— Früher hat man in Erdhütten geboren! — schrie die Schwiegermutter und verlangte, dass ich meine schwangere Schwägerin bei mir in der Wohnung wohnen lasse.

Inna wachte davon auf, dass irgendwo hinter der Wand wieder ein Bohrhammer brüllte.

Den dritten Tag in Folge.

Allerdings war der Bohrhammer noch das kleinere Übel.

Am schlimmsten war der Geruch von gebratenem Fisch, der hartnäckig aus der Nachbarküche durch das Fenster hereinzog.

Es schien, als hätte er sich in die Vorhänge und in die Haare gefressen.

Inna band ihre Haare allerdings schon lange zu einem straffen Pferdeschwanz zusammen, nur um nicht daran denken zu müssen, dass sie nach einer billigen Bahnhofskneipe rochen.

Eine Einzimmerwohnung am Stadtrand ist nicht der Traum schlechthin.

Aber auch nicht der schlimmste Ort.

Am schlimmsten war, dass diese gemietete kleine Zelle fast ihr ganzes Gehalt als Buchhalterin verschlang, während Grischa, ihr Mann, nur ein paar Groschen nach Hause brachte.

Taxifahrer in einem gemieteten Auto.

Heute gibt es Geld — morgen nicht.

— Grischa, willst du aufstehen oder was? — fragte sie und schaute ins Zimmer.

Er lag auf dem Sofa und umarmte ein Kissen.

Dreitagebart, Socken auf dem Boden.

Verschlafen, aber frech.

— Warum fängst du gleich wieder an?

Heute ist doch frei.

— Er rieb sich die Augen und gähnte.

— Lass mich schlafen.

Inna presste die Lippen zusammen.

Wie lange noch?

Sie arbeitet auch sechs Tage die Woche.

Ihre freien Tage sind relativ: Wäsche, Kochen, Putzen, Berichte für Kunden.

Da klingelte es an der Tür.

Lang und hartnäckig.

— Mama ist da, — zog Grischa die Worte und sprang sofort auf.

Wen er immer geschniegelt empfing, dann war es seine Walentina Petrowna.

Die Schwiegermutter kam herein wie eine Hausherrin.

In den Händen hatte sie eine Einkaufstasche mit Lebensmitteln, auf dem Kopf eine ordentliche Frisur, auf den Lippen kräftigen Lippenstift.

Eine Frau von etwa fünfundfünfzig, die sich jedoch so gab, als wäre sie immer noch die begehrteste Braut der ganzen Gegend.

— Innochka, was für ein Geruch ist das hier …

Mein Gott, wie in einer sowjetischen Kantine, — sie rümpfte die Nase.

— Lüfte wenigstens.

— Guten Tag, Walentina Petrowna, — antwortete Inna trocken.

— Guten Tag, guten Tag.

Die Schwiegermutter schaute sich das Zimmer an, in das außer Sofa, Schrank und Tisch kaum etwas hineinpasste.

— Und wie wollt ihr hier ein Kind bekommen?

In dieser Zelle?

Inna kannte das Drehbuch bereits.

Jeder Besuch endete mit demselben Gespräch.

— Mama, fang nicht an, — mischte sich Grischa ein.

— Was heißt „fang nicht an“? — hob die Schwiegermutter die Augenbrauen.

— Ich bin übrigens nicht mehr zwanzig.

Ich will Enkel babysitten, solange mich die Beine tragen.

Und ihr macht alles schlampig.

Inna, fühlst du dich überhaupt wie eine Frau?

Inna ballte die Hände so fest, dass sich die Nägel in die Handflächen bohrten.

— Walentina Petrowna, wir haben im Moment andere Pläne.

Wir wollen zuerst die Wohnfrage lösen.

— Wohnfrage! — äffte sie nach.

— Früher hat man in Erdhütten geboren, und nichts ist passiert.

Und du nur „Wohnung, Wohnung“.

Egoistin!

Dieses Wort war schon zum Refrain geworden.

Wie oft hatte sie es gehört.

Und jedes Mal wollte sie etwas Schweres greifen und werfen.

Aber heute war Walentina Petrowna nicht grundlos gekommen.

— Übrigens, Kinder, ich habe eine Nachricht.

Swetka ist in der Wohnung gemeldet, die Inna von der Oma geerbt hat.

Inna erstarrte.

— Wie bitte „gemeldet“? — sie spürte, wie in ihr alles kalt wurde.

— Was heißt wie bitte, — zuckte die Schwiegermutter mit den Schultern.

— Ich bin mit Grischa hingegangen, wir haben alles erledigt.

Die Fläche reicht, und Swetka bekommt bald ihr Kind.

Sie muss auch irgendwo wohnen.

Inna drehte sich ruckartig zu ihrem Mann um.

— Was hast du getan?

Grischa senkte den Blick wie ein Junge, den man beim Rauchen erwischt hat.

— Inn, was ist denn …

Das ist doch meine Schwester.

Ihr geht’s schwer.

Und die Wohnung ist sowieso „für alle“.

— Für alle? — Innas Stimme brach.

— Sie gehört mir!

Erbe!

Denkst du überhaupt nach?

Die Schwiegermutter schnaubte.

— An deiner Stelle würde ich nicht so rumzicken.

Die Wohnung ist jetzt unsere.

Familienwohnung.

Inna hatte das Gefühl, als hätte man ihr in den Bauch geschlagen.

Vier Jahre hatte sie Spott, Vorwürfe, ewige Ratschläge ertragen.

Aber heute klickte etwas.

— Raus! — schrie sie.

— Sofort!

— Bist du verrückt geworden? — fuhr die Schwiegermutter auf.

— Ich bin die Mutter deines Mannes!

— Mannes? — Inna drehte sich zu Grischa.

— Welcher Mann?

Ein Verräter?

Er druckste herum und versteckte die Hände in den Taschen.

— Inn, reg dich nicht so auf …

Aber Inna hörte schon nicht mehr.

Tränen brannten in den Augen, das Herz hämmerte.

— Schluss.

Genug.

Wenn die Wohnung „für alle“ ist, dann kann unser Leben nicht „für alle“ gemeinsam sein.

Sie knallte die Tür vor dem Gesicht der Schwiegermutter zu.

Die schrie noch hinter der Tür, Inna sei „nicht normal“ und „zerstöre die Familie“.

Doch Inna stand an die Wand gelehnt und spürte zum ersten Mal seit vier Jahren, dass sie bereit war, für ihr eigenes zu kämpfen.

An diesem Abend ging Inna aus der Wohnung.

Sie schnappte sich einfach ihre Jacke, die Tasche mit den Dokumenten und knallte die Tür so zu, dass Putz von der Decke rieselte.

Wohin sie gehen sollte, wusste sie nicht.

Draußen war eine klamme Frühlingskälte, der Asphalt glänzte nach dem Regen, und die Passanten eilten ihren Angelegenheiten nach, als hätten sie Ordnung im Leben.

Sie ging und dachte: So vergeht das Leben.

Man lebt, man erträgt, man schmiedet Pläne — und plötzlich versteht man, dass alle um einen herum einen nur als kostenlosen Anhang benutzen.

Der Mann — damit er nicht erwachsen werden muss.

Die Schwiegermutter — damit sie diktieren kann.

Die Schwägerin — damit sie auf чужі Kosten lebt.

Und du?

Für sie bist du niemand.

Das Handy vibrierte.

„Grischa“.

Inna ging nicht ran.

Dann wieder: „Mama“.

Dann wieder „Grischa“.

Sie schaltete das Handy aus.

Am Ende landete sie bei einer Freundin, bei Tanja.

Die war schon vor drei Jahren geschieden und lebte allein mit einer Katze in einer Zweizimmer-Chruschtschowka.

Im Flur roch es nach Kaffee und Zigaretten.

— Na endlich! — Tanja warf die Hände hoch.

— Ich dachte schon, du würdest dich nie trauen.

Komm rein, setz dich.

Inna ließ sich, ohne sich auszuziehen, auf das Sofa fallen.

— Sie haben Swetka angemeldet.

In meiner Wohnung.

— Ach du … — Tanja pfiff leise durch die Zähne.

— Was für Schweine.

— Grischa hat zugestimmt.

Still.

Er hat es mir nicht mal gesagt.

Die Freundin goss Tee in einen Becher und stellte ihn vor sie hin.

— Inn, was hast du erwartet?

Er ist doch immer auf Mamas Seite.

Die Nabelschnur ist da nie durchtrennt worden.

Inna nickte.

Sie wollte schreien, Geschirr zerschlagen, aber sie hatte keine Kraft.

Am nächsten Tag kam Grischa zu Tanja.

Er stand in der Tür mit hängendem Gesicht.

— Inn, warum benimmst du dich wie ein Kind?

Komm nach Hause.

— Nach Hause? — sie hob den Blick.

— In welches Zuhause?

In diese gemietete Hundehütte, in der deine Mami das Sagen hat?

— Du verstehst doch, Swetka bekommt bald ihr Kind … — er knetete seine Mütze in den Händen.

— Sie hat nirgendwo zu wohnen.

— Und wo soll ich wohnen? — Inna stand abrupt auf.

— Die Wohnung gehört mir!

Rechtlich mir!

— Was macht es dir denn aus, wer dort gemeldet ist? — Grischa breitete die Arme aus.

— Wir sind doch Familie.

— Familie? — ihre Stimme brach.

— Das ist deine Familie.

Und wer bin ich dort?

Eine melkende Kuh?

Eine kostenlose Köchin?

Er machte einen Schritt auf sie zu und wollte nach ihrer Hand greifen.

— Inn, jetzt reicht’s.

Du bist eine Egoistin.

Du denkst immer nur an dich.

Dieses Wort traf sie wie eine Ohrfeige.

„Egoistin“.

Schon wieder.

Inna stieß ihn weg.

— Hau ab.

Grischa zuckte, als wollte er noch etwas sagen, aber Tanja stellte sich hin, die Arme vor der Brust verschränkt.

— Du hast sie gehört.

Die Tür ist da.

Er ging, die Tür hinter sich zuschlagend.

Eine Woche später begann die Hölle.

Die Schwiegermutter rief jeden Tag an.

Sie schrie, Inna „zerstöre die Familie“, „jage eine schwangere Frau auf die Straße“, „beschäme sie alle“.

Inna versuchte nicht abzuheben, aber Walentina Petrowna fand einen Weg.

Sie kam zur Arbeit.

Sie stand in der Buchhaltung und fuchtelte mit den Armen, während die Kollegen starrten.

— Du glaubst, du bist schlau? — kreischte sie.

— Du zählst Geld, aber wo ist dein Gewissen?

Deine Schwägerin ist hochschwanger, und du klammerst dich an die Wohnung!

Inna stand mit steinernem Gesicht da, obwohl in ihr alles kochte.

— Walentina Petrowna, gehen Sie.

Sonst rufe ich den Sicherheitsdienst.

— Egoistin! — schrie sie und knallte die Tür.

Dann kam ein Brief.

Ein normales Papier vom Bürgeramt: eine Mitteilung über die Anmeldung einer Person unter einer Adresse.

Inna starrte auf die Zeilen und spürte, wie sie zitterte.

In der Zeile „Wohnsitz“ stand ihre Wohnung.

Die Wohnung, um die sie mit Notaren, dem Finanzamt und Renovierungen gekämpft hatte.

Und jetzt war dort — Swetlana.

Sie ging nach Hause, schaltete das Handy ein.

Dutzende Nachrichten von Grischa waren da: „Inn, mach keinen Blödsinn“, „Versteh es richtig“, „Für uns alle wird’s besser“.

Sie schrieb nur eins:

— Pack deine Sachen.

Eine Stunde später kam er zu Tanja.

Er stand im Flur mit einer Tasche.

— Meinst du das ernst? — in seiner Stimme lag etwas zwischen Kränkung und Angst.

— Ernst, — Inna zuckte nicht.

— Ich bin nicht mehr deine Frau.

— Inn, was machst du da! — er riss die Hände hoch.

— So geht das nicht!

Wir sind doch Familie!

— Welche Familie? — fragte sie kalt.

— Die, in der deine Mutter entscheidet, wer in meiner Wohnung lebt?

Oder die, in der der Mann schweigend verrät?

Grischa schwieg.

Er stand da, trat von einem Fuß auf den anderen, als wolle er sich rechtfertigen, aber die Worte fehlten.

— Geh, — sagte sie.

Er warf die Tasche auf den Boden, hob sie wieder auf und warf sie erneut.

— Dann fahr zur Hölle! — schrie er und stürmte hinaus.

Inna schloss ab und lehnte sich an die Wand.

Sie zitterte vor Wut und Erleichterung zugleich.

Inna reichte die Scheidung ein.

Alles ging erstaunlich schnell: Die geerbte Wohnung wird nicht geteilt, es gibt keine gemeinsamen Kinder, gemeinsames Eigentum gab es nicht.

Der Richter las die Entscheidung mit gelangweilter Stimme vor, Grischa nuschelte etwas von „man könne noch alles reparieren“, aber Inna drehte nicht einmal den Kopf.

Sie hatte längst entschieden.

Es schien, als wäre alles vorbei.

Ende.

Getrennt.

Jeder für sich.

Aber Walentina Petrowna gab nicht so leicht auf.

Eine Woche später entdeckte Inna an ihrer Tür ein neues Schild: „Swetlana und Sohn“.

So eine Dreistigkeit, dass ihr sogar der Atem stockte.

Sie öffnete die Tür — und da saß die Schwägerin auf ihrem Sofa, der Bauch unter dem Pullover, die Nägel lackiert, das Handy in der Hand.

— Und was schleppst du dich hier an? — warf Swetka hin, ohne auch nur aufzustehen.

Inna erstarrte.

— Das ist meine Wohnung.

— Ach was! — schnaufte sie.

— Mama hat gesagt, du bist ausgezogen, also bin jetzt ich hier.

— Steh auf.

Und in fünf Minuten will ich keine Spur von dir mehr hier sehen, — sagte Inna.

Ihre Stimme war eisig, und sie erkannte sich selbst kaum wieder.

Swetka rutschte unruhig hin und her.

— Und wenn ich nicht rausgehe?

— Dann gehst du.

Inna zog ihr Handy heraus.

— Soll ich die Polizei rufen?

— Das darfst du nicht! — kreischte sie.

— Ich bin hier gemeldet!

— Gemeldet sein heißt nicht Eigentum, Kleines, — sagte Inna deutlich.

— Nach dem Gesetz kann ich dich schon morgen per Gericht abmelden lassen.

Und das werde ich tun.

Swetka fuhr hoch, griff nach einem Becher und schleuderte ihn gegen die Wand.

Spritzer flogen, Scherben fielen auf den Boden.

— Egoistin! — schrie sie.

Das Wort dröhnte ihr in den Ohren, aber Inna rührte sich nicht.

Sie trat vor, packte Swetka am Arm und zog sie ruckartig hoch.

— Raus.

Jetzt.

Swetka wollte sich losreißen, aber sie sah etwas in Innas Augen, das ihr die Lust am Streit nahm.

Sie warf die Tasche über die Schulter und rannte zur Tür hinaus.

Inna schloss ab und lehnte sich an die Tür.

In der Brust zitterte es, die Hände bebten, aber innen war es leicht.

Zum ersten Mal seit vier Jahren wirklich leicht.

Am nächsten Tag ging sie zum Einwohnermeldeamt und stellte den Antrag, Swetlana abzumelden.

Die Begründung war einfach: „kein Eigentumsrecht und Widerspruch der Eigentümerin“.

Der Jurist erklärte: ein paar Monate — und die Sache ist erledigt.

Und am Abend saß sie allein in ihrer Wohnung.

Ohne Mann, ohne Schwiegermutter, ohne fremde Schreie.

Auf dem Tisch stand ein Becher Tee.

Und es fühlte sich an, als wäre nach einem langen Krieg endlich Frieden eingekehrt.

Sie hatte sich endlich nicht nur die Wohnung zurückgeholt.

Sie hatte sich ihr Leben zurückgeholt.