um vier.
Ich habe den Antrag auf Auflösung der Ehe eingereicht.“
Sie las die Zeilen mehrmals.
Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen.
Auflösung.
Er hat die Scheidung eingereicht.
Wegen dieser Geschichte?
Weil sie ungebetene Mitbewohner nicht hereingelassen hat?
Sie antwortete mit einem Wort: „Ich komme.“
Das Treffen fand in einem tristen, ausgebleichten Büro statt.
Dmitri saß ihr gegenüber und betrachtete einen Fleck im Linoleum.
Abgemagert, unrasiert, mit bläulichen Schatten unter den Augen.
Nastja sah ihn an und versuchte, in diesem Menschen denjenigen zu finden, den sie geliebt hatte.
Sie fand ihn nicht.
— Dima, warum? — fragte sie, als die Sachbearbeiterin hinausging, um irgendwelche Formulare zu holen.
Ihr Mann hob endlich den Blick.
— Weil du meine Angehörigen vor die Tür gesetzt hast.
Du hast gezeigt, wer du in Wirklichkeit bist.
— Ich habe zwei Personen mit Koffern nicht in mein Zuhause gelassen, als ich für eine zugestimmt hatte.
Das ist Täuschung.
— Täuschung?
Igor brauchte Hilfe.
Echte, menschliche.
Und du hast einen Marktstand daraus gemacht.
— Das ist meine Wohnung, Dima.
Ich habe sie vor der Ehe gekauft.
Ich habe jedes moralische und juristische Recht zu entscheiden, wer sich darin aufhält.
— Genau.
Deine.
War sie immer, und ist sie geblieben.
Du hast sie nie als unsere gemeinsame betrachtet.
Nastja lehnte sich an die Rückenlehne des kalten, unbequemen Stuhls.
— Meinst du das ernst?
Ich habe doch vorgeschlagen, dich mit ins Eigentum einzutragen.
Du hast selbst abgelehnt und gesagt — nicht nötig, ist dir unangenehm.
— Weil ich mich nicht wie ein Mitesser fühlen wollte.
— Und jetzt lassen wir uns scheiden.
Brillant.
Dmitri presste die Lippen zu einem weißen Strich zusammen.
— Mama hatte recht.
Sie hat immer gesagt, du bist nicht mein Mensch.
Dass du nur an dich denkst.
Ich habe es nicht geglaubt.
Und jetzt sehe ich — sie hat recht.
Nastja lachte.
Kurz, lautlos, nur mit den Lippen.
— Natürlich.
Mama hat immer recht.
Mutti weiß es besser.
Mutti zeichnet dir immer auf, wo dein Glück ist.
— Hör auf, meine Mutter anzuschreien!
— Ich schreie nicht.
Ich stelle eine Tatsache fest.
Ljudmila Petrowna steuert deine Entscheidungen seit dem Windelalter.
Du bist nicht fähig, selbstständig zu wählen, auf wessen Seite du stehst.
Dmitri sprang auf, der Stuhl rutschte krachend nach hinten.
— Schluss.
Ich werde mir das nicht anhören.
Wir unterschreiben und gehen auseinander.
Nastja unterschrieb schweigend.
Dmitri auch.
Die Prozedur dauerte nicht einmal zwanzig Minuten.
Die Wohnung blieb bei ihr — voreheliches Eigentum, keine Streitigkeiten.
Gemeinsames gab es fast nichts — Möbel, Technik, Kleinigkeiten.
Dmitri nahm seine Bücher, Kleidung, die Gitarre, den Rest ließ er da.
Sie traten auf die Treppe hinaus.
Draußen nieselte Novemberregen und verwandelte alles in grauen, klammen Matsch.
Dmitri zündete sich eine Zigarette an — er hatte vor zwei Jahren auf ihre Bitte hin aufgehört zu rauchen.
— Na ja, das war’s, — sagte Nastja.
— Ja.
Das war’s.
— Und du glaubst aufrichtig, dass ich an allem schuld bin?
Der Mann zog an der Zigarette und blies einen Rauchfaden in die nasse Luft.
— Ja, Nastja.
Das glaube ich.
Du hast unsere Ehe zerstört, weil du deine Bequemlichkeit nicht für die Familie opfern konntest.
— Verstanden.
Nastja drehte sich um und ging, ohne zurückzuschauen.
Sie ging schnell, beinahe rannte sie über die glitschigen Gehwegplatten.
Sie erreichte die U-Bahn, stieg hinab in die laute, nach Feuchtigkeit und Menschen riechende Unterwelt.
Und erst im Wagen, im Gedränge, wo niemand jemanden ansah, erlaubte sie sich, die Augen zu schließen und die Lider so zusammenzupressen, dass sie die aufsteigenden Tränen zurückhalten konnte.
Einen Monat später waren alle Formalitäten erledigt.
Dmitri kam am Samstag frühmorgens die restlichen Sachen holen.
Nastja ließ ihn hinein und zeigte schweigend auf die an der Wand gestapelten Kisten mit Büchern und alten Zeitschriften.
Er — schon Ex-Mann — begann ebenso schweigend, sie hinaus auf den Treppenabsatz zu tragen.
— Wie geht’s Igor? — konnte Nastja sich nicht verkneifen.
— Geht so.
Sucht.
— Und Vika?
— Ist bei ihm.
— Wohnt ihr immer noch bei Ljudmila Petrowna?
— Ja.
Kurz, knapp, ohne Details.
Dmitri schob die letzte Kiste in den Aufzug und drehte sich an der Schwelle noch einmal um.
— Das müsste alles sein.
— Müsste.
Na dann.
— Leb wohl.
Die Tür schloss sich.
Nastja lehnte die Stirn an den Türrahmen und schloss die Augen.
Alles.
Ende.
Drei Jahre gemeinsames Leben wurden zu Asche, nur weil sie ihr Zuhause nicht zu einem Durchgangshof machen wollte.
Völliger Irrsinn.
Aber langsam, Tag für Tag, begann sie zu begreifen.
Es ging nicht um Igor und nicht um Vika.
Es ging um Dmitri.
Darum, dass er nie ein erwachsener, selbstständiger Mann gewesen war.
Er war für immer der Junge geblieben, den man zurechtweisen, lenken und für den man Entscheidungen treffen muss.
Ljudmila Petrownas Sohn, der es nicht konnte und nicht wollte, Nastjas Ehemann zu sein.
Fünf Monate vergingen.
Nastja lebte allein, arbeitete viel, ging manchmal mit Katja ins Kino.
Eines Abends, bei einem Glas Wein, erzählte die Freundin vorsichtig eine Neuigkeit.
— Weißt du, Igor ist mit Vika abgehauen.
Schon im Januar, glaube ich.
— Wohin? — wunderte sich Nastja.
— Keine Ahnung.
Man sagt, entweder nach Petersburg, oder sogar nach Sotschi.
Aber Tatsache ist — sie sind nicht mehr hier.
Und dein Dima wohnt immer noch mit Mutti in der Einzimmerwohnung.
Stell dir das vor!
Dreiunddreißig, und er…
Nastja stellte es sich vor.
Ein enger Flur, eine Küche mit fünf Quadratmetern, vollgestellt mit Gläschen, und die allgegenwärtige, alles kontrollierende Ljudmila Petrowna.
Sein Leben, seine Zukunft — alles dort, in diesen Wänden.
— Tut mir leid um ihn, — seufzte Katja.
— Umsonst war das, Nast.
Du hast den Kerl kaputtgemacht.
— Tut mir nicht leid, — antwortete Nastja leise, aber sehr klar.
— Er hat seine Wahl getroffen.
Und das war die reine Wahrheit.
Jeder wählt selbst.
Dmitri wählte, im Schatten der Mutter zu bleiben, in einer behaglichen, vertrauten Knechtschaft.
Nastja wählte, ihren Raum zu schützen, ihre Ruhe, ihr Recht, „nein“ zu sagen.
Auch wenn dieses Recht teuer ist.
Spät am Abend saß sie in der Küche, trank kalten Tee aus und sah aus dem Fenster, wo die Lichter der Hochhäuser angingen.
Tat es weh?
Und wie.
Gab es Kränkung?
Ja, dumpf und nagend.
Aber Reue gab es nicht.
Sie hatte das Wichtigste gelernt — keine Angst zu haben, allein zu bleiben.
Nicht bis zum letzten Atemzug an etwas festzuhalten, das dich von innen zerfrisst, das dich an deinem eigenen Verstand zweifeln lässt.
Vor ihr lag das Leben.
Eine ungeplante, noch leere Seite.
Und jetzt entschied nur noch Nastja, mit welcher Tinte und in welcher Handschrift sie sie füllen würde.
Ohne Ultimaten, ohne Druck, ohne fremde zustimmende oder verurteilende Blicke.
Nur ihre eigenen Entscheidungen.
Ihr eigener, hart erkämpfter Frieden.



