Der Sohn von dir hat einen schlechten Einfluss auf meinen Enkel, schick ihn zu deinem Ex-Mann! – drängte die Schwiegermutter, ohne ihre Abneigung gegen mein Kind zu verbergen.

Olga stellte den Teller vor ihren Sohn und setzte sich daneben, während sie die Falten auf der Tischdecke glattstrich.

Schon seit einem Monat herrschte in ihrer neuen Familie eine ungewohnte Stille.

Sascha, der früher immer so gesprächig und lächelnd gewesen war, schwieg jetzt meistens, und Nikita, der Stiefsohn, begann im Gegenteil, seine Meinung öfter zu äußern, besonders in Anwesenheit der Großmutter.

— Mama, darf ich heute zu Pascha gehen?

Wir wollen zusammen ein neues Spiel spielen, — Sascha stocherte mit dem Löffel im Teller herum und wich dem Blick der Mutter aus.

— Natürlich, mein Sonnenschein.

Iss nur zuerst.

Andrej kam in die Küche, fuhr Sascha durchs Haar und setzte sich ihm gegenüber.

In seinen Augen war die Müdigkeit deutlich zu lesen – die letzten Wochen auf der Arbeit waren anstrengend gewesen.

— Wie läuft es in der Schule? — fragte Andrej und versuchte, die angespannte Stimmung zu lösen.

— Geht so, — murmelte Sascha und schob die Nudeln weiter auf dem Teller hin und her.

Im Flur knallte die Tür – Nikita war gekommen.

Der Junge stürmte in die Küche und wedelte mit irgendeinem Zettel.

— Papa, schau mal!

Ich habe heute eine Eins in Mathe bekommen!

Oma hat mir versprochen, mir für gute Noten etwas zu schenken.

Olga spannte sich an.

Schon wieder Galina Sergejewna mit ihren Geschenken.

Sascha bekam auch Einsen, aber aus irgendeinem Grund blieben seine Erfolge unbeachtet.

— Gut gemacht, mein Sohn! — Andrej lächelte.

— Setz dich zum Abendessen.

— Ich habe schon bei Oma gegessen.

Sie hat Lasagne gebacken, — verkündete Nikita stolz.

Sascha hob den Blick vom Teller.

— Und Oma Galja backt mir nie etwas …

— Na ja, sie ist doch nicht deine Oma, — antwortete Nikita arglos.

Olga zuckte zusammen.

In ihrer Brust zog sich etwas bei diesen Worten schmerzhaft zusammen.

Andrej runzelte die Stirn.

— Nikita, so etwas sagt man nicht.

Wir sind jetzt eine Familie.

— Aber es stimmt doch! — Nikita zuckte mit den Schultern.

— Oma sagt das selbst so.

Olga stand vom Tisch auf und versuchte, die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen stiegen.

Sie erinnerte sich daran, wie alles angefangen hatte.

Nach der Scheidung hatte sie nicht geglaubt, dass sie noch einmal lieben könnte, aber die Begegnung mit Andrej änderte alles.

Er schien so verständnisvoll und fürsorglich zu sein.

Als er zum ersten Mal zu ihnen nach Hause kam, suchte Sascha sofort seine Nähe.

Sie bauten zusammen ein Konstruktionsspiel auf.

In Olgas Seele blühte die Hoffnung auf ein neues Glück auf.

Das erste Treffen mit der zukünftigen Schwiegermutter hätte ein wichtiger Moment werden sollen.

Olga zog ihr bestes Kleid an, legte die Haare zurecht und backte sogar einen Kuchen nach dem Rezept ihrer Mutter.

Aber Galina Sergejewna empfing sie kühl.

— Kommt rein, — sagte sie damals und musterte die zukünftige Schwiegertochter mit prüfendem Blick.

Beim Tee schwieg Galina Sergejewna die meiste Zeit und stellte nur gelegentlich spitze Fragen:

— Habt ihr eine eigene Wohnung?

Und ist deine Arbeit sicher?

Zahlt dein Ex-Mann Unterhalt?

Olga antwortete ruhig, im Bewusstsein, dass sich die Mutter einfach nur um ihren Sohn sorgte.

Aber als es um die Kinder ging, konnte sich Galina Sergejewna nicht mehr beherrschen:

— Andrejscha, hast du darüber nachgedacht, wie es für Nikita sein wird?

Die Aufmerksamkeit des Vaters mit einem fremden Kind zu teilen, ist nicht leicht.

— Mama, — wies Andrej sie damals zurecht, — Sascha ist nicht fremd.

Er ist ein wunderbarer Junge.

Nach der Hochzeit zogen sie zusammen in Olgas Wohnung.

Zuerst lief alles gut.

Die Jungen mussten sich aneinander gewöhnen, spielten zusammen und machten sogar die Hausaufgaben am selben Tisch.

Doch jeder Besuch von Galina Sergejewna brachte neue Bitterkeit in ihr Leben.

Besonders schwer wurde es an den Feiertagen.

Zu Neujahr brachte Galina Sergejewna Geschenke mit.

Nikita bekam ein neues Tablet, und Sascha bekam eine Tüte billiger Süßigkeiten.

— Du hast doch sowieso schon ein schönes Geschenk von deiner Mutter bekommen, — sagte sie damals, und in ihrer Stimme klang kaum verhüllte Abneigung.

Sascha lächelte tapfer, aber Olga sah, wie seine Lippen zitterten.

Olga selbst machte niemals einen Unterschied zwischen den Jungen.

Und auch ihre Mutter versuchte, beide Kinder gleich zu behandeln.

Aber dieser Vorfall veränderte etwas.

Am Abend erklärte sie ihrem Sohn lange, dass Erwachsene unterschiedlich sein können und dass man über solchen Dingen stehen muss.

Und dann weinte sie im Bad, mit aufgedrehtem Wasser, damit niemand sie hörte.

Andrej versuchte, die Ecken abzurunden, stellte sich aber oft auf die Seite seiner Mutter:

— Was erwartest du denn?

Sie ist eine Großmutter, natürlich ist ihr leiblicher Enkel ihr näher.

Olga war anderer Meinung, schwieg aber.

Um des Familienfriedens willen war sie bereit, vieles zu ertragen.

Nur ihr Herz schmerzte immer mehr, wenn sie sah, wie Sascha sich nach und nach in sich selbst zurückzog.

Zu Ostern wiederholte sich die Geschichte.

Galina Sergejewna brachte wieder nur Nikita ein Geschenk – ein neues Handy.

Sascha tat so, als sei es ihm egal, aber am Abend erwischte Olga ihn, wie er weinend ins Kissen schluchzte.

Und nun war Saschas Geburtstag gekommen.

Olga Mutter schenkte ihrem Enkel einen Laptop, von dem er schon lange geträumt hatte.

Der Junge strahlte vor Glück, doch da ertönte die empörte Stimme von Galina Sergejewna:

— Wie konntest du nur meinen Enkel so benachteiligen?!

Das ist ungerecht!

Im Zimmer lag eine schwere Stille.

Sascha drückte die Laptop-Schachtel hilflos an sich, als hätte er Angst, dass man ihm das Geschenk wegnehmen würde.

Olga begann, wütend zu werden.

— Mama, lass uns bitte keinen Streit anfangen, — versuchte Andrej einzugreifen, aber Galina Sergejewna konnte sich nicht mehr bremsen.

— Nein, das werden wir!

Warum bekommt das eine Kind ein teures Geschenk und das andere gar nichts?

Olga Mutter, Nina Petrowna, richtete sich auf und ihre Augen blitzten:

— Und warum soll ich deinem Enkel überhaupt etwas schenken, wenn du meinem nicht einmal vernünftige Süßigkeiten kaufst?

Zu Neujahr bekommt Nikita ein Tablet, und Sascha – ein kleines Tütchen Bonbons.

Zu Ostern ein Handy für den einen und nichts für den anderen.

Und heute ist Saschas Geburtstag.

Warum sollte ich Nikita denn überhaupt irgendetwas schenken?

— Das ist etwas anderes! — Galina Sergejewna presste die Lippen zusammen.

— Nikita ist mein leiblicher Enkel!

— Und Sascha ist mein leiblicher Enkel.

Und ich habe das Recht, ihm zu schenken, was ich für richtig halte.

Andrej schwieg weiter.

Olga sah ihren Mann mit Schmerz an.

Sie wollte Unterstützung.

Aber offenbar nicht heute.

Das Fest war endgültig verdorben.

Sascha zog sich leise in sein Zimmer zurück.

Und Nikita schaltete demonstrativ sein Tablet ein.

Kurz nach diesem Tag kam ein Anruf von Galina Sergejewna.

Die Frau lud sie zum Sonntagsessen ein.

Olga weigerte sich kategorisch, hinzugehen.

— Bitte, — drängte Andrej.

— Mama möchte die Situation wieder in Ordnung bringen.

— In Ordnung bringen? — Olga lächelte bitter.

— Nach allem, was sie gesagt hat?

— Um meinetwillen.

Um unserer Familie willen.

Und Olga stimmte zu, obwohl ihr Herz ihr zuflüsterte, dass sie besser nicht gehen sollte.

Galina Sergejewna empfing sie mit gespielter Freundlichkeit.

Auf dem Tisch dampfte Hähnchen mit Kartoffeln, und eine große Schüssel Salat stand bereit.

Nikita lief sofort los, um neue Spielsachen zu suchen.

Eine Zeit lang verlief alles ruhig.

Sie sprachen über das Wetter, die Arbeit und die schulischen Leistungen der Kinder.

Dann legte Galina Sergejewna die Gabel beiseite und sagte das, was sie offenbar schon lange hatte sagen wollen:

— Olga, dein Sohn hat einen schlechten Einfluss auf meinen Enkel.

Ich finde, es wäre besser, wenn du ihn zu deinem Ex-Mann zum Leben schickst.

Olga erstarrte mit der Gabel in der Hand, die sie gerade zum Mund geführt hatte.

In ihren Ohren begann es zu dröhnen.

Olga wandte sich Andrej zu.

Doch ihr Mann starrte angestrengt auf seinen Teller.

Er tat so, als hätte er die Worte seiner Mutter nicht gehört.

Und Galina Sergejewnas Stimme wurde immer lauter:

— Was, hast du nichts zu sagen?

Nikita ist schlechter in der Schule geworden, er wird frech.

Das ist alles der Einfluss von deinem Sascha!

— Mama… — versuchte Andrej einzugreifen, aber die Schwiegermutter ließ sich nicht mehr stoppen:

— Ich werde nicht zulassen, dass irgendwelche Fremden meinem Enkel das Leben verderben!

Olga stand langsam vom Tisch auf.

Ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme klang fest:

— Wissen Sie was, Galina Sergejewna?

Ich habe Ihre Eskapaden fast ein Jahr lang ertragen.

Ich habe es Andrej zuliebe ertragen, den Kindern zuliebe, unserer neuen Familie zuliebe.

Aber jetzt reicht es mir!

Mein Sohn ist kein Fremder, er ist genauso ein Kind wie Nikita.

Und ich werde Ihnen nicht erlauben, ihn fertigzumachen!

— Wie kannst du es wagen… — begann Galina Sergejewna, aber Olga fiel ihr ins Wort:

— Nein, wie können Sie es wagen!

Zu verlangen, dass ich mein Kind weggebe?

Ihn zu erniedrigen und so zu tun, als würde er gar nicht existieren?

Olga wandte sich an ihren Mann:

— Und du?

Warum schweigst du?

Warum lässt du zu, dass deine Mutter so mit meinem Sohn umgeht?

Andrej hob endlich den Blick:

— Lass uns nicht die Beherrschung verlieren …

— Nicht die Beherrschung verlieren? — ihr Hals war wie zugeschnürt.

— Weißt du was?

Bleib bei deiner Mutter und deinem Sohn.

Ich reiche die Scheidung ein.

— Was?! — schrie Galina Sergejewna auf.

— Das kannst du nicht!

Nikita braucht eine Mutter!

— Nikita braucht eine Mutter? — Olga lachte unter Tränen.

— Und mein Sohn braucht also keine Mutter?

Sascha! — rief sie.

— Wir gehen.

— Du wirst es nicht wagen! — Galina Sergejewna sprang vom Stuhl auf.

— Andrej, sag ihr etwas!

— Es gibt nichts zu sagen!

Wenn wir Fremde sind, dann habt ihr in meiner Wohnung nichts zu suchen!

Ich werde eure Sachen morgen früh schicken!

Die Schwiegermutter schrie noch irgendetwas hinterher.

Aber Olga ging bereits zum Ausgang.

Ihr Sohn hielt ihre Hand fest.

Der Junge wehrte sich nicht.

Es schien, als hätte Sascha diesen Moment schon lange erwartet.

Zu Hause ging Olga sofort zum Schrank.

Sie holte Taschen hervor und begann, sie zu füllen.

Ihre Bewegungen waren ruhig und bestimmt – als sei die Entscheidung schon lange in ihr gereift, und dieser Tag sei nur der letzte Tropfen gewesen.

Sorgfältig faltete Olga Andrejs Sachen zusammen und erinnerte sich daran, wie sie noch vor Kurzem diese Hemden gewaschen, Hosen gebügelt und Anzüge aufgehängt hatte.

Sascha saß auf dem Bett und beobachtete seine Mutter:

— Mama, machen wir das Richtige?

Olga blieb stehen und setzte sich neben ihren Sohn:

— Weißt du, manchmal muss man sich selbst schützen können.

Auch wenn es weh tut.

— Aber was ist mit Nikita?

Wir waren doch fast Freunde geworden …

— Mein Schatz, ihr könnt euch in der Schule sehen.

Aber hier werden sie nicht mehr wohnen.

Am Morgen rief Olga ein Taxi.

Der Fahrer half, die Sachen einzuladen.

Und bald machten sich die Taschen mit der Kleidung von Andrej und Nikita auf den Weg zu Galina Sergejewnas Haus.

Olga schaute dem wegfahrenden Wagen nach.

Innerlich fühlte sie nur Leere.

Aber Olga wusste, dass sie richtig gehandelt hatte.

Gegen Mittag klingelte das Telefon.

Andrej.

— Wir müssen reden, — seine Stimme klang ungewohnt ernst.

— Worüber? — Olga bemühte sich, ruhig zu sprechen.

— Darüber, wie du zugelassen hast, dass deine Mutter meinen Sohn erniedrigt?

Oder darüber, wie du geschwiegen hast, als sie vorschlug, ihn zu seinem Vater zu schicken?

— Ich kann alles wieder gutmachen.

Ich rede mit Mama, sie wird es verstehen …

— Nein, Andrej.

Es ist zu spät.

Sascha wird sich nie wieder überflüssig fühlen.

Ich will nicht mehr hören, wie mein Sohn nachts weint!

— Aber wir sind doch eine Familie! — in Andrejs Stimme lag Verzweiflung.

— Ich liebe dich, ich liebe Sascha …

— Du liebst uns? — Olga lächelte bitter.

— Warum hast du uns dann kein einziges Mal verteidigt?

Warum hast du dich immer auf die Seite deiner Mutter gestellt?

In der Leitung entstand eine Pause.

— Ich lasse mich scheiden, — sagte Olga fest.

— Die Entscheidung steht.

Drei Tage später brachte Olga die Unterlagen zum Gericht.

Als sie das Gebäude verließ, holte sie ihr Telefon aus der Tasche – fünfzehn verpasste Anrufe von Galina Sergejewna, dutzende Nachrichten.

„Du zerstörst die Familie!“, „Wie kannst du Nikita das antun?“, „Andrej ist völlig außer sich!“.

Am Abend rief ihre Mutter an:

— Mein Kind, vielleicht solltest du nichts überstürzen? — Nina Petrowna sprach sanft und vorsichtig.

— Es ist doch schon deine zweite Ehe …

— Mama, erinnerst du dich noch, wie Sascha geweint hat, als er statt eines richtigen Geschenks nur eine Tüte Bonbons bekommen hat?

Wie er gefragt hat, warum Oma Galja ihn nicht liebt?

Die Mutter seufzte.

— Ich erinnere mich.

Du hast recht – man darf nicht zulassen, dass ein Kind verletzt wird.

Die Monate vergingen wie im Flug.

Die Scheidung verlief schnell und fast schmerzlos – Andrej versuchte weder, etwas zu fordern, noch etwas anzufechten.

Vielleicht verstand er seine Schuld, oder er war einfach müde.

Sascha blühte regelrecht auf.

Er begann wieder zu lächeln, zu scherzen und Freunde nach Hause einzuladen.

Olga stellte erstaunt fest, wie sehr sich ihr Leben verändert hatte.

Niemand musste mehr seinen Wert beweisen.

Oder sein Recht auf Glück verteidigen.

Galina Sergejewna versuchte noch mehrere Monate lang, die ehemalige Schwiegertochter zu erreichen.

Sie schrieb, rief an und kam sogar bis zum Haus.

Aber Olga blieb unnachgiebig.

Sie war nicht mehr bereit, das Glück ihres Kindes für die Ambitionen anderer zu opfern.